Euer Theater ist auf unserem Grab gebaut

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Theater (+) Frauen (=) Macht?

Wenn am Theater Bonn ein Stück Premiere oder Uraufführung feiert, bei dem der Name Volker Lösch neben dem Wort Regie steht, macht sich bei den Zuschauern eine Art freudige Erwartungshaltung breit. Die Messlatte bei der letzten Schauspielpremiere der Spielzeit von House of Horror im Schauspielhaus Bad Godesberg lag jedenfalls sehr hoch. Im Foyer sowie im Zuschauerraum freute man sich auf einen spannenden, bereichernden und wie immer auch auf einen eher unbequemen, anstrengenden und aufreibenden Abend. Der Untertitel „Theater. Frauen. Macht.“ sollte diese erwartungsvolle Stimmung nicht entschärfen.

(c) Thilo Beu

Das Stück ist in weiten Teilen eine kritische Reflexion des Theaters über sich selbst und über seine Machtstrukturen: Zu Beginn blickt man auf sechs junge Schauspielstudentinnen und -studenten, die aus dem Studium in die Arbeitswelt entlassen werden. Sie tragen denselben Idealismus an das Theater heran, wie es wohl auch der Großteil des Publikums tut: Theater soll die herrschenden Machtstrukturen darstellen und sie kritisieren. Doch in den, an die Ausbildung anschließenden, Vorsprechen an Theatern prallt dieser Idealismus auf bittere Realität: Die Intendanten und Regisseure, die auf einem gigantischen, Macht repräsentierendem Sofa sitzen, reproduzieren vor allem eines sehr deutlich: die Geschlechterrollen der Gesellschaft. Stets sind nur eindimensionale und immer gleiche Darstellungen von Frauenfiguren gewünscht.

Besonders eindrucksvoll und sehr beklemmend ist die Darstellung des Probens der Szene der Vergewaltigung der Lavinia aus Shakespeares Titus Andronicus. Bei dieser Szene, die man als Metareflexion der Inszenierung selbst betrachten kann, geht es um die Frage, ob das Darstellen einer solchen Gewalttat verwerflich ist, da diese Darstellung die herrschenden Verhältnisse reproduziere und somit stütze – oder ob es ein Verkennen von gesellschaftlicher Realität wäre, wenn man sie nicht darstellen würde. An dieser Stelle wird die Schnittstelle von Dargestelltem und Darstellung in besonderem Maße deutlich. Denn die Schauspielerin der Lavinia will diese aus zweierlei Gründen nun nicht mehr spielen: Zum einen geht der Darsteller des Vergewaltigers Demetrius mit ihr nicht besonders behutsam um und zum anderen ist sie es leid, dass Frauen auf der Bühne immer nur als Opfer dargestellt werden.

(c) Thilo Beu

Diese fortlaufende und in sich geschlossene Geschichte (Dramaturgie Elisa Hempel und Christine Lang) der Theaterschaffenden wird immer wieder unterbrochen von einem Chor bestehend aus sechs Bonner Bürgerinnen (Julia Bogner-Dannbeck, Sophie Anastasia Botschek, Sophie-Bo Heinkel, Lioba Maria Pinn, Laila Noemi Riedmiller und Pia Rodriguez) die über ihre Erfahrungen mit Missbrauch, Sexismus und übergriffigen Situationen berichten. Die Geschichten der Frauen sind eine besondere Stärke der Inszenierung, zeigen sie doch, dass es sich bei den aufgezeigten Problemen nicht allein um Spezifika des Theaterbetriebs, sondern um gesamtgesellschaftliche Phänomene handelt.

