Ein Rückblick auf Save the world III

(Vorschaubild (c) Antonia Schwingen)

Das dritte „Save the world“-Festival endete am 16. Oktober mit einer Show unter der Moderation von Ralph Caspers in den Kammerspielen Bad Godesberg. Präsentiert wurden die Resultate der fünf Workshops, die vom 11. bis 15. Oktober unter dem Motto „Young Planet“ abgehalten wurden. In diesem Jahr hatten die 14 bis 18-jährigen Teilnehmer die Möglichkeit, sich im Rahmen eines Kunst- und Wissenscamps intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie unsere Welt einmal aussehen wird: Wie werden sich Umwelt, Technik und Leben in der Zukunft gestalten? Angeleitet wurden die jungen Forscher hierbei von Künstlern und Experten.

Der kurzen Ansprache von Moderator Ralph Caspers zu Beginn der Show lässt sich entnehmen, dass das Camp nicht nur der Erforschung der Zukunftswelt, sondern auch die Motive Persönlichkeitsentwicklung und Integration verfolgte. Nachdem der Moderator sich zurückgezogen hat, wird es dunkel im Theaterraum. Personenschemen huschen über die Bühne und formieren sich allmählich. Als das Licht angeht, stehen die Teilnehmer des ersten Workshops dem Publikum zugwendet vor Mikrofonen, bereit für eine musikalische Einlage. Begleitet von Schlagzeug und einer grünglitzernden geflügelten Fee an der Gitarre präsentieren die Jugendlichen unter ihrem Bandnamen Energetics ein Lied zum Thema„Klima und Mobilität – Musik als Treibstoff“. Anschließend tragen sie ihre Gedanken zu Fragen von Strom, Energiegewinnung und ihren Wunsch nach weniger Zwang zur Mobilität vor. Schon jetzt wird ganz deutlich, dass viele der Jugendlichen im Laufe des Camps weit über ihren Schatten gesprungen sind, nicht nur gedanklich, sondern auch bezüglich des freien Vortragens auf einer Bühne vor Publikum. Einige Teilnehmer kommen aus Afghanistan, andere aus dem Irak oder Indien. Selbst diejenigen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die sich mit der Sprache offensichtlich schwer tun, engagieren sich sehr und trauen sich nichtsdestotrotz, ihre Botschaften laut in den Saal hinauszurufen.

(c) Antonia Schwingen
(c) Antonia Schwingen

Der zweite Workshop wird vorgestellt; er widmete sich dem „Menschen der Zukunft“. Die Teilnehmer haben ein anderes Format gewählt als ihre Vorgänger: Einer der Jugendlichen, durch Ralph Caspers anmoderiert als Reporter Sergio, stellt einen Film vor, der die Arbeitsprozesse in der fiktiven Roboterfabrik Robo Lab Inc. zeigt. Die Fabrikmitarbeiter werden von den anderen Workshopteilnehmern verkörpert; im Film begleitet Sergio als Interviewer die verschiedenen Stationen bis zum fertigen Roboter „Schrotti“. Das Publikum begegnet dem Film mit Gelächter – die Fabrikanten legen eine dermaßen übertriebene und klischeehafte Aneinanderreihung von Fachchinesisch-Wörtern an den Tag, dass die Videodokumentation an einen Loriot-Sketch erinnert. Ihren Höhepunkt findet die Präsentation, als der leibhaftige Schrotti auf die Bühne geschoben wird und eine Demonstration seines Könnens liefert, indem er Wasser aus einer Flasche in einen Becher schüttet. Charmant und humorvoll stellen Sergio und die beiden „Professoren“, die Schrotti begleiten, dessen Funktionsmechanismen vor – nämlich die Workshopteilnehmer, die sich hinter Schrottis Bewegungen verbergen. Die Professoren kündigen abschließend ihr Vorhaben an, Schrotti in Zukunft als Massenprodukt bei LIDL für jedermanns Haushalt zu verkaufen.

