Shakespeare’sches Drama aus deutscher Feder: Maria Stuart auf der Bühne der Brotfabrik Bonn
Es ist schon ein paar Jahre her, seit das „Theater Dramaturgisch Wertvoll“ das letzte Mal eine Produktion auf der Bühne gezeigt hat. Die lange Pause hat dem Ensemble aber nicht geschadet, denn viele der aktuellen Mitglieder sind in mehreren der freien Gruppen unterwegs (u. a. Bonn Players, BUSC) und den regelmäßigen Brotfabrik-Besucher*innen wohlbekannt.
Ihren Wiedereinstieg feierte die Truppe nun mit einem Klassiker der deutschen Theaterwelt: Friedrich Schillers MARIA STUART.
Zugegeben: Wilhelm Tell, Die Räuber, Kabale und Liebe, Don Karlos … all diese Stücke des anderen großen Schriftstellers der Weimarer Klassik liegen heute im Bekanntheitsgrad wahrscheinlich vor dem Trauerspiel der schottisch-französischen Königin, die von ihrer „Schwester“ (eigentlich Cousine) Elisabeth aufgrund von Thronzwistigkeiten erst gefangengenommen und am Ende enthauptet wird.

Das war nicht immer so. Im 18. und 19. Jh. gehörte MARIA STUART zu den meist gespielten Stücken, allerdings unterlag es schon immer der Kritik und Zensur – erst, weil der Kaiser eine enthauptete Königin nicht auf der Bühne sehen wollte, dann aufgrund moralischer Bedenken in Bezug auf das Leben der Stuart oder wegen religiöser Darstellungen. Interessanterweise wurden die dem Stück innewohnenden Gedanken zu Freiheit und Pflichten einer Königin hingegen nie öffentlich angegangen.
Und auch wenn heute weder die moralischen Verfehlungen noch die religiösen Szenen großes Aufsehen beim Publikum erregen sollten, hat dieses Stück immer noch seine Reize: Ist die Königin nur Königin, wenn sie selbst und frei alle Entscheidungen unabhängig vom Volk treffen kann? Oder ist eine Königin dazu da, dem Willen des Volkes zu gehorchen, auch wenn es ihrem eigenen Willen widerspricht? Dazu gibt es eine typisch schwierige schillersche Liebesbeziehung (oder wenn man so will auch zwei), nämlich der sich wie ein Fähnchen im Wind drehende Graf von Leicester, der zwischen den beiden Königinnen hin und her schlingert und ein geradezu perfides Spiel mit den Frauen treibt, die sich ihm zugehörig fühlen. Dazu kommt das historische Setting in Shakespeares Landen. Shakespeare hat ja bekanntlich keines seiner Stücke in seiner Heimat spielen lassen, dafür greift Schiller eine intrigenreiche (aber etwas weniger blutige) Episode in der Geschichte des Inselvolkes auf und das mit zwei Frauenfiguren, die unterschiedlicher und in ihren Empfindungen extremer vielleicht nicht sein könnten.
Treten wir zunächst einen Schritt zurück und lassen die Bühne auf uns wirken. Regisseur Marc Erlhöfer, der zugleich die Rolle von Elisabeths Berater Baron von Burleigh übernimmt, lässt die Zuschauer auf eine Ahnentafel blicken. Alles männliche gekrönte Häupter, einer von ihnen wird auch Elisabeths Vater sein, Heinrich VIII., der ihre Mutter aufs Schafott brachte. Die Bühne ist das ganze Schloss – aufgeteilt in Elisabeths Bereich, der die Hauptbühne umfasst und Marias Kerker, der sich ganz am Rand der Bühne befindet. Ein kleiner Stuhl und ein Nachttisch, mehr gesteht man der gefangenen Königin trotz ihrer Herkunft nicht zu.
Elisabeth (Esther Takats) trägt Hosenanzug, kurze Haare, ihr Ausdruck ist streng, der Blick kühl. Sie verkörpert eine traditionelle Männlichkeit, die sie sich aneignet, weil man als Frau sonst nicht dem Druck der Verantwortung der Krone gewachsen sei.
