Bartleby, der Schreiber auf der Foyerbühne im Schauspielhaus
Hermann Melville, der Verfasser großer Romane – der bekannteste ist heute „Moby Dick“ – hat 1853 eine kurze Erzählung geschrieben, die das genaue Gegenteil seines langen, abenteuergesättigten und dramatischen Romans ist: Bartleby, der Schreiber.
Die Premiere der Bühnenfassung von BARTLEBY, DER SCHREIBER im Foyer des Schauspielhauses fand kurz nach der verheerenden Botschaft aus der Bonner Stadtpolitik statt, die komplette Schließung der Schauspielsparte zu prüfen. So war es nicht überraschend, dass Schauspieldirektor Jens Groß vor dem Vorstellungsbeginn die Aufforderung von Generalintendant Bernhard Helmich an die Stadt Bonn verlas, dass man gemeinsam – das entscheidende Wort – nach Lösungen suchen solle, die den Erhalt des Schauspiels und zugleich notwendige Einsparungen zur Haushaltssanierung ermöglichen. Man habe bereits Sparmaßnahmen ergriffen und habe auch weitere Sparpläne ausgearbeitet, hieß es im Schreiben.
Jetzt das Schauspiel zu schließen, würde – das ist allen klar – bedeuten, dass es nie wiederkäme, denn wie auch viele Posts in den Social Media Kanälen deklarieren: Was einmal weg ist, kommt nicht wieder. So war das Theater Bonn ursprünglich ein Dreispartenhaus – die Sparte Tanz wurde 2008 aufgelöst, ebenfalls wegen Sparmaßnahmen. Mittlerweile wird die Sparte nur noch von international erfolgreichen Gastgruppen, die für ein garantiert volles Haus sorgen, bedient.
Den Text des Schreibens gab es später auch am Ausgang zum Mitnehmen und Weitergeben.
Während der Verlesung regte sich bereits das Ensemble auf der Foyerbühne. Als Groß die Bühne verlässt, tritt die namenlose Anwältin und Erzählerin des Abends (Imke Siebert) vor. Sie war früher Strafverteidigerin, ihre jetzige Kanzlei liegt auf der Wall Street. Es läuft gut, nur hat sie mit ihren beiden Angestellten, dem steifen, seine Befugnisse gern überschreitenden und von Magenbeschwerden geplagten Nippers und dem beredsamen und der Flasche sehr zugetanen Turkey (beide Jacob Z. Eckstein) ihre liebe Not. Sie braucht einen Ausgleich zwischen den beiden extrem unterschiedlichen und kapriziösen Charakteren und gibt daher eine Stellenanzeige auf. Bald darauf hat sie ihren neuen Angestellten gefunden: Bartleby.
Der stille Mann mit Hornbrille, dessen Kleidungsstil etwas schlampig wirkt und später den 70ern entsprungen zu sein scheint, grenzt sich nicht nur optisch vom schnittigen weißen Hosenanzug seiner Chefin oder an den grauen Anzügen mit Krawatte seiner Kollegen ab, sondern ist auch in seinem Verhalten auffällig anders. Er arbeitet Tag und Nacht, macht kaum Fehler, redet so gut wie nichts. Seine Chefin ist zuerst hellauf begeistert, nennt ihn vor den Kollegen einen „Aktenfresser“ und stachelt so deren Neid noch zusätzlich an. Doch dann kommt der Tag, der das Verhältnis von Grund auf erschüttern wird. Als besonders viel und wichtige Arbeit auf dem Schreibtisch der Anwältin landet, fordert sie alle Angestellten zur Mithilfe auf – alle leisten diesem Aufruf Folge, alle bis auf Bartleby. Dieser erwidert auf die Bitte ruhig und schlicht: „Ich möchte lieber nicht – I would prefer not to.“ Einer der berühmtesten Sätze der Weltliteratur, über den bis heute gestritten und gerätselt wird.
Was folgt, ist ein passiver Widerstand, der die Grenzen von allem sprengt, was man heute oder damals darunter vielleicht verstanden haben mag. Keine Bitte, keine Aufforderung, und sei sie noch so klein oder alltäglich, wird von Bartleby erfüllt. Stets folgt der immer gleiche Satz: „Ich möchte lieber nicht.“
Er sagt ihn ohne Provokation, sodass man ihm hilflos gegenübersteht. Er arbeitet exakt das, wofür er eingestellt wurde. Nicht weniger und nicht mehr – vorerst. Denn bald arbeitet Bartleby dann gar nicht mehr („Ich habe mich entschlossen das Arbeiten aufzugeben“), verlässt aber seinen Arbeitsplatz auch nicht. Im Gegenteil: Er bleibt einfach in den Räumlichkeiten („Ich würde es bevorzugen, lieber bei Ihnen wohnen zu bleiben“), bis die Anwältin, mürbe von der untragbaren Situation, das Handtuch schmeißt, und selbst auszieht. Der Nachmieter aber lässt Bartleby wegen Hausfriedensbruch verhaften – obwohl dieser ja streng genommen niemanden mit seiner Anwesenheit belästigt. Im Gefängnis verweigert Bartleby schließlich die Essensaufnahme – trotz der Bemühungen der Anwältin, ihm sogar bessere Mahlzeiten zukommen zu lassen, da sie ihm trotz allem zugetan scheint – und stirbt.
Regisseur René Fiegen und Dramaturgin Amelie Hermann haben die Erzählung von Bartleby auf wesentliche Erzählstränge gekürzt, wodurch Details verändert werden oder wegfallen.