Nach dem Auftritt der zweiten Gruppe fordert Moderator Ralph Caspers das Publikum auf, einmal alle Handys im Raum auf volle Lautstärke zu stellen und den jeweils eigenen Klingelton abzuspielen. Im Zuschauerraum wird es sofort unruhig, kurz darauf tönen überall elektronische Geräusche aus der Dunkelheit hervor. Es wird nach und nach deutlich, dass dieses Klingeltonkonzert die Überleitung zum Thema des nächsten Workshops darstellt: „Ressourcen vs. Smartphones“. Die optisch wie eine skurrile Rockband anmutenden Teilnehmer verkünden das Ende der Menschheit, eine Ära des E-Waste. Als die Jugendlichen nach einander kurze Monologe halten, ergibt die Kostümierung plötzlich Sinn: Die Workshopteilnehmer sind in die Rolle von Handys geschlüpft, vom als alt und überholt dargestellten Nokia 3310 bis hin zum in der Zukunft produzierten und hyperentwickelten iPhone 3016. Die älteren Handys bekunden ihre Frustration darüber, dass sie nicht mehr gebraucht werden, obwohl sie ihren Besitzern immer treu gedient haben, und sehnen sich nach einer besseren Ausstattung (hoch auflösende Kamera, Touchscreen etc.). Verstärkt wird gegen Ende der Gruppenpräsentation darauf eingegangen, wie gefährlich Handys sein können, wenn man sich zu sehr auf sie einlässt: „Ich weiß alles über dich!“, zischt eines der personifizierten Mobiltelefone dem Publikum zu, bevor alle Darsteller ihre eigenen Handys zücken und eine Selfie-Orgie starten. Danach verlassen sie die Bühne.

Das vierte Projekt nennt sich „Städte der Zukunft“. Die Teilnehmer stellten sich zu Beginn des Workshops die Frage, wo und vor allem wie wir in der Zukunft leben werden – möglichst klimaneutral, effizient und platzsparend, versteht sich. Nachdem die Jugendlichen von Experten vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik über die Stadtentwicklung und die Nachteile von heutigen Städten informiert wurden, entwickelten sie ihre eigene Stadt der Zukunft: „Telopolis“ (lat. Telos „Ziel“ und polis „Stadt“). Sechs Jugendliche schieben ein dreiteiliges Gebilde auf die Bühne, das sie dann zu einem großen kreisförmigen Modell zusammensetzen. Sorgfältig sind darauf kleine Solaranlagen, Windräder, Bäume, Felder und Häuser gebaut. Doch anders als bei Städten wie wir sie kennen, ist diese Stadt klar in Ringe aufgeteilt. Auf dem äußeren Ring finden die industriellen Prozesse und die grüne Energiegewinnung statt, wie man an den kleinen

(c) Antonia Schwingen
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Solarplatten aus Aluminium und den ordentlich gebauten Windrädern erkennen kann. Weiter innen ziehen sich rote, gelbe und grüne Flecken über den Ring, die Felder, auf denen die Nahrung für die Stadt angebaut wird. In Telopolis lebt man vegetarisch, zumindest zum Großteil: Insekten stehen auch auf dem Speiseplan. Nicht nur die fehlende Produktion von Fleisch sorgt für Klimaneutralität, auch die vielen Grünflächen und Bäume, die direkt an die bewohnte Stadt grenzen, tragen dazu bei. Die Häuser sind zylinderförmig, die meisten besitzen grüne Außenterrassen, aber dafür keine Türen. Ins Innere der Häuser teleportiert man sich einfach. Ist doch viel sicherer! Die Teleportation ist allerdings noch nicht ganz ausgereift und funktioniert daher nur auf Kurzstrecken, zum Beispiel durch die Wand. Wie bewegt man sich dann von A nach B? Autos? Fehlanzeige. „Solche CO2-Schleudern kommen uns nicht in die Stadt! Dafür gibt es doch das Metronetz unter der Erde!“ Und wenn man mal weitere Strecken zurücklegen will? „Es gibt sechs Zug-und Schiffsverbindungen aus der Stadt. Die Schiffe sind aber größtenteils für Import und Export.“ Wenn man die sechs Jugendlichen fragt, wie sie denn auf die tolle Idee mit den Ringen gekommen seien, antworten sie: „Die Natur hat es doch vorgemacht. Bienen bauen ihre Stöcke seit eh und je in Ringen auf – nur sind die bei ihnen nicht rund, sondern sechseckig.“ Jeder Teilnehmer hatte seinen eigenen Schwerpunktbereich, den er oder sie dann näher erklärt. Man merkt, sie wissen, wovon sie reden.

