Über das Verschwinden eines Mädchens und eines Märchens

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Am 11.1.18 feiert das Theater Bonn die Premiere des Stücks „Verschwunden“ von Charles Way unter der Regie von Theo Fransz in der Oper Bonn (Probebühne 1). Doch ein Kind ist nicht das Einzige was zu verschwinden scheint…

„Ja, worüber denkt der Hans denn nach?“ ihre Stimme ist kalt wie Eis. Die Frau mit der Zigarette in der Hand, der Leopardenleggings und dem rosa Minirock dreht sich um und schaut Hans mit höhnischer Miene an, bevor sie laut zu kichern anfängt.

Hans (Felix Strüven) zieht sich die schwarze Kapuze seines zweiteiligen Jogginganzugs tief ins Gesicht und verschwindet auf einer Leiter. Neben der Frau mit der eiskalten Stimme steht ein schüchtern aussehendes Mädchen in einer süßen rosa Daunenjacke. Andauernd spielt sie mit ihren Fingern an zwei Bommeln herum und lächelt durchgehend. Dabei ist die Geschichte, die die Familie dem Publikum darlegt, ganz und gar nicht zu belächeln. Trotzdem kommt sie jedem bekannt vor.

In seinem Stück „Verschwunden“ greift der britische Regisseur Charles Way das Märchenmotiv von „Hänsel und Gretel“ auf und verbindet es mit einem echten Kriminalfall, der sich in England 2008 ereignete.

(c) Thilo Beu

Hans und Grete (Lisa Fix) leben seit dem Tod ihrer Mutter ein verwahrlostes und ärmliches Leben. Die Stiefmutter (Maureen Havlena) ist zynisch und herzlos, der Vater (Alexander Steindorf) verfiel dem Alkohol, nachdem er seinen Job verloren hatte. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. So arbeitet Hans in Cafès, anstatt zur Schule zu gehen, um Grete ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen.

Als die Situation immer unerträglicher wird, schmiedet die Stiefmutter, hinterlistig wie sie ist, einen Plan, um sich selbst vor dem Bankrott zu retten und ein luxuriöses Leben zu leben, nach dem sie sich sehnt..

Sie entführt die eigene Stieftochter, sperrt sie ein und macht einen großen Medienrummel um die angebliche Entführung. Dabei trudeln  Geldspenden von Leuten ein, die Mitleid mit der Familie haben. Grete t bekommt im Hinterzimmer Halluzinationen und fängt an, ihre eigene Situation mit dem des Märchens zu vergleichen. Hans, der spürt, dass an der Sache etwas faul ist, tappt jedoch lange im Dunkeln, bis ein Telefonat der Stiefmutter belauscht. Er deckt den Skandal geschickt auf und kann seine Schwester schließlich aus der Gefangenschaft befreien.

Die Handlung wird von den Figuren in Form abwechselnder Monologe erzählt. Durch den fehlenden direkten Dialog schafft Regisseur Theo Fransz auf psychologischer Ebene ein Gefühl von Ausgrenzung und Distanz zwischen den Figuren. Auch betont er damit die Andersartigkeit der Personen, die alle in ihrer eigenen Welt zu leben scheinen: Der Vater entzieht sich der Realität durchs Trinken, die Stiefmutter durchs Rauchen, Hans bevorzugt es alleine zu sein, und die etwas naive Grete spricht mit einem imaginären Freund.

(c) Thilo Beu

Das Gefühl der Entfremdung kommt auch durch ein an den passenden Stellen eingesetztes Licht- und Schattenspiel zustande, das die Personen übergroß oder sehr klein erscheinen lässt. Die mal leisen, mal aggressiven Klänge eines einzelnen Cellos sorgen ebenso für Krimiatmosphäre.

Das Bühnenbild spiegelt  Klischees wieder. Eine herrenlose Leiter, Treppenstufen, die ins Nichts führen, kahle Wände, ein Fernseher, ein Sofa, überfüllte Aschenbecher und herumliegende Bierflaschen erinnern an einen ungemütlichen Haushalt. Eventuell für viele Deutsche das Beispiel einer von Sozialhilfe lebenden Familie.

Und genau darum geht es auch. Charles Way gelingt es durch ein altbekanntes Märchen, wichtige Konflikte in der heutigen Gesellschaft auf der Bühne zu diskutieren: Kinderarmut, Determinismus, die Sucht nach materiellem Besitz und vor allem die Frage nach Machtlosigkeit und Gerechtigkeit.

Erschreckend ist, wie gut die Grundlage des Stücks, der Entführungsfall Shannon Louise Matthews im Jahr 2008, auf das Märchen von Hänsle und Gretel passt. Damals hatte sich eins zu eins die gleiche Geschichte ereignet, wie sie im Stück erzählt wird. Damals hatte der Onkel des Partners der Mutter von Shannon das Mädchen entführt. Der Plan war, das Mädchen irgendwann von ihm zur Polizei bringen zu lassen und die Belohnung zu kassieren.

(c) Thilo Beu

Die Verwahrlosung der Kinder steht und stand dabei im Vordergrund. Sie werden von ihren Eltern als Versager, als Außenseiter beschimpft. Aber wer sind die wirklichen Außenseiter, die richtigen Versager?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet, woran man schön den Kontrast zwischen Märchen und gesellschaftskritischer Literatur erkennen kann. Natürlich gibt es ein Happy End im Märchen wie auch im Stück: Hans befreit Grete und gesteht damit geschwisterliche Zuneigung und Liebe, als wäre es die Antwort auf all‘ die Fragen. Dennoch ist der Versuch, ein Märchen über Gut und Böse in die moderne Welt zu übertragen, gelungen.

Und nicht nur das. Vielleicht möchte Charles Way andeuten, dass auch etwas ganz anderes verschwindet: Das Märchen. Fehlt es heute an den alten Erzählungen? Bedarf es moderner Interpretationen, um solche Botschaften verständlicher zu machen oder braucht es sogar neue Märchen?

Möglicherweise. Dafür lohnt es sich auf jeden Fall das Stück „Verschwunden“ anzusehen. Ein Stück, das für jede Altersklasse geeignet ist.

Ob Märchenliebhaber, Krimileser oder Gesellschaftskritiker, aus dem Stück kann jeder etwas mitnehmen und ist daher unbedingt empfehlenswert.

Die nächsten und letzten Spieldaten sind der 20., 21. Februar, der 13.,14. März sowie der 24. und 25. April. Die Aufführungen finden in der Werkstatt-Bühne statt.

Rebecca Lewalter & Katharina Wigger

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