STAUBFRAU: Premiere auf der Werkstattbühne. Ein Stück von Maria Milisavljević über Femizid, strukturelle Gewalt an Frauen und gegen patriarchalische Strukturen
Eigentlich könnte in der Kindheit von Hannah alles gut sein. Das Dorf ist klein, man genießt den Wechsel der Natur in den Jahreszeiten und freut sich über alles, was nicht zum Dorfalltag gehört. Außerdem ist da ihre Freundin Therese, mit der sie sich unheimlich gut versteht. Mit der sie zusammen Rad fährt, oft und gerne zum Fluss. Tja und eines Tages, von ihrer Freundin hat sie länger nichts gehört, sieht sie Therese am trüben Grund des Flusses liegen und weiß, dass jetzt nichts mehr sein wird, wie es war. Sie kann es niemandem erzählen. Wer würde ihr das schon glauben?
Therese wird nie erwachsen werden und ihre Freundin wird ein Leben lang an diesen Tag zurückdenken, an dem ihre Freundin starb. Über den Täter gibt es nur Andeutungen – ein Onkel, der ihr eine Halskette geschenkt hat, die man später am Fluss findet. Hannah schmeißt ihr Fahrrad, mit dem sie immer zusammen durch die Gegend gefahren sind, in den Fluss, schenkt es ihrer Freundin zum Abschied.
Was sich ein wenig wie Ladislao Vajdas Film „Es geschah am helllichten Tag“ anhört, ist leider kein Kriminalfall, bei dem am Ende ein fremder, böser oder psychisch auffälliger Mensch von einem leidenschaftlich ermittelnden Kommissar festgenommen wird. Es ist der Auftakt zur Geschichte eines über Generationen von Frauen andauernden Martyriums – die Rede ist von häuslicher Gewalt, die bis zum Mord geht.

Hannah wird erwachsen, heiratet, bekommt eine Tochter, die heiratet ebenfalls und bekommt eine Tochter, die wiederum heiratet und bekommt gleich zwei Kinder … Es klingt wie ein ewig gleicher Kreislauf des Lebens und doch verändert sich nach und nach etwas, allerdings nicht zum Guten. Man kann sagen, die Ehen der Frauen werden zunehmend schlimmer.
Nach der Vorgeschichte stehen – die mittlerweile verstorbene – Hannah als Großmutter (Ursula Grossenbacher), ihre Enkelin (Alina Heipe) und deren Mutter bzw. Hannahs Tochter (Lydia Stäubli) im Mittelpunkt des Stücks. Die Mutter ist der Typ Frau, die ihrem Mann immer alles recht machen will, aber nie die Erwartungen ganz erfüllen kann und immer seiner Kritik ausgesetzt ist. So versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Doch der Versuch scheitert. Später verdrängt sie diese Phase ihres Lebens und wenn ihre Tochter sie darauf anspricht, fällt der immer gleiche Satz: „Daran erinnere ich mich überhaupt nicht“. Doch was das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter vollends zerstört, ist die Weigerung der Mutter, das Verhalten ihres Schwiegersohnes in irgendeiner Weise kritisch zu sehen.
Und ja, dieser Mann wirkt nach außen hin sympathisch: Lehrer, kinderlieb, ordentlich, verlässlich. Aber da gibt es diese manipulative Seite an ihm, die er nur bei ihr zeigt, wenn keiner es mitbekommt. Wenn er Sex haben will und ihr nicht danach ist, dann beredet er sie so lange, bis sie einwilligt. Wenn sie Widerworte gibt, beklagt er sich über seine Belastung, die Familie zu ernähren oder sagt: „Wir haben das gemeinsam entschieden, vergiss das nicht“ – diese letzten Worte sind eine Drohung. Männer sind die grauen Eminenzen, man sieht sie nie, aber ihre Stimme geistert stets durch den Raum.
