Zwischen Heldenepos und Kamasutra

Ein Abend im Foyer der Werkstattbühne beim Fernwehkanal Indien

Es riecht nach Räucherstäbchen, Bilder hinduistischer Gottheiten sind zu sehen und es wird orientalisch anmutende Musik gespielt. Das Foyer der Werkstattbühne beginnt sich langsam zu füllen. Alle setzen sich an die bereitstehenden Tische und warten gespannt. Die Musik verändert sich und eine Stimme erzählt eine Art Schöpfungsmythos des Hinduismus. Schließlich betritt Ursula Grossenbacher den Raum. Sie hat die Arme und das Gesicht blau angemalt und trägt orientalische Gewänder. Sie erklärt das Konzept des Abends: Durch das Vorlesen der Mahabharata-Sage wird man ins Nirvana kommen. Nur hat sich leider ein Dämon, gespielt von Mareike Hein, entschlossen, sie an diesem Weg zu hindern. Daher wird die Hilfe des Publikums benötigt. Nach einem gewissen Abschnitt der Sage müssen immer wieder Aufgaben durch das Publikum bestanden werden, um den Dämon zu besiegen. Dabei soll in jeder Runde gewürfelt werden, um die Anzahl der Spieler zu ermitteln (und möglicherweise eine Anspielung auf die Sage, in der ein Würfelspiel ebenfalls eine zentrale Rolle spielt). Die Reaktion im Publikum auf diese Ansage sind zurückhaltend bis neugierig-interessiert.

In der Mahabharata-Sage wird die Geschichte des Helden Arjuna erzählt. Das circa 100.000 Strophen umfassende Epos bildet gleichzeitig die Rahmenhandlung der Bhagavad Gita, einem der wichtigsten Texte des Hinduismus. Arjuna ist der Sohn des Fürsten Pandu, wenn auch von Göttern gezeugt. Zentrales Element der Sage bildet der Zwist der beiden Familien: der Pandus und seines Bruders Dhritarashtras. Hier wird allerdings vor allem auf die Geschichte Arjunas geblickt. Dieser entwickelt sich nämlich zu einem großartigen Bogenschützen und kann durch seine hervorragenden Fähigkeiten seine Frau Draupadi erobern.

Nach diesem ersten Teil der Geschichte wird es Zeit für eine Aufgabe und der Dämon wird über eine Videoprojektion eingeblendet. Der Dämon stellt einen krassen Gegensatz zu der Geschichtenerzählerin dar, da er einerseits krankhafte Bewegungen und Geräusche macht, die seine Böshaftigkeit betonen, und andererseits immer ein Kapitel des Kamasutra erzählt. Im Anschluss an diese Erzählung kommt die erste Aufgabe: „Meistere verspielte spatzenartige Bewegungen!“ Es wird eine vier gewürfelt und nach anfänglichem Zögern, trauen sich doch zwei Frauen und zwei Männer aus dem Publikum, die sich dieser Aufgabe stellen wollen. Sie meistern die Aufgabe mit Bravour und durch die eigespielte Musik entwickelt sich diese spontane Performance zu einer Art Tanz, der sehr stimmig wirkt.

Im zweiten Teil der Sage erfährt man, wie Arjuna seine soeben gewonnene Frau Draupadi – wegen eines Missverständnisses mit seiner Mutter – mit seinen Brüdern teilen muss. Daraufhin ist wieder der Dämon an der Reihe und die nächste Aufgabe lautet: „Meistere die Amazone!“ Es werden wiederum vier Freiwillige ausgewählt, wobei ziemlich viel Überzeugungsarbeit auf Seiten der Schauspielerin geleistet werden muss. Jedoch gibt es dabei immerhin kleine Diskussionen unter den Zuschauern, wie man die Aufgabe lösen könnte. Die zweite Aufgabe wird jedoch nicht so überzeugend ausgeführt wie die erste. Der Dämon meint trotzdem: „Du hast es geschafft.“

Anschließend lässt sich Arjuna auf ein Würfelspiel mit seinen Widersachern, den Kauravas (die Söhne Dhritarashtras) ein, bei dem er jedoch alles verliert, was er und seine Familie besitzen. Die nächste Aufgabe heißt: „Zeig mir das Vulkanfieber!“ Nun gibt es den ersten Freiwilligen aus dem Publikum, daher müssen lediglich zwei weitere ausgewählt werden. Diese Aufgabe wird wiederum sehr schön ausgeführt, sodass auch der Dämon nur zugeben kann: „Du hast es geschafft.“

Arjuna muss aufgrund des verlorenen Spiels mit seiner Familie und seiner Frau für dreizehn Jahre ins Exil gehen, ohne erkannt zu werden, ansonsten würden es weitere dreizehn Jahre werden. Bevor allerdings die nächste Aufgabe – „Präsentiere mir die Schaukel!“ –  ausgeführt werden kann, gibt es für das fleißige Publikum eine Teepause mit sehr leckerem Gewürztee. Anschließend geht es wieder an die Arbeit. Dieses Mal finden sich gleich zwei Freiwillige, die gemeinsam eine Schaukel bauen und eine weitere Zuschauerin wird darin geschaukelt. „Du hast es geschafft.“

Es kommt zu einer Schlacht zwischen den Kauravas und dem Hof, an dem sich Arjuna versteckt hält. Während der Schlacht läuft die Verbannung ab, Arjuna gibt sich zu erkennen und wird zum stärksten Kämpfer dieser Schlacht. Die letzte Aufgabe des Abends lautet: „Präsentiere mir die Sesamkörner-Reis-Umarmung“. Passenderweise werden zwei Leute ausgewürfelt und ein Mann und eine Frau stellen sich mutig dieser Aufgabe. Ein letztes Mal meldet sich nun auch wieder der Dämon zu Wort: „Du hast es geschafft. Schick mir eine Postkarte aus dem Nirvana.“

Eigentlich hatte man erwartet, dass nun noch etwas kommen würde, etwa das große Finale. Daher war das Publikum auch relativ verwirrt, als die Vorstellung plötzlich zu Ende war, sodass auch der Applaus entsprechend verhalten ausfiel, was etwas schade war. Insgesamt war der Abend zwar durchaus unterhaltsam, jedoch hat vor allem am Ende einfach etwas gefehlt. Sehr schön war, dass sich das Publikum überhaupt auf die Aufgaben eingelassen hat, denn normalerweise erwartet man beim Gang ins Theater nicht unbedingt, selbst auf der Bühne zu stehen. Die Atmosphäre war sehr schön und der kleine Rahmen hat es wahrscheinlich einfacher gemacht, auf der Bühne etwas auszuprobieren. Auch der Wechsel zwischen Sage und Dämon ist gut gelungen, wobei die herausragende schauspielerische Leistung von Mareike Hein als Dämon gewürdigt werden muss. Das Konzept des Fernwehkanals von den Regieassistenten Silvana Mammone, Anaïs Durand-Mauptit und Frederik Werth ist sehr zu empfehlen, da es immer um unterschiedliche Länder und Kulturen geht, wodurch der Abend sehr vielseitig wird und immer wieder überraschend ist.

Katharina Wigger

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