WEIHNACHTEN AUF HOHER SEE

Shakespeares DER STURM im Schauspielhaus für die ganze Familie

DER STURM von William Shakespeare feierte am 25. November im Schauspielhaus Bad Godesberg Premiere. Schauspieldirektor Jens Groß hat den Klassiker überarbeitet und Jan Neumann ihn inszeniert. Zusamnen liefern sie eine zauberhafte Vorstellung für die ganze Familie ab.

Ein ganz schön schräger Haufen: Caliban, Ariel und Trincolo treffen aufeinander. Foto (c) Thilo Beu.

Die Handlung kurz zusammengefasst: Protagonist ist der entmachtete Herzog von Mailand Prospero. Sein Bruder Antonio entriss ihm seinen Titel gewaltsam. Seitdem sitzt Prospero mit seiner Tochter Miranda mittlerweile schon 12 Jahre auf einer Insel fest. In diesen Jahren herrscht Prospero auf der Insel und wird des Zauberns mächtig, sodass alle Lebewesen, auch Monster und Geister, ihm unterworfen sind. Die Insel wurde früher von der monströsen Hexe Sycorax bewohnt, die aufgrund ihrer Zauberei aus Algier vertrieben wurde und im Exil auf der Insel starb, noch bevor Prospero dort anlandete. Einzig ihr Sohn Caliban blieb allein zurück, den Prospero beim ersten Zusammentreffen adoptieren und erziehen wollte. Durch einen Vorfall mit seiner Tochter Miranda wendet sich Prospero jedoch von ihm ab und macht ihn zu seinem Sklaven. Auch den Luftgeist Ariel zwingt er in seinen Dienst. Ariel hegt den großen Wunsch nach Freiheit. Prospero verspricht ihm zwar immer wieder, ihn bald freizulassen, jedoch verweigert er es ihm dann doch jedes Mal aufs Neue. Als Prospero durch seine Kräfte erfährt, dass ein Schiff mit seinem Bruder Antonio an Bord unterwegs ist, beschwört er einen Sturm herauf, der das Schiff versenkt. Ariel trägt er auf, dass er seinen Bruder und dessen Gefolge durch Windböen an die Küste spülen soll und zwar so, dass sie nicht gemeinsam, sondern verstreut auf der Insel erwachen. Ob Prospero nun Rache an seinen Bruder nehmen wird, bleibt abzuwarten. Auf der Insel stranden auch der König von Neapel Alonso – in dieser Inszenierung allerdings eine Königin Alonsa –mit ihrem Sohn Ferdinand und dem Diener Trincolo. Während Alonsa ihrem Sohn sucht, verbündet sich Trincolo mit Caliban und schmiedet einen Komplott gegen Prosporo.

Schon vor der Premiere postete das Theater Bonn auf Instagram kurze Videos, in denen sie erklären, dass das Stück ein Märchen von Shakespeare ist und dieses auch so zeigen wollten. Diesem Ansinnen haben Jan Neumann und Jens Groß fabelhaft umgesetzt. Aber damit nicht genug. Seit der Premiere kommen weitere Storytellings in den sozialen Medien hinzu, die einen Einblick in den Entstehungsprozess der Aufführung geben.

Shakespeares Stück liefert eine Menge Stoff zum Nachdenken. So behandelt es Themen wie das Verhältnis von Illusion und Realität, Rache und Vergebung, Schuld und Erlösung, aber immer mit einer Prise Magie, Liebe und Geistern, die gerne mit den Menschen Spielchen treiben bzw. ihnen Streiche spielen. Auch wird der Zuschauer immer wieder mit einer zentralen Frage konfrontiert: Wie kann man friedlich an einem Ort mit unterschiedlichsten Menschen zusammenleben und wer soll darüber entscheiden, wie hier künftig gelebt wird?

Eine Seefahrt, die ist lustig? Foto (c) Thilo Beu.

