Rationale Typen, die auf einmal völlig durchdrehen

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Die Diskussion um zeitgenössische Kunst – nun auf der Theaterbühne

Es ist weiß. Weiß mit weißen Streifen. Öl auf Leinwand. „Ein echter Antrios!“, verkündet Serge stolz. 200 000 Francs hat es gekostet – aber für einen echten Antrios ist das ja ein kleines Sümmchen. Das sieht Serges Freund Marc ganz anders: „200 000 für diese weiße Scheiße?“, fragt er entsetzt. „Was verstehst du schon davon!“, entgegnet Serge trotzig.

Yasmina Rezas Stück KUNST, das am 8. Dezember in den Kammerspielen des Theater Bonns unter der Regie von Jens Groß Premiere hatte, spielt in den Kreisen des Bildungsbürgertums. Die drei Freunde Serge, Marc und Yvan sind alle recht wohlhabend, Kunstliebhaber, selbsternannte Intellektuelle. Serge besitzt eine Dermatologie-Praxis und ist geschieden; Marc ist Ingenieur und hat eine Freundin, Paula, und Yvan steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch, weil er nicht nur bald seine Freundin Catherine heiratet, sondern auch kurz vor einem Wechsel aus der Textil- in die Papierbranche steht.

Die drei jungen Männer, deren Freundschaft durch das Bild auf eine harte Zerreißprobe gestellt wird, könnten charakterlich auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Serge (Benjamin Berger) ist ein lebensfroher Mensch, der Sinn für Humor hat und eine grundsätzlich optimistische Lebenseinstellung an den Tag legt. Äußerungen seiner beiden Freunde sind zu entnehmen, dass er gutes Geld verdient – dies macht er aber an keiner Stelle zu einem größeren Thema. Serge verkörpert einen Typus, den man wohl als „Genießer“ beschreiben könnte. Er kann sich für Dinge begeistern – nicht zuletzt für sein Bild – und ist interessiert an guter Konversation, innerhalb derer er um Harmonie bemüht ist. Als

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Intellektueller präsentiert er sich gerne und freut sich, wenn er sein jüngst angelesenes Wissen teilen kann, ohne dabei jedoch aufdringlich zu sein. Marc (Hajo Tuschy) ist in erster Linie Skeptiker. Er hinterfragt die Meinung anderer Menschen, ist aber gleichzeitig überzeugt von seinem eigenen Standpunkt. Dementsprechend mangelt es ihm an Toleranz gegenüber seinem Umfeld. Er ist aufbrausend, bemüht sich jedoch darum, die Beherrschung nicht zu verlieren. Sein süffisantes Lächeln ist ein auffälliges Merkmal, durch das er oftmals überheblich erscheint. Marc möchte die Kontrolle behalten – über sich und über andere. Er ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen; wenn ihm jemand diesen Rang abläuft, legt er sich gerne mit ihm an – sogar, wenn es sich bei seinem Kontrahenten um die zeitgenössische Kunst handelt. Yvan (Sören Wunderlich) tritt als Chaot in Erscheinung. Er ist fahrig und sucht ständig eigens verlegte Gegenstände; im Vergleich zu seinen Freunden ist er schnell aus dem Konzept zu bringen und neigt aufgrund seiner Sensibilität zu starken Gefühlsausbrüchen. Ihm wird oft unterstellt, er vertrete keine eigene Meinung – jedoch zeigt sich in Extremsituationen, dass er sehr wohl seinen Standpunkt hat und sich positionieren kann. Auf Anhieb wirkt Yvan eher schwächlich, jedoch verfügt er tatsächlich über die große Stärke, Menschen sein lassen zu können, wie sie sind, ohne ihnen ihre Macken vorzuhalten.

Die Verschiedenheit der Freunde wird in der Inszenierung erster Linie durch das Bühnenbild dargestellt. Es mutet wie eine große moderne Wohnung an, schnell versteht der Zuschauer jedoch, dass hier drei Lebensräume in einem gezeigt werden. Der Wohnungswechsel wird nur durch das jeweilige Gemälde an der Wand veranschaulicht. So hängt bei Serge natürlich der Antrios, bei Yvan ein gewaltiges Hirsch-Gemälde und bei Marc eine Ansicht von Carcassonne. Dieser Aspekt verdeutlicht, dass sich die drei Figuren durch ihr Kunstverständnis definieren und erklärt somit auch, weshalb der Streit um den Antrios so schnell ausartet. Musikalisch untermalt von „C’era una volta“ von Nôze gehen die Männer zwischendurch parallel immer wieder den sie charakterisierenden Beschäftigungen nach: Serge hängt sein Bild auf und ab, Marc zieht sich um und betrachtet sich im Spiegel, Yvan sucht verzweifelt eine Stiftkappe. Diese sich wiederholenden Handlungen parodieren das Bildungsbürgertum und dessen Oberflächlichkeit, Egozentrik und Eitelkeit. Warum Marc von Beginn des Stückes an gereizt auf das Gemälde von Serge reagiert, erschließt sich erst sehr allmählich und subtil: Es ist nicht das Bild an sich, sondern viel mehr, was dieser Kauf über seinen Freund Serge aussagt. Hatte Marc vorher immer geglaubt, in Serge eine Art „Seelenverwandten“ zu sehen, der die

(c) Thilo Beu
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gleichen Werte wie er selbst vertritt, so wird er durch diesen Kauf schwer enttäuscht. Der Kauf des Bildes und auch Serges Gefallen an dem Bild zeugen, laut Marc, von dessen „Snobismus und Ernsthaftigkeit“.

