„Wir brauchen dringend neue Lügen…“

Wir brauchen dringend neue Lügen!

Wer sich erfolgreich im Alltag bewegen möchte, für den scheint es mittlerweile unabdingbar ab und zu Lügen als Hilfe zu verwenden. Hierbei ist die Art, der Zweck und das Ziel der Lüge nicht mehr weiter wichtig, da sie bereits so weit in unser tägliches Denken und Handeln integriert sind, dass die Meisten Menschen Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr voneinander unterscheiden können- oder wollen.

Kim Sterzel

Wir brauchen dringend neue Lügen – Spielt man Lügen vor, um die Wahrheit zu fordern?

Lügen – was sind das? Die Lüge ist das Gegenteil der Wahrheit. Das Spielzeitmotto fordert also neue Unwahrheiten. Wer ein wenig die politischen Strömungen der Zeit verfolgt hat, bekommt im ersten Moment einen riesen Schreck: Sind es nicht zum einen die Lügen, die die AfD der freien Presse vorwerfen und sind es nicht auch Lügen, die man wiederrum der AfD (zurecht) vorwirft? Warum also sollte man noch mehr Lügen fordern? Nun, in ethischen Diskursen gibt es natürlich immer die Hinweise auf „kleine Lügen“ – im Sinne eines nicht ganz ernst gemeinten Kompliments oder ähnlichem, die das gesellschaftliche Zusammenleben unterstützen sollen. So gibt es also eine gewisse Differenzierung oder Abstufung der Lügen, die nach ihrer Wirkung vorgenommen wird. Eine fragliche, aber weitgehend akzeptierte Unterscheidung.
Um diese „nicht ganz schlechten Lügen“ muss es sich wohl auch bei der Akklamation des Bonner Schauspiels handeln. Das Spielzeitmotto ist im Übrigen keine Eigenkreation des Schauspiels, sondern stammt aus dem Song „Pure Vernunft darf niemals siegen“ der bekannte Hamburger Band Tocotronic. In diesem wird ebenfalls ein sehr konträres Bild der Lügen behandelt. Hier soll jetzt aber keine Analyse des Liedtextes folgen, sondern es soll noch etwas über das Lügen sinniert werden.

Lügt das Theater? Nicht unbedingt, es überspitzt gerne, teilweise so stark, dass man meinen möchte, es handele sich um eine Lüge aber zum einen spricht das Theater im Kern seiner Inszenierungen immer einen Teil der Wahrheit aus, indem es dem Zuschauer etwas vorgaukelt. Andererseits sind es gerade Lügen, die teilweise den Stoff des Theaters beflügeln. Über was sollte man sich empören, wenn es nicht in der Welt jemanden gäbe, der lügt? Und zwar nicht eine kleine charmante Lüge, sondern Verbrechen niederredet, Unschuldige zu Tätern macht und Gewalt herrschen lässt auf dem Gerüst von Lügen? Der überhaupt erst durch Lügen an Macht kommt, die ihm nicht zusteht, weil er moralisch nicht geeignet ist, mit Macht umzugehen?

Gehen wir vom Theater weg. Wer braucht sonst Lügen? Manchmal brauchen Menschen in der höchsten Verzweiflung Lügen, wie es gerne in dem einen oder anderen Spielfilm gezeigt wird. Nur, ist es nicht auch notwendig, wenn die Lüge nicht als solche bestehen bleiben soll, sie nach der Rettungstat irgendwann aufzuklären? Sicher – wenn es gut ausgeht, dann kann zum Schluss die Lüge als solche enttarnt werden, wenn die Geschichte schlecht endet, behält man lieber die Lüge bei, denn: Der Mensch braucht etwas, woran er sich klammern kann. Sind Lügen also so etwas wie die neue Variante der Hoffnung? Manchmal – sicher nicht immer. Vor allem nicht, wenn diese Lügen eine Gesinnung annehmen, die andere Menschen zu Unrecht verurteilen. Wenn Sie mich fragen würden: Lügen sind manchmal notwendig, aber nichts ist so notwendig wie die Wahrheit, ist sie auch noch so komplex und teilweise zerstörender als die Lüge.

Denn das verrückte an der Lüge ist, dass sie einerseits die Wahrheit verschleiert und zugleich selbst verschleiert wird. Lügen existieren an sich nicht, denn niemand beginnt seine Erklärungen oder Erzählungen mit dem Satz: Alles was jetzt folgt, ist eine reine Lüge. Nicht einmal Märchen. Manchmal wird es zumindest angedeutet, aber nicht so direkt ausgesprochen, dann benutzt man lieber das Wort „fiktiv“ oder noch umständlicher „die Ereignisse haben so ähnlich stattgefunden“ (sehr gerne bei nachgestellten Polizeidokumentationen auf privaten Fernsehsendern benutzt). Die Wahrheit ist immer das Maß an dem gemessen wird, daher möchte man das Wort „Lüge“ im besten Fall vermeiden, denn keines hat so einen negativen Klang (Schwindel, Trug, Täuschung, List, Finte, Flunkerei etc.). Wie also verfahren mit den Lügen? Letzten Endes bringen Lügen nicht weiter. Es gibt Lebenslügen, die manch einer bis zu seinem Tod aufrecht erhält. Für mich wäre das nichts, selbst wenn es sich um eine gesellschaftlich/moralisch akzeptierte „gute“ Lüge handelte. Ich bleibe dabei, ja sie sind mitunter notwendig, aber nichts ist notwendiger als die Wahrheit und wenn die Lüge helfen sollte eine Wahrheit aufzudecken, dann kann sie das gerne tun oder man spricht die Wahrheit einfach direkt aus. Wenn man ein geschickter Redner ist, wird sie gehört und verstanden werden

Zum Nachhören „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von Tocotronic aus dem Jahr 2005:

 

Rebecca Telöken

 

„Wir brauchen dringend neue Lügen“

… der neueren, schöneren Wahrheiten. Wenn man die Probleme der Welt nicht lösen kann, dann sollte man sich wenigstens gemütlich ablenken dürfen, sich unterhalten lassen und behaupten, man habe angesichts der Auswegslosigkeit keine andere Wahl gehabt.

Deshalb will ich mehr Alternativen, mehr Trump, mehr Mauern,  mehr Populismus, mehr verschönerte Armutsberichte, mehr plastische Chirurgie, mehr ungefährliches Rauchen, mehr Ausländer, die Schuld sind, mehr einfache Lösungen, mehr komplexe Probleme auf eine primitive Parole gekürzt (oder auf einen kleinen Artikel im EXPRESS), mehr Heteronormativität, mehr perfekte Familien, mehr simple Liebeskomödien, mehr Fake News, mehr Ausreden, mehr Online-Petitionen für das gute Gefühl, mehr positiven Sexismus, mehr Biofleisch mit gutem Gewissen, mehr Lobbyarbeit, mehr Pornosex.

Camilla Gerstner

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