Fiegen tauscht etwa die Gestalt des alten Notars gegen die energiegeladene Anwältin, gespielt von Imke Siebert, aus, wodurch das Gefühl von Dynamik und Effizienz in dem kleinen Büro noch zunimmt, gleichzeitig manche etwas unzeitgemäße und männliche Aussage entfällt. Siebert spielt das Verhältnis zu Bartleby facettenreich, von Mitleid über Unverständnis bis hin zur Wut. Sie ist ihm zwar wohlgesonnen, zugleich aber auch fast besessen davon, hinter seine Gedanken blicken zu können. Dabei überreizt sie aber nicht mit emotionalen Ausbrüchen, sondern erweckt das Bild einer überforderten Arbeitgeberin der heutigen Zeit.

Es ist eine herrlich skurrile Szene, wenn sie auf ihrem Schreibtisch Yogaübungen macht, um sich nicht über Bartlebys Art, die ihr irgendwie auch sympathisch ist, nicht zu sehr aufzuregen. In solchen Details gelingt die Übertragung in die heutige Zeit sehr gut, während die Erwähnung von Handys, Mails etc. eher Beischmuck sind.
Vor allem legt Fiegen jedoch seinen Schwerpunkt auf die Weigerung Bartlebys, den Forderungen nach mehr Arbeit nachzukommen. Im Programmheft wird auf die Theorien von Gilles Deleuze und Slavoj Žižek verwiesen, die in Bartlebys passivem Widerstand eine ganz andere Art Möglichkeit sehen, sich dem (politischen) System zu widersetzen. So fließt auch der oft zitierte Satz von Friedrich Merz in den Text vom Trunkenbold Turkey ein: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten.“
Diese mechanisierte, „effizientere“ Arbeit drückt sich besonders in der Art der Bewegung aus. So läuft Jacob Z. Eckstein als Nippers wie ein Roboter durch die Gegend. Als der Großauftrag eintrifft, wirkt die Teamarbeit mit Siebert in ihren Abläufen wie eine schlecht einstudierte Choreographie, bei der die Tänzer irgendwann aus dem Takt geraten, weil sie das Tempo nicht halten können. Eckstein hat mit den raschen Wechseln zwischen den Rollen viel zu tun, wodurch sich seine Figuren in gewisser Hinsicht auf ihre Charakterschwächen reduzieren – zu Stereotypen werden.
Doch Melvilles Roman auf eine Kapitalismuskritik zu verkürzen wäre fatal, denn letztlich begehrt Bartleby gegen nichts auf. Stattdessen wirkt er, als verliere er nach und nach einfach den Sinn hinter all seinem Tun, weshalb er sich allen Forderungen der Arbeit und des Lebens, die ihn nur mehr in sein Unglück hinziehen, verweigert. Kählert legt in den (fast) immer gleichen Satz durch winzige Nuancen die zunehmende Isoliertheit, Erschöpfung und Traurigkeit seiner Figur, so dass die Zuschauer instinktiv erfassen, dass Bartleby vor allem auch eines ist: einsam und außerhalb einer für ihn zuträglichen Gesellschaft. Einer der wenigen anderen Sätze, die er spricht, ist: „Ich sehe aus dem Fenster“, das Fenster, das ihn nur auf die Mauern der hohen Gebäude blicken lässt, die das Büro wie ein Gefängnis umgeben. Bartleby ist ein Gefangener in mehrfacher Hinsicht und bis heute ist es vielen Lesern ein Rätsel, warum er nicht wenigstens zur Anwältin, die immerhin Sympathie für ihn empfindet, eine Beziehung aufbaut.
Diese Gefangenschaft des Angestellten, in einer Welt, in die er nicht zu passen scheint, spiegelt sich auch in Ort und Gestaltung der Bühne wieder. Sie umfasst einzig das Universum des Büros, ein ungemütlicher Ort mit nur einem kleinen Fenster, sterilen Wänden, Unmengen von Kartons mit Akten – alles ist klein und eng. Man hört vor allem das Klappern der Tastaturen (Ausstattung: Alksandra Malec). Aus diesem Mikrokosmos brachen die Schauspieler nur relativ selten aus, wobei doch ein Spiel zwischen den Reihen der Zuschauer eine gewisse Verlockung hätte sein können. Zumindest am Ende gab es dann doch eine kleine „Verfolgungsjagd“ auf dem Gang zwischen den Stuhlreihen.
Insgesamt kann sich der Abend sehen lassen. Fiegen und Hermman haben einen kompakten, etwas mehr als eine Stunde dauernden Abend inszeniert, der dank des intensiven Spiels von Siebert und Eckstein sowie dem gefühlvollen Herantasten Kählerts an die schwer greifbare Figur des Bartleby nicht eine Sekunde langweilig ist und stellenweise absurd komisch wirkt. Trotzdem werden zugleich auch die seit seiner Veröffentlichung bestehenden Fragen zur Person und Motivation des Bartlebys an diesem Abend zu Genüge in den Köpfen der Zuschauer geweckt worden sein.
Die Veränderungen und Abstriche gegenüber der originalen Erzählung halten sich im mehr als vertretbaren Rahmen. Mit dem Versetzen der Handlung in die Gegenwart hätte man tatsächlich noch mehr Experimentierfreude etwa bei der Örtlichkeit verbinden können – angefangen von der Art und Aufstellung der Bestuhlung. Damit hätte das Stück, über ein einfaches Wohlgefallen hinaus vielleicht noch stärker nachwirken können, wenn der Text das auch von sich aus schon tut.
Rebecca Telöken


