„Alle gegen einen“ in der Arena des Kommunismus

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Sartres DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE in den Kammerspielen

Glitzerreste schmücken als letzte Spur einer Revolte den Boden der Bühne, als die Darsteller ihren Applaus entgegennehmen. Mit Sartres DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE, oder im französischen Original „Les mains sales“, präsentiert das Theater Bonn einen weiteren Klassiker in den Kammerspielen in Bad Godesberg. Die Inszenierung feierte am Donnerstag, 22. Februar, Premiere.

(c) Thilo Beu

Das Drama des französischen Philosophen wurde 1948 uraufgeführt. Die Handlung spielt, wahrscheinlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im fiktiven Land Illyrien in Osteuropa. In dessen Mittelpunkt steht Hugo, ein junger Anarchist und Intellektueller. Zu Beginn der Erzählung wird er aus dem Gefängnis entlassen, da er Hoederer, ein Führungsmitglied der kommunistischen Partei, der allerdings bei dieser in Ungnade gefallen war, zwei Jahre zuvor ermordete. Um wieder in seine Partei aufgenommen zu werden, für die er schließlich den Mord begangen hat, erzählt er den Mitgliedern der Partei (Olga, Louis, Slick und George) den Verlauf der Tat aus seiner Perspektive. Der Hauptteil des Stückes besteht demnach aus Rückblenden: Bruchstücken von Hugos Vergangenheit. Eine Vergangenheit in der er hin- und hergerissen war zwischen der Liebe zu seiner Frau Jessica und dem Wunsch, zu einer Partei zu gehören, für die er niemals gut genug sein konnte. Ein Wunsch aus politischer Überzeugung und persönlichem Patriotismus, für den der junge Revolutionär bereit war, sämtliche Grenzen zu überschreiten. Um „dazu gehören zu können“ ist er bereit sich zugleich von allem überzeugen zu lassen –  bis er selbst vor einem Menschenleben keinen Halt mehr macht.

Im Stil des Existenzialismus bleibt die Bühne von Anika Marquardt und Anna Rudolph weitestgehend schlicht bzw. blank. Zwischen den schwarzen Wänden, an denen man Merkmale eines Theaters entdecken kann, befindet sich lediglich eine Tür. In den Boden ist eine schwarze Drehscheibe eingelassen, die sich während der Rückblenden dreht. Auch die Kostüme von Anika Marquardt sind Abbilder der damaligen Moderevolution: Neben dem schwarzen Rollkragenpulli werden Hemden ohne Krawatten, leuchtende Blusen und hochgeschlossene Hosen getragen. Soweit zumindest die minimalistische Grundgestalt der Ausstattung.

(c) Thilo Beu

Die Illusion eines anderen Zeitgeistes, einer Reise in eine Zeit der Eleganz funktioniert zunächst. Im Laufe des zwei stündigen Abends warten optisch jedoch einige Überraschungen auf die gespannten Premierenbesucher. Während Hugo von seiner Sicht der Dinge zu erzählen beginnt, wandelt sich die Stimmung der Inszenierung. Durch eine Piniata, die von der Decke herabgelassen wird, erhält der Möchtegern-Revolutionär eine Pistole. Es werden Weitere hinzukommen. Der Bericht Hugos wird durch etwaige schrille und auffällige Requisiten veranschaulicht. Neben Sturmmasken und Benzinkanistern kann der Zuschauer plötzlich einen Glitzerregen sowie die neuen Glitzeranzüge der Darsteller bestaunen. Spätestens als ein paar verfremdete Werbelaken populärer Marken sowie Girlanden von der Decke herabhängen, sollte man als aufmerksamer Theaterbesucher merken, dass irgendwas mit der angenehmen Illusion doch nicht stimmen kann.

Es drängt sich einem die Frage auf: Was hat sich der Regisseur, Marco Storman, nun dabei gedacht? Was haben all’ diese knalligen Accessoires in einem Stück über Existenzialismus zu suchen? Die Antwort scheint nicht ganz einfach, aber dennoch logisch: Der Abend besteht zum Großteil aus Erzählungen der selbstreflektierten Vergangenheit Hugos. Ein verzweifelter Außenseiter der zur aktuellen Partei-Politik dazugehören möchte und nach Mitteln sucht, um sich auszudrücken. Schließlich muss er dem Rest der Partei irgendwie verständlich machen, warum er einen ihrer Anführer ermordet hat.

