Das Wesen des Don Quijote – zwischen Fiktion und Realität

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Am 10.09.2017 feierte „Don Quijote“ seine Premiere in der Werkstatt Bühne des Theater Bonn. Doch anstatt einfach mit der Erzählung oder einer Personenvorstellung zu beginnen, wie man es vielleicht gewohnt ist, wird das Publikum von einem der Schauspieler zuerst damit konfrontiert, dass das Publikum immer alles kaputt machen würde und „Theater ohne Publikum viel geiler wäre“.

(c) Thilo Beu

Ein spannender Einstieg, den das Regieduo Hajo Tuschy und Jocob Suske sich da für die Geschichte des Don Quijote nach dem Roman von Miguel de Cervantes überlegt haben.

Die originale Geschichte ist schnell erzählt: Ein spanischer Landadliger liest (zu) viele Rittergeschichten und hält diese immer mehr für die Wirklichkeit, sodass er beschließt sich als Don Quijote auf den Weg zu machen, um sich dem Bösen zu stellen, die Ungerechtigkeit aus der Welt zu verbannen und Ruhm und Ehre zu erlangen. Auf seinem Weg trifft er den einfach gestrickten Sancho Panza, der zu seinem Knappen wird, indem ihm der Posten des „Guvernator von der Insul“ versprochen wird. Auch wenn allen außer Don Quijote selbst klar ist, dass auch die Insul nur ein ausgedachter Ort ist, der seinen Fantasien entsprungen ist.

(c) Thilo Beu

Ähnlich wie im Roman werden im Stück verschiedene Ebenen aus Wirklichkeit, Erzählung und Einbildung aufgebaut. Eingebettet ist alles in „die Wirklichkeit“: Zwei Schauspieler, Manuel (Manuel Zuschunke) und Hajo (Hajo Tuschy), haben versucht „Don Quijote“ aufzuführen, sind daran jedoch kläglich gescheitert, da sie dabei in einer radikalen Art das Publikum, die Kritiker und sich gegenseitig beschimpft und verletzt haben. Die Folge ist, dass nun beide arbeitslos sind. Trotzdem trauern sie noch ihrer Idee des Don Quijote hinterher. Dabei plädiert Manuel weiterhin für ein utopisches radikales Theater, um etwas, nämlich „den großen Überbau“, verändern zu können. Hajo ergreift dagegen – selbst von Manuel verletzt – Partei für das Publikum. In dieser Konstellation

werden die beiden langsam aber sicher zu Don Quijote und Sancho Panza so wie Cervantes sie erdacht hat: Der fortwährend träumende Don Quichote, der überall das Böse sieht, das es zu bekämpfen gilt (Manuel) und sein treuer Knappe Sancho Panza, der sich diesen Träumereien nicht hingibt, sondern stets der realistische Gegenpart bleibt (Hajo). So meint Hajo zum Beispiel in einer Diskussion über die Bundestagswahl, dass es wie Zähneputzen sei: man mag es nicht, macht es aber notwendigerweise trotzdem. Manuel sieht darin jedoch keinen Sinn und will vielmehr den „großen Überbau verändern“. Was genau er damit meint, bleibt zumindest dem Zuschauer, vorerst unklar. Schließlich überredet Manuel Hajo noch ein Mal in die Welt des Don Quijote einzutauchen, um ein letztes Mal zu versuchen dieses Stück auf die Bühne zu bringen.

(c) Thilo Beu

So wird den beiden Figuren in Manuels Wohnzimmer Leben eingehaucht. Mit einem Nudelsieb als Helm und einem brennenden Ofen als heranziehende feindliche Heere, stellen sich die beiden nun vielen Abenteuern. Bei ihrem ersten Abenteuer befreien sie einen Jungen, der von seinem Herrn ausgepeitscht wird, beim Zweiten kämpfen sie gegen ein Heer der Mauren, wobei sich Don Quijote verletzt. Sein treuer Sancho Panza bringt ihn deshalb in eine Gaststätte, wo er sich erholen soll. Hier jedoch vergreift er sich an der Tochter des Wirts, die einem anderen versprochen war, woraufhin ihr Zukünftiger ihn aus der Gaststätte schmeißt. In seinem letzten Kampf befreit er Galeerensträflinge.

Was sich alles zunächst rühmlich anhört, ist es jedoch nicht. So wird der Junge, den er eigentlich befreit hatte, nur noch heftiger verprügelt, so dass er nicht mehr arbeiten kann und das Heer der Mauren war eigentlich nur eine Herde Schafe, die Don Quijote kaltblütig ermordete. So erliegt er immer weiter seinen Fantasien, bis er schließlich von seinem (Heimat-)Pfarrer gefunden und in einem Käfig nach Hause zurück transportiert wird, um keinen Schaden mehr anrichten zu können. Seine letzte Amtshandlung ist es jedoch sein Versprechen gegenüber Sancho Panza einzuhalten und so macht er ihn zum Guvernator von der Insul. Panza hadert aber mit dem ihm übertragenen Amt, da er meint, regierungsunfähig zu sein und deshalb wäre er lieber ein Guvernator ohne Volk, das wäre einfacher. Mit dieser Erkenntnis schließt sich der Kreis zwischen Fiktion und Wirklichkeit und Sancho Panza verwandelt sich langsam wieder zurück in Hajo Tuschy, der nun auch der Meinung ist, dass ein Theater ohne Publikum, ohne Filter, ohne Bewertung einfacher wäre als eins mit „Oberbau“. Leider verliert sich Hajo in einem Monolog über den Glauben. Den Glauben an die evangelische Kirche, die SPD und Werder Bremen, um dann den Kontrast zum Theater zu schlagen: Theater – das seien zwei Schauspieler, ein Raum, kein Publikum.

Ohne nun eine Bewertung abgeben zu wollen, möchte ich nur kurz sagen, dass ich persönlich einen ungewöhnlich amüsanten und kurzweiligen Abend erlebt und die Leistung der Schauspieler als außergewöhnlich empfunden habe. Ein Besuch lohnt sich vollkommen.

Katharina Wigger

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