Der Abend findet nicht nur auf der Bühne, sondern im gesamten Theater statt. Der Bühnenbereich (Julia Kurzweg) an sich bleibt dabei weitestgehend schlicht gehalten. Das einzige Bühnenbildelement und gleichzeitiges Requisit ist ein überdimensionales Sofa, auf – neben – vor – und hinter dem der Großteil der Handlung stattfindet und welches auch durch das Lichtdesign (Max Karbe) immer gekonnt in Szene gesetzt wird. Dabei interagieren die SchauspielerInnen mit den anderen Bühnenteilen wie der Unterbühne und auch mit den Fluren des Theatergebäudes. Mit diesen beiden räumlichen Ebenen werden zwei unterschiedliche Sinnebenen geschaffen. Während auf der „realen“ Bühnenebene scheinbar alltägliche und zugespitzte Probenszenen stattfinden, schafft die überdimensionale Theaterebene parallel eine mystische und düstere Atmosphäre, sagen wir die „Abgründe“ des Theaters. Diese Abgründe bestehen aus viel Nebel, Kunstblut und stammen zum Teil aus einem anderen Jahrhundert. Dieser Eindruck wird durch aufwändige Kostüme  (Annegret Riedinger) mit viel Liebe zum Detail, wie aus einer Horror-Hollywood-Produktion untermalt. Im Gegensatz dazu belaufen sich die Kostüme auf der Bühne auf schlichte Alltagsklamotten. Die komplette Gestaltung der Horror-Elemente abseits der Bühne steht in völligem Gegensatz zu der scheinbar normalen und friedlichen Welt auf der Selben.

Auf der Bühne stehen bei House of Horror Sophie Basse, Daniel Breitfelder, Annika Schilling, Birte Schrein, Lydia Stäubli, Daniel Stock und Sandrine Zenner, die vor allem durch eine beeindruckende Wandelbarkeit in verschiedenen Rollen überzeugen.

(c) Thilo Beu

Für die Darstellung der Horrorwelt wurde sich für für einige Videosequenzen (Video Thilo Schmidt) entschieden, bei denen neben Volker Lösch auch Christine Lang Regie führte. Bei den zahlreichen Momenten „zum Wegschauen“ merkt der Zuschauer nicht, dass er eigentlich in einem Theater und nicht in einem Kino sitzt. Die Sequenzen sind logisch in die Bühnenhandlung eingebaut, sodass sich das eigentliche Geschehen immer im Wechsel aus Splatter und Theateralltag erzählt und dabei kein einziges Klischee außer Acht lässt.

Wie selbstverständlich setzen wir Narrative als Ursprung unserer Kultur – doch selten ist uns bewusst, wie große Erzählungen wie die Epen der Antike und natürlich auch die Bibel unser Denken und Handeln prägen. Denn in diesen Gründungsmythen unserer Gesellschaft findet sich der wiederkehrende Topos der das Unglück über die Menschheit bringenden Frau. Man denke an den Sündenfall der christlichen Figur der Eva oder die Büchse der Pandora in der griechischen Mythologie. Diese Abwertung der Frau rekurriert in fast allen Erzählungen und Dramen kanonischer Literatur. Und zu Recht kritisiert House of Horror diese Darstellungen und wirft zugleich die Frage nach dem Zusammenhang von Fiktion und Realität auf. Doch ob die einzig richtige Konsequenz aus dieser Erkenntnis ein Verbannen jeglicher misogyner Literatur ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber obwohl diskutabel ist, inwieweit man eine solche Forderung umsetzen kann oder soll und obwohl die Inszenierung an einigen Stellen etwas zu plakativ gerät, so ist es dennoch äußerst wichtig, dass diese Fragen und Probleme diskutiert werden – gerade am Theater, welches gut daran tut, auch seine eigenen Machtstrukturen zu hinterfragen. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist House of Horror eine sehr sehenswerte und unglaublich spannende Inszenierung, die an keiner Stelle langweilig wird. Ein Besuch ist in jedem Fall zu empfehlen!

 

Die nächsten Vorstellungen sind am  19./22./29. Juni.

 

Kim Sterzel und Frederike Sophie Hubl

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