Durch Lautsprecher erklingt ein Gerichtsurteil – gerade wurde vom Parlament entschieden, dass Maria (Lisa Pohlers) hingerichtet werden solle, da sie an dem Mordkomplott gegen ihren Gatten beteiligt gewesen sei und kurz nach dem Mord auch noch dessen Mörder heiratete. Daraufhin wurde sie aus Schottland vertrieben und suchte Schutz bei einer Verwandten, wo sie allerdings gefangen genommen wird und einen (unfairen) Prozess erhält.
Zeugen wollen ihre Beteiligung am Mordkomplott bestätigt haben, da sie dabei gewesen seien, als die schottische Königin Briefe mit diesem Inhalt diktierte. Doch Maria, die diese Zeugen selbst nicht gesehen hat, beharrt darauf, keine Briefe mit diesem Inhalt verfasst zu haben.
Elisabeth nimmt die Entscheidung des Gerichtes gelassen hin, behält sich aber noch vor, ihre Unterschrift unter das Dokument zu setzten, das erst den Vollzug der Hinrichtung anordnen würde. Das Urteil ist also gesprochen, doch das Dilemma fängt jetzt erst an.
Ein grausames Geduldspiel – die Verurteilung steht, aber ohne die Unterschrift der Königin darf sie nicht vollzogen werden. Elisabeth hadert, hasst sie doch ihre katholische Rivalin, die ihr den Thron nehmen könnte, die Unruhe ins Volk bringt und die auf Männer so anziehend wirkt. Auf der anderen Seite ist ein zu unrecht verhängtes Todesurteil an einem anderen Königshaupt ein schweres Vergehen und wird vom Volk nicht leicht verziehen werden.
In dieser Schwebe zwischen Leben und Tod befindet sich Maria.
Sie ist das umgekehrte Spiegelbild der Elisabeth: jung, schön, weiblich – auch ihr kurzes blaues Kleid betont dies. Frei darin, ihre Liebhaber zu wählen und durch ihre Vertreibung vom Thron auch frei von allen politischen Verpflichtungen, von denen sich Elisabeth gebunden fühlt. Nur eines eint diese beiden so unterschiedlichen Frauen: beide sind stolz und leicht in ihrer Ehre zu kränken – ein Umstand, der letztlich den Tod der Maria besiegeln wird.
Das Aufeinandertreffen der beiden Königinnen ist einer der Höhepunkte des Abends. Lisa Pohlers, die schon in diversen Rollen auf der Bühne stand, hat selten eine so durchgehend ernste und einnehmende Rolle wie die der Maria gespielt. Stolz und Würde, Tugend und Schicksalsergebenheit mischten sich in ihrem Spiel zu einer wahren Königin, die sich um ihr Erbe – der englischen Krone – betrogen fühlt und dennoch das Ende, das man für sie gewählt hat, letztlich annimmt, ja darin die wahre Freiheit findet. Das Publikum verfolgte diesen Schlagabtausch der gekrönten Häupter fast atemlos. Brecht hatte einst den Königinnenstreit als Fischweiberstreit abgewertet, doch von keifenden Fischweibern war hier nichts zu spüren, nur von Stolz und dem Wunsch, diesen zu verletzen.
Ein anderer Höhepunkt des Abends ist unzweifelhaft der letzte Monolog Elisabeths alias Esther Takats. Nicht nur sitzt hier jede Betonung, sondern auch jede Geste und die Mimik bringen den Text einer Königin, die vor ihren eigenen Entscheidungen und vor ihrem Volk, ihrem Amt, Angst hat, zur Geltung. Gänsehautfeeling in einer im Gedächtnis bleibenden Szene.
Neben den beiden Gigantinnen sollte man aber auch die anderen Akteure des Stückes nicht außer Acht lassen, denn auch diese trugen maßgeblich zum Gelingen bei: Da wäre Robin Hemmersbach als Graf Leicester, der in einer fast unglaublich stoischen Ruhe alle Fäden in seinen Händen hielt, neu wickelte, verwob, aber auch, wenn etwas gegen seine Interessen lief, abschnitt. Für einen Liebhaber zweier so mächtiger Frauen fehlte allerdings ab und an der Punkt des „Verführerischen“, dem ja beide Frauen in der ein oder anderen Weise durchaus unterlagen. Dafür verkörpert er gekonnt die Haltung der „Distanz“ zu beiden Frauen. Er ist, wie man zu sagen pflegt, „aalglatt“.
