IM KRIEG GIBT ES NUR VERLIERER

Am 27.10.22 öffnete sich der Vorhang in der Werkstattbühne Bonn für die Premiere der Inszenierung ZERBOMBT unter der Regie von Charlotte Sprenger. Bereits 1995 wurde das Stück der damals 24-jährigen Sarah Kane in London uraufgeführt und sorgte durch die schonungslose Gewaltdarstellung für einen Skandal.

Kate sitzt in der Falle. Foto: (c) Thilo Beu

Ausgehend von einer gestörten Zweierbeziehung zwischen dem kranken Kriegsberichterstatter Ian (Sören Wunderlich) und seiner Ex-Geliebten Kate (Julia Kathinka Philippi), die letztendlich in einer Vergewaltigung endet, wird die Verrohung der Gesellschaft dargestellt. Das gilt insbesondere im Rahmen von kriegerischen Auseinandersetzungen. Deutlich wird dies auch durch einen in das Zimmer eindringenden Soldaten (Christian Czeremnych), der seine brutalen Taten im Krieg fast stolz beschreibt, Ian vergewaltigt, ihm beide Augen aussticht und diese verspeist. Der Soldat hat wiederum seine Geliebte im Krieg verloren. Schließlich erschießt er sich selbst. Aufgrund der Folgen des Kriegszustandes (Nahrungsmittelmangel, Krankheit, Verzweiflung) gelingt es Kate trotz aller Bemühungen nicht, ein fremdes Baby zu retten. Jedoch allein der Versuch verdeutlicht, dass doch noch Hoffnung auf Menschlichkeit besteht.

Das Bühnenbild (Maximilian Schwidlinski) ist bewusst einfach gehalten und lenkt so nicht von der aufwühlenden Handlung des Stückes ab. Die gesamte Inszenierung spielt in einem Hotelzimmer. Der Blick auf das Zimmer ist durch einen Vorhang aus zart transparenten Streifen leicht verschwommen. Der Gedanke an einen Schlachthof drängt sich auf. Im Hintergrund tickt ab und zu eine Uhr, die sich wie eine Zeitbombe anhört. Steht die Gesellschaft kurz vor der völligen Zerstörung?    

Obwohl das Stück vor dem Hintergrund des Balkankrieges geschrieben wurde, hat es an seiner Aktualität nicht verloren. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen. Oftmals schließt das eine das andere nicht aus. Dies wird durch die Situation des Soldaten deutlich. Selbst verübt er grausame Taten und ist durch die Ermordung seiner Geliebten gleichzeitig Opfer der Auseinandersetzung. Krieg kann nicht nur physisch, sondern auch psychisch töten.

Die schauspielerische Leistung der drei Protagonisten ist beeindruckend und verstärkt die beklemmende Atmosphäre des Stücks fast ins Unermessliche. Selten habe ich erlebt, dass das Publikum so nachdenklich, aufgewühlt und teilweise schockiert eine Inszenierung verlässt. Es wird auch im Anschluss viel diskutiert. Die Entscheidung des Theaters, das Stück erst ab 18 Jahren zu empfehlen, ist sicherlich gerechtfertigt.

Sarah Kane (3. Februar 1971 – 20. Februar 1999) beging Suizid.

Yasmin Ibrahim

ZERBOMBT von SARAH KANE REGIE: Charlotte Sprenger / BÜHNE & KOSTÜME: Maximilian Schwidlinski / LICHT: Ewa Górecki / DRAMATURGIE: Jens Groß; PREMIERE: 27.10..2022, WERKSTATT. Foto (c) Thilo Beu
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