Der Druck auf Hannahs Enkelin ist also groß, aber außer ihrer Geisteroma, die sie unablässig auffordert, endlich zu gehen, hat sie keine Unterstützung. Sie spürt, dass sie in dieser Ehe nicht weiter leben möchte, aber ihr werden Zweifel eingeredet, ob nicht doch sie das Problem ist. Zugleich wandern ihre Gedanken in eine andere Richtung. In kleinen Videos (Clara Kulemeyer), die floristische bzw. aus der Natur entnommene Motive zeigen, werden diese Gedanken als Aktteiler eingeblendet. Unterlegt werden sie mit einer gekünstelt freudigen Frauenstimme, die „Kochrezepte“ einspricht. Was harmlos mit einer Petersilie beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer Giftküche. Da landen Knollenblätterpilz und Tollkirschen im Salat, die Wirkung setzt mitunter verzögert ein, ist aber qualvoll und tödlich.
Das klingt böse, aber spiegelt vor allem die Angst, Verzweiflung und Ohnmacht wieder, die Hannahs Enkelin empfindet. Sich zu trennen klingt so einfach, aber welche Konsequenzen hätte eine Trennung, wie Oma Hannah sie ihr einzuflüstern versucht? Schließlich sind da die Kinder, für die er der beste Papa ist. Da ist der perfekte Leumund des Mannes. Niemand würde ihr glauben, wenn sie schlecht über ihn redet. Er hat sie nie geschlagen, lauten Streit hat niemand mitbekommen. Warum sollte man ihr glauben? Könnte man aber nicht ebenso gut auch fragen: Warum sollte sie lügen? „Er muss schon viel tun, bis er zum Problem wird, der Vater“ ist ein markanter Satz unter vielen, die an diesem Abend fallen.
Doch dieses Zögern wird für Hannahs Enkelin immer gefährlicher. Während das Stück voranschreitet, läuft ein Countdown – in 24 Stunden wird etwas passieren, je näher das Ende kommt, desto größer wird das Unbehagen bei den Zuschauern. Die Katastrophe wirkt unausweichlich.
Die international erfolgreiche Theaterautorin Maria Milisavljević hat für Frauen, die die 40 überschritten haben, das Wort „Staubfrau“ gefunden. Es sind oft Mütter mit bereits größeren Kindern, die unbezahlte Care-Arbeit geleistet haben und darüber unsichtbar geworden sind. Wie Staub erahnt man sie, es gibt sie überall, aber sie finden keine Beachtung, vor allem nicht für ihre Not. Staub sind sie und Staub ist ihr Leben, so dass Alina Heipe resigniert feststellt: „Mein Leben zerfällt zu Staub“ oder auch gegen Ende resümiert: „Das Alte, das ist Staub. Ich bringe meine Liebe zum Fluss“, denn „Wenn das die Liebe war, habe ich sie nicht gewollt“.
Regisseurin Jula Marie Kühl setzt Milisavljevićs poetischen Texte in ebensolche Bilder um – die aber nicht die Gewalt verschleiern, die sie beinhalten. Die Schauspielerinnen tragen zu Beginn Brautschleier, auf denen die Symbole der Säulen der „guten Hausfrau“ wie Kronen prangen: Häuschen für das Heim, Kochtopf und Blumen für Sauberkeit, Ordnung und Schönheit. Aber die Corsagen lassen sie sich kaum bewegen, die Ehe schnürt ihnen alles ab. Das Leben ist in der Enge des häuslichen Lebens eingepfercht. Unentrinnbar.
Auch die Bühne spricht von Entbehrung und Verlust. Der Boden besteht aus feinem Sand, Staub, der unablässig durch ihre Hände läuft, in dem sie wühlen, aber nichts finden. Eine Wand aus weißen Gummistreben kann der zitternde Vorhang sein, hinter dem Dinge geschehen, die die Nachbarn nicht mitkriegen sollen. Ebenso ertönt das Geräusch einer Peitsche, wenn ihm eben doch mal die Hand ausrutscht (Ausstattung: Marie Häusner).
Die drei Schauspielerinnen harmonieren als Mutter-Tochter- Gespanne sehr gut. Alina Heipe steckt viel Energie in die Rolle der Frau, die zugleich Tochter als auch Mutter ist. Ihr Kampf im eigenen Heim, mit sich und der Gesellschaft, spielt sich in ihrer Mimik ab, in kleinen Gesten und großen. Die prosaischen Textabschnitte, die immer wieder zurück zu diesem Fluss führen, der die Zeit vor, zurück und stillstehen lässt, deklamiert sie mit viel Gefühl und Wut im Bauch.