Zuletzt ist die Modegruppe an der Reihe. Unter dem Titel „Fashion & Fairtrade“ haben sie sogar mit der Modedesignerin Eva Gronbach eine eigene Modelinie entwickelt. Doch zuerst ging es darum, mehr über die Herstellung und vor allem die lange Reise von herkömmlicher Kleidung zu erfahren. Jeans, die bei uns in den Regalen landen, haben vorher nämlich meist eine ganze Weltreise hinter sich. So kommt die Baumwolle beispielsweise aus Indien, wird in China zu Garn, in Polen zu Stoff und auf den Philippinen zu einer fertigen Hose verarbeitet. Diese vielen benötigten Transportmittel sind natürlich alles andere als klimafreundlich. Und dadurch, dass wir uns andauernd neue Jeans kaufen und die alten wegschmeißen, wird der Konsum nur noch mehr angekurbelt. Warum also nicht aus alten Jeans neue Stücke entwerfen und nähen? Genau das haben die Teilnehmerinnen von „Fashion & Fairtrade“ mit ihrer neuen Marke „Emojeans“ (Wortspiel aus Emoji und Jeans) getan. Herausgekommen sind coole Rucksäcke und Taschen, Stulpen, Korsagen und Röcke, quasi alles, was das Herz begehrt.

(c) Antonia Schwingen
(c) Antonia Schwingen

Stolz präsentieren die Jugendlichen die Kleidungsstücke. Auch für Männer sind einige Hosen und Westen dabei. „Upcycling“ nennt man dieses Prinzip: Aus alten, abgetragenen Sachen wieder neuwertige, schöne Produkte herstellen. Das haben die Mädchen geschafft. Auch „Schrotti“, der Roboter, findet das und zeigt sich mit seinem neuen Jeans-Hütchen.

Zum Ende der Show bedankt sich die Projektleiterin Andrea Tietz bei allen Experten, Künstlern, Eltern und Teilnehmern, und die Energetics geben noch ein letztes Mal ihren Song „Mobilität“ zum Besten. Auch Luca, Anna und Farhad sind Teil der Energetics. Bei der Premierenfeier im Foyer spreche ich (Phyllis) sie an. Haben die Eltern nachgeholfen oder hatten die Jugendlichen selbst Lust auf das Projekt? Anna hat bei einem Besuch in der Oper einen Flyer gesehen und sofort Lust auf das Projekt gehabt. Kurzerhand hat sie ihre Freundin Luca gefragt, ob die auch Lust hätte, und so haben die beiden Freundinnen zusammen teilgenommen. Bei Farhad war es etwas anders. „Ich mache einen Sprachkurs bei AsA. Das steht für, Ausbildung statt Abschiebung‘. Dort haben die Lehrer uns auf das Projekt aufmerksam gemacht. Meine Kollegen und ich sind dann hergekommen.“ Manche von ihnen waren bei Energetics, andere in der Schauspiel-Gruppe oder bei „Städte der Zukunft“. Warum er sich für die Musik entschieden hat? „Ich liebe Musik einfach! Das ist mein Leben“, sagt er strahlend. „Es hat auch wirklich Spaß gemacht, wir sind richtig als Gruppe zusammen gewachsen.“ Das bestätigen auch Luca und Anna: „Man könnte sagen, wir sind eine kleine Bühnen-Familie geworden.“

Das Kunst-und Wissenscamp scheint nicht nur für das Klimabewusstsein gut gewesen zu sein, es fand auch ein Austausch zwischen Jugendlichen verschiedener Nationen und Kulturen statt, der deutlich und gewinnbringend in die Show mit eingeflossen ist. Selbst als Nicht-Teilnehmer kann man sich nach diesem Abend vorstellen, wie sehr das Camp die Jugendlichen bereichert hat – es handelt sich hierbei um ein Format, das bei einer Fortführung sicherlich auch im nächsten Jahr viele Interessenten locken wird.

Antonia Schwingen & Phyllis Akalin

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