Marc Erlhöfer als Burleigh lässt durchscheinen, dass er ein durchtriebener Zeitgenosse ist, der die vernünftigen Worte von Graf Shrewsbury (Philipp Gierenstein), einer der wenigen, die auf Marias Seite stehen, immer wieder durch falsche Äußerungen zu unterlaufen sucht. Außerdem schafft er es an den richtigen Stellen, auch für Lacher im Publikum zu sorgen, denn trotz allen Ernstes: man findet auch lustige Stellen im Drama.
Wobei die tatsächlich tragikomische Rolle Lukas Schletter als Staatssekretär William Davison zufällt. Die Königin wälzt alle Verantwortung für den Tod ihrer Verwandten auf den frisch ins Amt gekommene Staatssekretär ab und Schletter zittert tatsächlich am ganzen Leib, als er erkennt, dass er, egal, was er tun wird, mit Konsequenzen gegen seine Person rechnen muss.
Noch zwei Rollen müssen Erwähnung finden, denn zumindest ein davon hat ebenfalls großen Anteil am Fortgang der Geschichte. Die Rede ist von Ritter Sir Amias Paulet (Ben Heering), einem eher grobschlächtiger Kerl. Bekleidet mit Tweedmütze und Hemd einem Wildhüter nicht unähnlich und wie ein solcher hütet er auch die Maria, wacht über ihr Handeln mit scharfen Blick. In seinem ersten Auftritt tut er auch nichts Geringeres, als die Schubladen Marias aufzubrechen, um nach verräterischen Briefen zu suchen. Mit ihm verwandt, aber einer völlig anderen Gesinnung verhaftet ist sein Neffe Mortimer (Konstantin Rasanis) – jung, leidenschaftlich, vielleicht etwas stürmisch in seinen Ansinnen und vor allen Dingen Teil einer Verschwörung, die Maria aus ihrem Gefängnis befreien und auf dem englischen Thron sehen möchte. Aber wie so oft wird der heißblütige Verschwörer am Ende gleich zweimal enttäuscht, erst weist ihn Maria zurück und dann verrät ihn Leicester. Rasanis ist für seine energiegeladenen Auftritte bekannt und so ist er auch in dieser Rolle geradezu stürmisch unterwegs, kriegt aber noch die Kurve, als es für ihn ans Sterben geht.
Und schließlich darf man auch nicht die eher kleineren Rollen vergessen. Marias Vertraute Hanna, gespielt von Elen Carbonari, die weder auf den Kopf noch auf die Zunge gefallen ist und ihrer Herrin bis zum Schafott die Treue hält. Vielleicht ist sie die ehrlichste Figur in diesem Drama.

Wiederum vergnüglicher gestaltete der aus Kanada stammende Nikesh Trecarten seine Rolle als französischen Botschafter Aubespine, der, nachdem das Komplott um Marias Befreiung durch Mortimer auffliegt, sehr schnell seine charmanten Schmeicheleien und Werbungen um Elisabeth einstellt und das Land verlassen muss.
Michael Bareev-Rudy als Melvil hatte zwar nur einen kurzen Auftritt, er nimmt der Maria ihre letzte Beichte ab. Diese gestaltet sich – wie auch die anschließende Hinrichtung, die nicht mit dem Beil, sondern durch zwei von Leicester und Burleigh verabreichte Giftspritzen – als bewegende, durch die unterlegte Musik knapp am Überdrama vorbeischreitende Szene.
Erlhöfer hat Schillers Drama nicht modernisiert. Lediglich die Kostüme deuten auf heutige Zeiten hin, der Text und die Handlung bleiben dem Original treu. Und das ist gut so, denn das Stück lebt nicht von spannenden Degengefechten, sondern von den mächtigen Versen, von der Kraft der Sprache, die durch falsche oder bloß aufgesetzte Modernisierungen zerstört würde. Gefangen in den Mauern des Palastes sind die Figuren, die nichts tun können als sich mit Worten zu verteidigen und zu lernen, dass diese nicht immer die Herzen ihrer Adressaten erreichen.
Den schillerschen Text in zwar gekürzter aber sonst unverfälschter Weise vorgetragen oder noch besser vorgespielt zu bekommen, verlangt zwar eine gewisse Konzentration, hat sich hier aber dank der spielstarken Besetzung vollkommen gelohnt. Eine Wiederaufführung vielleicht anlässlich des 440ten Todestages der Maria Stuart im kommenden Februar wäre doch kein schlechter Termin, oder?
Rebecca Telöken

