Schwarz ist die Seele ohne Vergebung

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

„Die Räuber“ – Premiere im Schauspielhaus als emotional-dystopischer Jugendroman

Friedrich Schillers dramatisches Erstlingswerk „Die Räuber“ erzählt von Intrigen, Macht und dem Schmerz der Ausweglosigkeit durch versagte Vergebung. Dazu schafft der Regisseur Simon Solberg eine schwarze Welt; eine leere Bühne die sich im Laufe der Aufführung Drama und Inhalt füllt, aber nur mit wenig Weiß und einem Hauch Rot.

Der Originaltext wurde von Solberg leicht an die heutige Zeit angepasst. Ebenso die Rollenverteilung: Die Rolle des bösen Gegenspielers Franz Moor besetzte er mit der Schauspielerin Annika Schilling, im Stück meist als Tochter angesprochen. So kann er das in der modernen Pop-Kultur zwar seltenen, aber immer häufigeren, Motiv der bösen weiblichen Hauptfigur in seiner Inszenierung verwenden.

(c) Thilo Beu

Die Leistung der beiden Hauptdarsteller Annika Schilling und Daniel Stock (Karl Moor) beeindruckt umso mehr, wenn man berücksichtigt, dass diese noch im Monat davor gemeinsam, ebenfalls als Hauptdarsteller, die Premiere von Molières „Der eingebildete Kranke“ feierten.

Um als Zweitgeborene selbst Nachfolgerin des Familienoberhauptes zu werden, redet Tochter „Franz“, dem Vater, dem „Alten Moor“ (Wilhelm Eilers) mittels gefälschter Beweise ein, dass ihr Bruder „Karl Moor“ kriminell geworden ist und deshalb zu verstoßen sei. Entrechtet und verbannt flüchtet Karl sich mit Kommilitonen in die Gründung einer Räuberbande (Gustav Schmidt als Spiegelberg, Christan Schmidt als Schweizer, Timo Kählert als Roller, Magali Vogel als Schwarz und Larissa Ruppert als Grimm) und versucht seine Moralität durch ein Leben als „Süddeutscher Robin Hood“ wieder herzustellen. Trotz der Versuche der Ordnungsmacht seine Verbrechen gewaltsam zu beenden, bleiben die Räuber militärisch erfolgreich, ergehen sich aber zunehmend gegen den Willen von Karl in Gewaltexzessen gegen unschuldige und vergeben so jeden Chance auf eine Rückkehr in die Gesellschaft. Im Hause Moor treibt die Tochter den Patriarchen in die Depression, um ihre Machtübernahme zu beschleunigen und versucht, die Geliebte, die noch treu zu Karl hält, für ihre Seite zu gewinnen. Aus der Ausweglosigkeit seines Bundes mit Schwerstkriminellen schleicht Karl sich zurück in Haus Moor. Verfolgt von seinen Räubern, die ihn an seinen Treueschwur ihnen gegenüber erinnern wollen, kommt es zur Katastrophe. Jedoch anders als sich beim endgültigem Treffen der beiden Gegenspieler erwarten lässt…

(c) Thilo Beu

Spannend ist Darstellung der Eifersucht auf ihren Bruder und der Begierde nach seiner Geliebten, die durch die Besetzung des Antagonisten mit einer Frau von einer sexuellen auf eine emotionale Ebene gehoben wird. So wird das Profane aus der zwischenmenschlichen Spannung genommen und durch ein bösartiges Verlagen nach der Dominanz, nicht nur des Körper oder des Willens, sondern auch des ganzen Wesen mit Emotion und Geist, ersetzt.

Erstaunlich ist, wie es gelingt die Musik und Tanzeinlagen, die an Rap, Elektromusik und Heavy Metal angelehnt sind, in das Stück zu integrieren, ohne dass sie aus der Handlung gerissen wirken. Die Schauspieler vor allem in den Nebenrollen verstärken so die Darstellung von Rebellion und Verzweiflung glaubwürdig und in die heutige Zeit gebracht. Hier zeigt sich auch, dass an dem Bühnenbild und der Beleuchtung nicht gespart wurde; die zunächst minimalistisch erscheinende Bühne fokussiert vor allem auf die Darstellungen und unterstreicht das Gemüt des Dramas. Die beweglichen Blöcke, die zunächst nur als Fixpunkte in der Leere des freien schwarzen Bühnenraums erscheinen, gewinnen immer mehr an Bedeutung und werden dynamisches Element der schwelenden und flammenschlagenden Konflikte. So stellt der Regisseur bspw. den boshaften Einfluss, den die Tochter auf ihren Bruder hat dar, indem dieser von einem Block erdrückt wird, auf dem sie triumphierend steht.

In diese schwarz-weiße, überwiegend schwarze, Welt in der selbst das Blut noch schwarz ist, setzt der Regisseur einzelne Tupfer rot, mit denen das eindeutig Böse unterstrichen wird und noch aus der Düsternis hervorsticht…

Jorg Stephan Kahlert


%d Bloggern gefällt das: