„Ist sie tot, ist sie endlich tot?“

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Jacob Suske, Hajo Tuschy und Johanna Vater bringen DER SPIELER von Fjodor Michailowitsch Dostojewski auf die Werkstattbühne. Am 22. Oktober feierte das russische Stück Premiere und ist somit bereits die zweite Inszenierung des Regieduos Tuschy/Suske, das im März 2016 bereits mit COCAINE gezeigt hatte, welche Wege Theater heute gehen kann – mit Erfolg.

Der 1866 erschienene Roman DER SPIELER, ein vergleichsweise kurzweiliges Auftragswerk, das Dostojewski für 3.000 Rubel verfasste, um seine zu diesem Zeitpunkt, desolate finanzielle Situation in den Griff zu bekommen. Dem berühmten Moskauer Autor wird nachgesagt, er sei unter anderem auf Grund seiner Spielsucht hoch verschuldet gewesen, was auch ein zentrales Thema des Romans und der Inszenierung darstellt.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Zu Beginn steht ein hoch verschuldeter russischer General, der all seine Besitztümer beim Glücksspiel verloren hat und nun im fiktiven Ort Roulettenburg auf das Ableben seiner Erbtante und die daraus

hervor gehende Hinterlassenschaft hofft, im Mittelpunkt der Erzählung. Sollte die sich in Moskau befindende alte Dame das Zeitliche segnen, so würde der General endlich die wohlhabende Mademoiselle Blanche ehelichen können, die jedoch nur an seinem Titel und dem Vermögen interessiert zu sein scheint. Außerdem haben der General und seine Stieftochter Polina Schulden bei einem Franzosen namens de Grieux, der die Absicht hegt, Polina zu heiraten, sollte auch sie einen Teil des Erbes erhalten. Ebenfalls an Polina interessiert sind der reiche Engländer Mr. Astley und der Ich-Erzähler des Romans Aleksey, Hauslehrer des Generals. Dieser bezeichnet sich selbst als Sklaven von Polina und lässt sich von ihr demütigen. Außerdem spielt er, erstmalig und zunächst gegen seinen Willen, in ihrem Namen Roulette, wobei er jedoch alles verliert. Zunächst wirkt Aleksey wie ein Außenstehender, der am wenigsten von dem Tod der Erbtante des Generals abhängt und sich daher in Sicherheit wiegt. Jedoch kann er seine Liebe zu Polina nicht leugnen und als die Tante des Generals plötzlich unerwartet selbst in Roulettenburg erscheint und ebenfalls binnen weniger Tage ihr gesamtes Vermögen verspielt, hat Aleksey den unbedingten Wunsch, das Geld, welches Polina dem Franzosen de Grieux schuldet, selbst zu erspielen und sie damit frei zu kaufen. Jedoch entwickelt er dabei eine intensive Spielsucht, von der er noch nicht einmal mehr lösen kann, als Mr. Astley ihm sagt, dass Polina ihn, also Aleksey, liebt. Die Bühnenfassung, an der auch Dramaturgin Johanna Vater mitwirkte, spart einen Teil des Romans aus, nämlich das Ende: der General und Aleksey fahren mit Mademoiselle Blanche nach Paris, wo der General und Blanche nun doch heiraten und Aleksey all sein Geld verspielt und völlig verarmt. Das wesentliche am Original-Romanende ist die sich entwickelnde Spielsucht Alekseys, die an diesem Abend wunderbar erzählt wird.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Die Aufführung profitiert sehr von den inhaltlichen „Einsparungen“, da sie mehr Raum für persönliche Interpretationen und Improvisationen des auf der Bühne agierenden Duos Tuschy uns Suske lässt. Ein markanter und wichtiger Teil des Bühnenbildes ist ein Roulette-Tisch und eine Drehscheibte, auf der drei Räume in schwarz, rot und grün platziert sind, in denen Hajo Tuschy in wechselnden Figuren spielt. Gezielte Lichteffekte unterstreichen den Figurenwechsel, außerdem dienen ihm Kostümteile wie Perücken als Hilfsmittel. Jacob Suske verkörpert die Figur des Engländers Mr. Astley, der meist unbeteiligt von der Seite der Bühne auf das Geschehen blickt und erst am Ende in das Geschehen eingreift. Suske spielt Klarinette, Gitarre, Horn und wahlweise dienen ihm auch Gläser oder Metronome als Klangkörper und Instrumente, außerdem singt er. Das alles läuft parallel zur ständigen Bedienung des Mischpultes und des PCs auf der Bühne, über die noch viele weitere Klänge für die Atmosphäre sorgen. Seine Musik bzw. sein Soundtrack zur Inszenierung sind schwer zu beschreiben, mal gibt es sanften Gesang in einem Art Liebeslied für Polina, mal donnernde Fanfaren oder begleitende, meditative Melodien. Alles was Suske an seinem Pult produziert, harmoniert exzellent mit den Texten und Aktionen Tuschys. Der wiederum spielt, wie bereits in COCAINE, gekonnt mit den Grenzen zwischen Realität und Theater – Zuschauer und Schauspieler und damit auch zwischen Suske und Astley, die beide als eine Art Side Kick für Tuschy fungieren, was an einigen Stellen für auflockernden Humor sorgt. In DER SPIELER erlebt das Publikum einen Hajo Tuschy in Höchstform. Er liefert sprachlich und körperlich eine Leistung sondergleichen ab und schafft es, über 90 Minuten eine ungebrochene Spannung aufrecht zu erhalten. Mal ganz davon abgesehen, dass Jacob Suske und Hajo Tuschy auch noch selbst Regie führten, stellt schon die spielerische Leistung der beiden Darsteller ein absolut einzigartiges Können dar.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Natürlich erlaubt sich die Inszenierung hier und da vom Originaltext Dostojewskis abzuweichen und beispielsweise Raum zu schaffen für eine Theorie von Andy Warhol, die besagt wie man heraus finden kann, ob zwei Menschen zusammen passen oder auch Anspielungen auf aktuelle Schlagworte, wie die schwarze Null. Doch die Abweichungen bleiben in einem absolut tragfähigen Rahmen und überspielen nicht die eigentliche Stimmung des Romans. Es handelt sich größtenteils um originale Texte und Inhalte, das Stück ist im Gleichgewicht. Die Lust am Spiel, die sowohl die Figur des Aleksey als auch Hajo Tuschy und Jacob Suske selbst anzutreiben scheint, ist nur eine der wirkenden Kräfte dieses Abends. Außerdem steht die Verschiebung der Prioritäten Alekseys im Vordergrund: von der Liebe zu Polina zur Liebe am Spiel und die Blindheit für jenes, der er am Ende verfällt.

DER SPIELER ist ein wunderbarer Abend nach dem man nur hoffen kann, dass das Ensemble Tuschy/Suske noch lange bestehen bleibt und sich weiterhin trauen wird, die Grenzen zwischen Spiel und Wahrheit auszubalancieren.

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