Jens Groß und Jan Neumann haben Shakespeares Stück in ein familienfreundliches Abenteuer verwandelt und haben damit ein Glanzstück für die Weihnachtszeit gezaubert. Hilfreich war hier vor allem, dass Groß nicht sklavisch an der Übersetzung Schlegels festhält, sondern auch lockere moderne Texte einbaut, sodass man der Handlung gut folgen und das Geschehen genießen kann. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass er zwei Figuren (den Königsbruder Sebastian und Stefano) nicht besetzt, sowie die bekannten Figuren leicht abgewandelt hat.

Das Stück beginnt zunächst ganz in alter Tradition. Der Vorhang ist heruntergelassen und der Luftgeist Ariel (Christoph Gummert) mit weißblonden langen Haaren und Glitzer um die Augen erscheint und leitet mit wenigen Sätzen das Stück ein. Und dann beginnt der Zauber: Der Zuschauer wird sofort auf hohe See mitgenommen, wo ein Sturm tobt und ein Schiff kentert. Matthias Werner (Bühne) hat sich hierfür etwas Wundervolles ausgedacht: Das tobende Meer wird durch aufgestellte Pappmachéwände dargestellt und ein überdimensional großes Schiff ziert die Hintergrundkulisse. Ohrenbetäubende Donnerschläge und grelle elektrisierende Blitze untermalen die Szene (Musik: Johannes Winde; Licht: Thomas Tarnogorski). Mittendrin die Königin von Neapel Alonsa (Lydia Stäubli), ihr Sohn Ferdinand (Alois Reinhardt), König Antonio (Bernd Braun) und der betrunkene Diener Trincolo (Jonas Schlagowsky), die um ihr Überleben kämpfen. Und dann das Unerwartete – die hohen Wellen klappen um. Der Sturm ist vorbei. Doch was ist das? Die ganze Kulisse fällt und klatscht mit donnerndem Getöse auf die Bühne, sodass die Zuschauer einen Windhauch des Sturms leibhaftig zu spüren bekommen. Dieser Spezialeffekt hatte es in sich! Und dann die nächste große Überraschung, das was zugeklappt war, war nicht nur die Hintergrundkulisse, sondern auch der Deckel eines Buches, welches nun als Bühne dient. Aus diesem schlüpfen die Schauspieler hin und wieder heraus, als kletterten sie direkt aus dem Märchenbuch. Um nicht zu viel zu verraten, schließt die Autorin jetzt ihre Ausführungen.

Diese Familien sind nicht zu unterschätzen! Foto (c) Thilo Beu

Besonders gut in Erinnerung bleibt Christoph Gummert, der seinem Windgeist nicht nur etwas Zauberhaftes durch seine Körpersprache verleiht, sondern auch noch durch seinen feenartigen Gesang alle in den Bann zieht. Anderen mag vielleicht auch besonders gut das neckische Spiel zwischen den beiden Königskindern (Lena Geyer und Alois Reinhardt) gefallen haben. Diese fühlen sich zueinander hingezogen und Flirten kräftig. Die Flirts waren urkomisch und die Gags sind gut angekommen – wie frischverliebte Teenies eben, sehr albern und teilweise auch etwas chaotisch, aber dadurch menschlich.

Lydia Stäubli als taffe Königsmutter Alonsa, die zugleich eine regelrechte „Helikopter“-Mutter – wie man heute in der Pädagogik sagen würde – ist. Bernd Braun spielt den griesgrämigen Bruder Antonio wundervoll, ambivalent. Bis zum Schluss ist er mit sich im Zwiespalt, ob er Reue für die Tat an seinem Bruder empfindet oder nicht.

Die Figur des Caliban ist in seiner Einfachheit zugleich recht komplex; Annika Schilling meistert aber diesen Spagat ohne Mühe. Das animalische Verhalten des Caliban, was manche Zuschauer an Gollum aus Herr der Ringe erinnern mag, war so eindrucksvoll performt, dass man erst Angst vor dem seltsamen Wesen bekam, später nur noch Mitleid empfand, wenn Prospero (Cornelius Schwalm) ihn beschimpfte.

Somit das Schlussfazit: Wer sich verzaubern lassen will, sollte so schnell wie möglich Karten besorgen!

Ricarda Telöken

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