Lydia Stäubli hat diese spitze Art, mit der größten Selbstverständlichkeit die schlimmsten Dinge zu sagen, wodurch ihre Figur komisch und zugleich bedauernswert wird, obwohl sich sicher auch bei dem ein oder anderen wegen Verbohrtheit und Blindheit dieser Mutter vielleicht das Bewusstsein regt: So möchte ich niemals werden.
Ursula Grossenbacher ist die „abgeklärte“ Großmutter, ein bisschen wie eine ethische Instanz, die mit Ironie und Lebenserfahrung ihrer Enkelin beistehen will, selbst aber auch eine gescheiterte Ehefrau und Mutter ist. Sie kann dem Geschehen nur beobachtend beiwohnen und kennt den traurigen Ausgang der Geschichte. „Es kam plötzlich, aber nicht unerwartet.“
Gewalttätige Beziehungen, die mit einem Mord enden, gibt es in Deutschland jeden Tag. Gewalt gegen Frauen, Ehefrauen, die Freundin und auch gegen die eigenen Kinder sind darunter erschreckend oft vertreten, wie der Abschluss des Abends zeigt. Da stehen die drei Schauspielerinnen auf der Bühne und lesen – gefühlt mindestens eine Viertelstunde lang – anonymisiert Ort und Datum des Todes der von ihren Lebensgefährten (oder Vätern) ermordeten Frauen vor. Es sind sowohl sehr junge (Kinder von 6 Jahren oder jünger), aber auch viele ältere Opfer dabei, die die 70 schon überschritten hatten.
In der Fachwelt heißt ein Mord an Ehefrauen „Uxorizid“, ein Unterbegriff des Femizids, der im deutschen Strafrecht allerdings debattiert wird[*]. Man sollte sich beide merken, denn in Zeitungen wird gerne romantisiert von „Liebesmord“, „Eifersuchtsmord“, „Ehedrama“ oder „Beziehungstat“ berichtet, was die eigentliche Tat in ein schiefes Licht rückt, denn mit Liebe haben diese Verbrechen nichts zu tun. Sie sind Taten von Menschen, die Angst hatten, ihre Macht zu verlieren.
Schaut man dieser Tage in die Zeitung, muss man schlucken, denn gerade erst wieder wurde eine 46-jährige Frau aus Euskirchen tot aufgefunden. In U-Haft der Ehemann, angeklagt wegen Mord aus „niedrigen Beweggründen“. Wenige Tage zuvor begann im Landgericht Bonn ein Verfahren gegen einen Mann, der seine Frau zerstückelt und ihren Körper an verschiedenen Orten entsorgt hatte.
Der Abend ist ohne Zweifel beeindruckend und beklemmend. Der Applaus im Publikum ist nicht begeistert, er ist anerkennend, solidarisch, betroffen. Obwohl man einwenden könnte, dass jetzt wieder vielleicht nur diejenigen das Stück sehen werden, die sowieso nicht davon betroffen sind, lässt sich dagegenhalten, dass wahrscheinlich vielen Frauen hätte geholfen werden können, wenn die Gesellschaft für diese Themen mehr sensibilisiert wäre – wenn es nicht immer mit Scham behaftet wäre, sich von seinem auf den ersten Blick doch so wunderbaren Ehemann zu trennen – wenn Menschen in der näheren Umgebung einfach genauer hingeschaut hätte, statt durch die betroffenen Frauen wie durch Staub zu blicken. Das gilt für alle Orte: Schule, Arbeitsplatz, Nachbarschaft. Davon sind wir alle betroffen.
Wenn die Zuschauer den Theatersaal verlassen, stehen kleine Spendenboxen an der Garderobe – für die Bonner Anlaufstellen für Frauen, die in Not sind. Leider werden diese Spenden dringend gebraucht und leider ziemlich häufig.
Rebecca Telöken
Sollten Sie Hilfe benötigen, finden Sie über die Seite des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) die Anlaufstellen in Ihrer Näher. Link:
Frauen gegen Gewalt Die Seite ist auch auf Englisch, Türkisch und Arabisch aufrufbar.
[*] Informationen zum Thema finden Sie u.a. über die Seite der Bundeszentrale für politische Bildung:
Femizide und Gewalt gegen Frauen
Femizide: Rechtlicher Rahmen und Strafverfolgung