Andersherum fühlt sich Serge von Marc unverstanden und verspottet. Noch angespannter wird die Situation, als die Freunde Yvan, einweihen und jeweils versuchen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Der jedoch versteht die Ernsthaftigkeit des Konflikts nicht. „Wenn’s ihm Spaß macht“, antwortet er tolerant auf Marcs Lästereien über Serge, verspricht aber, sich dieses Bild mal anzuschauen. Bei Serge zuhause lachen die beiden über die Absurdität des Preises, aber nicht über das Gemälde, das Yvan nicht schlecht findet. Auf Serges Vorwürfe gegenüber Marc bezüglich dessen „beschränkter Sichtweise, Selbstgefälligkeit, Humor-und Taktlosigkeit“ reagiert Yvan nur verhalten.

Gerade Yvans Unentschlossenheit und Meinungsenthaltung führt bei einem Treffen der drei Freunde dazu, dass sich Serge und Marc, die sich zuvor kaum noch etwas zu sagen hatten, doch wieder in etwas einig sind: in ihrer Abneigung gegenüber Yvan, dem „Speichellecker“, dem „Feigling“. Marc und Serge verstehen Yvans gut gemeinte Streitschlichtungsversuche nicht; der Konflikt erreicht seinen Höhepunkt in Form einer Schlägerei, bei der Yvan unabsichtlich verletzt wird. In der Stille nach der Eskalation sind die Freunde endlich fähig, über ihre Gefühle und verschiedenen Wahrnehmungen zu reden. Serge versichert Marc, dass er ihn nicht durch das Bild ersetzt habe, Marc gesteht Serge, dass er das Gefühl habe, der Freund entgleite ihm. Endlich äußert auch Yvan seine Meinung unter Tränen und Lachen:

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

„Eine Katastrophe wegen einer weißen Scheiße! Gebt´s doch zu, das ist völlig bekloppt!“. Nachdem Yvan endlich eindeutig Stellung genommen hat, können die drei Freunde zusammen über die Absurdität der Situation lachen. Serge erlaubt Marc sogar, etwas auf das Bild zu malen – der eindeutige Beweis, dass ihm die Freundschaft wichtiger ist als jedes Statussymbol der Welt. Ganz am Ende des Stücks versucht Marc, doch noch einen Sinn im Gemälde zu erkennen. Und so geht auch er einen Schritt auf Serge zu.

Die Schauspieler verkörpern ihre Rollen hervorragend, insbesondere Yvan wird dem Zuschauer trotz oder gerade wegen seiner Unentschlossenheit und seiner Tendenz, ins Fettnäpfchen zu treten, sympathisch. Der tosende Applaus, den das Publikum den Darstellern schenkt, ist absolut berechtigt. Das Stück selbst stimmt in irgendeiner Art optimistisch: Mit dem „Problem“, keinen Zugang zu zeitgenössischer Kunst zu finden, sind derart fühlende nicht alleine. Die Reibung von Kunstliebhaber und Kritiker oder verständnislosem Laien ist ein unumgänglicher Konflikt, aber dass dieser offen ausgetragen werden darf und sollte, führt KUNST vor Augen.

Was die drei Freunde im Stück im Endeffekt wieder vereint, ist ihre Bereitschaft, sich mit ihrem eigenen Verhalten und der dahinter steckenden psychischen Konstitution auseinanderzusetzen. Sie sind intelligent, fähig zur Selbstreflexion und interessiert daran, ihren gemeinsamen Konflikt zu analysieren und zu lösen. Und wie Ivan feststellt, handelt es sich bei den jungen Männern eigentlich um Rationalisten. Mit allen dreien kann man sich als Zuschauer identifizieren. Jeder vertritt einen nachvollziehbaren Standpunkt, wenn die Argumentation auch nicht in allen Fällen gleich stichhaltig ist. Vor allem aber präsentieren sich die Streitenden als eines: Als Menschen. Autonomes Denken, logisches Verknüpfen und ein kritischer Geist sind fundamentale Elemente, die unser Menschsein ausmachen – das lernen wir bei einem Abend mit „Kunst“ noch einmal auf ungemein unterhaltsame und spannende Art.

Phyllis Akalin & Antonia Schwingen

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