Wenn der Alltag vorbeizieht…

(Vorschaubild: (c) Thilo Beu)

Ein erschreckend reales Abbild ohne Sprache

Der 2. Jugendclub des Theater Bonn präsentierte im Juni seine Produktion „Stadt der Fremden“ auf der Werkstattbühne, eine eigenständige Inszenierung ausgehend von Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“.

Regisseur Stefan Herrmann inszenierte gemeinsam mit Choreografin Sonia Franken einen Abend komplett ohne Sprache, aber nicht in Stille, sondern nur ohne ein ausgesprochenes Wort. Zusammen mit ihrem Ensemble bestehend aus in Bonn aufgewachsenen Jugendlichen und gleichaltrigen, aus ihrer Heimat geflohenen Schauspielerinnen und Schauspielern, arbeitete das Leitungsteam  seit Winter 2016 regelmäßig an seiner Performance und zeigte bereits im Februar erste Ergebnisse während einer kleinen Präsentation auf dem Schauspielgelände Beuel.

(c) Thilo Beu

Das bunt gemischte Ensemble tritt in verschiedenen Persönlichkeiten in Erscheinung, wodurch sich wiederum verschiedene Situationen und Konstellationen ergeben, die zu kleinen Momentaufnahmen des Alltags werden. Die hektisch wirkenden Massenszenen, wobei jeder der Darstellerinnen und Darsteller mit einem eigenen persönlichen Problem beschäftigt ist und deshalb keiner auf den anderen zu achten scheint, stehen in einem großen Kontrast zu den ruhigeren Momenten, in denen Geschichten aus dem Alltag erzählt werden. Diese finden meistens im Verborgenen statt, gehen allerdings durch die Hektik des Alltags schnell verloren. Eben diese kleinen, teilweise herzerwärmenden Anekdoten, scheinen einen direkt anzusprechen, sodass der Wunsch nach mehr dieser kleinen Lichtblicke aufkommt. In diesem Zusammenhang heißt  die allgemeine Leitfrage des Abends: „Was könnte alles um dich herum passieren, wenn du für einen kurzen Augenblick stehen bleibst?“.

Die Akteure verwandeln sich mehrmals während der Vorstellung hinter einer Trennwand auf der sonst leeren Bühne und schlüpfen in die Haut der unterschiedlichsten Gestalten des monotonen Lebens Während die Jugendlichen in der einen Szene gehetzt auf dem Weg zur Schule ihr Smartphone mit oder ohne Musik nie außer Acht lassen, oder gedankenverloren durch die Straßen der Stadt schlendern, scheinen in anderen Szenen mithilfe dezenter aber wirkungsvoller Requisiten und Kostüme regelrechte Wunder zu geschehen, indem ein blindes Blumenmädchen beispielsweise eine Rose an einen charmanten an Charlie Chaplin erinnernden Gentleman verkauft und dieser sich ein wenig in sie verliebt.

(c) Thilo Beu

Aufgrund des kulturell gemischten Ensembles, bedienen sich die verschiedenen Figuren diverser Klischees und Vorurteile, sodass man gar nicht anders kann, als sich in ein paar Szenen wieder zu erkennen oder ertappt zu fühlen. Besonders bei den schon fast als selbstverständlich geltenden, kalten Resignation und Abwertung gegenüber anderen Kulturen und Sitten, scheint das Team einen idealen Bogen zur aktuellen politischen Situation geschlagen zu haben.

Den Jugendlichen ist es jedenfalls gelungen, nicht nur eine durchweg spannende und abwechslungsreiche Vorführung ohne Worte zu kreieren, sondern es wirklich zu schaffen, während des Stücks einen Schritt aufeinander zuzugehen und am Ende gemeinsam von der Bühne zu tanzen – wortwörtlich. Ob uns dies auch eines Tages gelingen wird oder ob der erschreckend gut gewählte Titel „Stadt der Fremden“ stellvertretend für eine einsame Zukunft ohne Lichtblicke in Form von Momentaufnahmen unserer Wunschvorstellungen steht, liegt wohl in unseren Händen…

 

Kim Sterzel

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