„Wir wissen doch alle, wie sie funktioniert!“

Beitragsbild (C) Thilo Beu

Mitte September hieß es endlich wieder „Bühne frei!“ im Bonner Schauspiel. Gleich zwei Premieren folgten am zweiten Septemberwochenende aufeinander – zunächst in Bad Godesberg und anschließend in der Werkstattbühne. Letztere trug den Titel LIEBE ET CETERA. 

Regisseur Emanuel Tandler, der das Haus bereits aus seiner zweijährigen Assistenzzeit kannte, widmet sich mit diesem 80-minütigen Theaterabend dem wohl schönsten und gleichzeitig schmerzvollsten Gefühl: der Liebe. Aber dieses Mal sollte es nicht nur um die himmlischen Sternstunden der Zweisamkeit gehen, wie sie so oft in Filmen oder auf der Bühne erzählt werden. Viel mehr begaben sich die vier Ensemblemitglieder auf die Suche nach dem, was übrig bleibt, wenn die großen Gefühle versiegen oder gar in das Gegenteil umschwenken.

Die Werkstattbühne verwandelte sich dafür in ein verlassenes Kinderzimmer, einen Lagerraum der Träume und Hoffnungen. Ergänzt wird dieses Bild durch eine Art Mobile verschiedener Erinnerungsstücke: mit einem großen drehbaren Spiegel, der wie eine Tür in ein neues Liebesabenteuer führt sowie zwei Kugelhälften auf dem Boden, wahlweise als Aussichtspunkt oder Sitzgelegenheit. Liebevolle Akzente wie übergroße Luftballons, wie nach einer langen Geburtstagsfeier, erinnern an lange Nächte und längst vergessene Hochgefühle und Überbleibsel von Schmetterlingen im Bauch. Die Spieler*innen zeigen sich zunächst in gelben Arbeitsanzügen wie die Belegschaft des Lagerraums der Liebe, um Ordnung in dieses Gefühlschaos zu bringen und hinter die Kulissen des Kitsches von gestern zu schauen – irgendwo zwischen Liebesliedern, Stücken und Erzählungen. 

Beispiele von Geschichten von Verliebten für Verliebte gibt es genug. Ein Vorzeigeexemplar sind dabei natürlich Rose und Jack von der Titanic, auch ihnen soll an diesem Abend eine besondere Rolle zu Teil werden. Jedoch nicht im eigentlichen Sinne. Es geht nicht um Herzschmerz und dieses hoffnungslose Glücksspiel, sondern um das was bleibt: das et cetera.

Der Abend scheint zunächst eine Art Gebrauchsanweisung für die Liebe zu geben, ein Crashkurs über das, was man alles falsch machen kann. Und davon gibt es eine ganze Menge: Es fängt an bei bestimmten Gefühlskonstellationen verschiedener Beteiligter und hört auf bei bildlichen Erklärungen wie der „petite mort“ als Wackelkontakt. Woher kommt die Liebe und wohin geht sie? Dieser Frage wollen die vier Anwesenden auf den Grund gehen und merken zwischen ihren verschiedenen Theorien gar nicht, wie sie selbst langsam zu Versuchskaninchen von Wolke 7 werden. Mit der wachsenden Erkenntnis, dass sämtliche Liebesgeschichten immer gleich zu funktionieren scheinen, wird ihnen klar, dass die Liebe in erster Linie vor allem eines ist: völlig unkontrollierbar. 

Und plötzlich wirken die Minuten auf der Bühne nicht mehr wie ein Auszug aus der Gesprächsrunde des Lesezirkels, sondern wie ein Versuchsaufbau in einem zwischenmenschlichen Experiment. Indem man versucht die Liebe zu erklären, akzeptiert man wohl gleichzeitig sich ihr völlig hinzugeben. Die reichhaltigen Dialogfetzen passen genau deswegen so gut in das Trümmerfeld der Erinnerungsstücke, da sie jedem Menschen zu jeder Zeit und überall und nirgends über die Lippen kommen könnten; so ebenfalls auf einer Theaterbühne. Aus diesem Grund werden auch scheinbar fast alle verschiedenen Medienformen und Gesprächssituation und Formate auf der Bühne durchgespielt. Nicht nur die Liebe scheint immer gleich zu funktionieren, ebenso die Gespräche über die Liebe. 

Zwischen Hoffnung und Einsamkeit, Hass und Lust, ist dem Ensemble und Kreativteam ein Jedermann bzw. Jederfrau-Entwurf gelungen, bei welchem sich jede*r Zuschauer*in mindestens mehr als einmal wieder findet und sich die komplexen Romantexte und überspitzten Filmszene auf eine melancholische Art und Weise auf einmal wie ganz natürlich anhören.

Das leichte und charmante sowie sehr berührende Zwischenspiel zwischen Ursula Grossenbacher, Wilhelm Eilers, Sandrine Zenner und Markus J. Bachmann hauchen dem Stück von Emanuel Tandler Leben ein. Die Bühne als Trümmerfeld der Träume sowie die Kostüme stammen von Lara Hohmann und den letzten Textschliff gab es von Dramaturgin Male Günther. Die Lichtakzente wurden an den richtigen Stellen von Ewa Górecki gesetzt.

Der Theaterabend lebt von einer punktuellen Liebe zum Detail und ist gespickt von reichhaltigen Überraschungen. Das gilt in erster Linie für die Verwendung der häufig schweren Texte, auf der Suche nach den Geheimnissen der Liebe und dem et cetera, denen durch das Ensemble eine charmante Brise eingehaucht wird.

Kim Sterzel

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