Brüche zwischen dem was damals wirklich passiert ist und dem was Hugo jetzt darüber denkt, lassen sich überall finden.

Während der aufstrebende Revolutionär immer wieder versucht, sich zu beweisen, haben die anderen Mitglieder der Partei hierfür nichts als Spott übrig. Verletzt durch das Verhalten der Anderen begibt sich Hugo auf Identitätssuche und versucht diese mithilfe von Rollenspielen zu finden. Dabei hilft ebenfalls die oben genannte Drehscheibe als sich drehendes „Spielfeld“. Der Trost, den er von seiner Frau Jessica erhält, scheint ebenfalls gespielt. „Weißt du nicht, dass unsere Liebe Theater war?“, heißt es an einer Stelle. Immerhin ist es Jessica, die selbst beginnt mit Hoederer zu liebäugeln und sich von ihm hinreißen lässt.

Auch die Art, wie sich Hugo und Hoederer begegnen wirkt zunächst befremdlich. Zwar scheint der Parteichef schnell den Plan des aufstrebenden Revolutionärs zu durchschauen, lässt diesen aber gewähren. Er  erklärt ihm lieber, dass man nur dann zum politischen Ziel gelangt, wenn man bereit ist alle Mittel dafür einzusetzen und behandelt ihn wie seinen Schützling. Die zwei Figuren berichten zwar von Handlungen, machen jedoch keine Anstalten wirklich etwas zu tun. Es ist ein süffisanter Kampf mit Worten und mit der Psyche des Anderen. Der Zuschauer muss also eher zwischen den Zeilen lesen.

(c) Thilo Beu

Die Tatsache, dass die Hauptfigur des Stücks permanent auf der Stelle zu gehen scheint, macht einem als Zuschauer deutlich zu schaffen. Obwohl es sich bei Hugo um einen Mörder handelt, entwickelt der Zuschauer etwas wie Mitgefühl mit ihm. Sein innerer Kampf ist gut nachzuvollziehen. Auch im Zuschauerraum kommt die Frage auf, wer mit welchem Gesicht spielt und welches von denen das Wirkliche ist. Je mehr Hugo von sich erzählt, desto mehr steht auch die Frage im Raum, wie weit er für seine scheinbare Macht und Anerkennung gehen würde. Als er nach einer etwas eskalierten Zimmerdurchsuchung ein paar Momente lang nackt auf der Bühne steht, scheint diese Frage beantwortet: Eine Art faschistischer Gruppenzwang hat gewonnen. Klar ist: Er ringt mit sich selbst, das wird spätestens während Hugos beeindruckendem Schlussmonolog deutlich in dem er die Funktionalität der Klassengesellschaft erklärt und die Kontrolle und Überwachung der Partei entlarvt.

Die Schauspieler überzeugen durchweg durch ein exzellentes Schauspiel. Der zwielichtige Machtkampf zwischen Hugo, Manuel Zschunke und Hoederer, Daniel Breitfelder, wird beindruckend dargestellt. Auch Maya Haddad als Jessica spielt so, als wäre kein Wort so gemeint wie sie es sagt. Auch der Rest der Partei, Laura Sundermann als Olga, sowie Philipp Basener und Benjamin Berger in verschiedenen Rollen, sorgen für reichlich Spannung auf der Bühne. Sie wird durch die Musik von Gordian Gleiß und das Lichtdesign von Sirko Lamprecht untermalt. Regisseur Marco Storman hat gemeinsam mit Dramaturgin Male Günther einen komplexen sowie anregenden Theaterabend geschaffen. Ein teilweise schriller und beunruhigender Abend, bei dem es offenbar gewünscht ist, sich weitere Gedanken zu machen. Die Antwort auf „Welche Grenzen dürfen überschritten werden?“ sollte jeder Besucher für sich beantworten, denn diese Frage wird wie andere bewusst offen gelassen.

Weitere Termine sind der 4., 17. und 23. März, sowie der 22. und 28. April.

Kim Sterzel

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