Der Preis der Aufrichtigkeit

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Ein Stück über Wut und Wahrheit

In einer fulminanten Premiere startete am 1. Dezember die Inszenierung von Molières DER MENSCHENFEIND im Schauspielhaus des Bonner Theaters. Die moderne und unglaublich unterhaltsame Inszenierung Jan Neumanns beruht auf einer Neuübersetzung des 350 Jahre alten Stoffes durch Hans Magnus Enzensberger.

Der Dichter Alceste (Daniel Stock) hasst die Menschen. Er verachtet ihre Unaufrichtigkeit und ihre Geltungsbedürftigkeit und bringt dies auch unverhohlen zum Ausdruck. Leider ist der Idealist ausgerechnet in die schöne Célimène (Annika Schilling) verliebt; diese zelebriert geradezu die ihm so verhasste Unaufrichtigkeit. Mit seiner radikalen Einstellung macht Alceste sich in einer

(c) Thilo Beu

Gesellschaft, deren zwischenmenschlicher Umgang auf Verschleierung der eigenen Intentionen und Gedanken fußt, wenige Freunde. Als der Politiker Oronte (Bernd Braun) ihm ein selbstbezogenes Gedicht vorträgt und Alceste nach seiner ehrlichen Meinung fragt, bringt selbiger diese auch unmissverständlich zum Ausdruck. Auch die beschwichtigenden Worte seines Freundes Philinte (Christian Czeremnych), vermögen einen Eklat nicht zu verhindern. Schließlich droht Oronte, Alceste mit einer Hetzkampagne zu vernichten.

Daniel Stock und Annika Schilling brillieren in ihren Rollen als des der Verlogenheit überdrüssigen Idealisten Alceste und seinem Gegenpart Célimène. Doch auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt. Christian Czeremnych nimmt in der Rolle des Philinte eine Art Vermittlerfunktion zwischen Alceste und den übrigen Figuren – zwischen gesellschaftlicher Konvention und Authentizität ein. Philinte ist in Célimènes Cousine Éliante (Lena Geyer) verliebt, die zusammen mit den beiden Grafen Acaste und Clitandre (gespielt von Benjamin Morik und Klaus Zmorek, der am Abend der Premiere kurzfristig und hervorragend von Timo Kählert vertreten wurde) Oberflächlichkeit, Eitelkeit und Prinzipienlosigkeit repräsentiert. Die prüde Arsinoé (Lydia Stäubli) beneidet Célimène um ihre Schönheit. Die Figur des selbstverliebten ist ebenso oberflächlich wie die anderen Figuren, Bernd Brauns bildet jedoch durch seine Darstellungsweise ein ruhiges Gegengewicht zu den sonst sehr aufgebrachten Figuren.

(c) Thilo Beu

Die Figurenkonstellation spiegelt sich zudem in den Kostümen wider (Kostüme: Cary Gayler): Alceste, der sich die Menschen unverhüllt und unverfälscht wünscht, trägt einen Anzug, dessen Musterung an ein rohes Stück Fleisch erinnert. Im Gegensatz dazu tragen die anderen Figuren zu Beginn des Stücks aufwendigere, glamouröse Kleidung in derselben Farbe. Genau wie das Bühnenbild werden die Kleider der Figuren – mit Ausnahme von Alcestes – im Verlauf des Abends bunter, exzentrischer und verrückter. Die von Matthias Werner gestaltete Bühne wandelt sich von einem Raum, der fast komplett auf Requisiten und Ausgestaltung des Bühnenbilds verzichtet, zu einer bunten Party mit einem goldenen Bälle-Bad.

Bereits die moderne Übersetzung Enzensbergers katapultiert die Handlung von Molières Klassiker in die Moderne. Enzensbergers Übersetzung ersetzt den klassischen Alexandriner durch einen heiteren, modernen Paarreim. Doch die Inszenierung Jan Neumanns stellt eine noch radikalere Modernisierung der Vorlage dar. Das Geschehen wurde in unsere unmittelbare Gegenwart verlegt. Während bei Molière noch die Unaufrichtigkeit des Hofes demonstriert wurde, zeigt Neumanns Inszenierung die Vergnügungssucht und den Narzissmus des 21. Jahrhunderts.

Doch nicht nur die Handlung und die Sprache des Stücks wurden in die Gegenwart verlegt. Auch die Interaktionen mit dem Publikum und das Durchbrechen der vierten Wand fügen  sich in den modernen Charakter der Aufführung ein. So interagiert Célimène beispielsweise mit den Zuschauern, die sie als ihre Partygäste bezeichnet.

Die dreistündige Inszenierung ist in jedem Fall einen Besuch wert! Der grandios gespielte und kurzweilige Abend vermag es, das Stück Molières gelungen zu aktualisieren.

Weitere Vorstellungen finden am 25. und 31. Dezember sowie am 05., 13., 19. und 23. Januar statt.

 

Frederike Hubl

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