„Das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein!“

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Ein epischer Theaterabend auf den Treppen des Kapitalismus

Brechts epische Satire über das groteske, politische Spiel rund um „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ wurde am 22. September in den Kammerspielen Bad Godesberg von der Regisseurin Laura Linnenbaum und ihrem Team aufgeführt und wurde mit Begeisterung vom Premierenpublikum aufgenommen, was sich im üppigen Schlussapplaus für das gesamte Ensemble widerspiegelte.

Bertolt Brecht, der den Begriff des epischen Theaters erfand, schrieb um die Jahre der Weltwirtschaftskrise nach dem Zweiter  Weltkrieg ein karikierendes Drama, um auf die damalige gesellschaftliche Situation aufmerksam zu machen. Im Zentrum der Handlung steht Johanna Dark, eine junge, tugendhafte Frau und Leutnant der schwarzen Strohhüte. Die schwarze Strohhüte sind eine gläubige Wohltätigkeitsorganisation, welche sich für das Wohl der armen Fabrikarbeiter der Fleischfabriken Chicagos einsetzt. Johanna, die für die Arbeitsplätze der Fabrikarbeiter nach der Schließung der Fleischfabriken kämpfen will, verstrickt sich im Zuge dessen in die skrupellosen Intrigen des führenden Fleischerkönigs Pierpont Mauler, sowie seinem Kompagnon Cridle, seinem Makler Stift und seinen Konkurrenten Glomm und Graham. In ihrer selbstgestellten Aufgabe einer Revolution vertieft, wird sie mit dem wichtigsten Ziel der Akteure konfrontiert: den Markt zu stärken und ein Gleichgewicht der gesellschaftlichen Ordnung zwischen „oben“ und „unten“ möglichst in ihrem Sinne zu erhalten.

(c) Thilo Beu

Die Darstellung lebt von starken Bildern: im Fokus des Bühnenbildes steht eine riesige, eiserne Treppe, die sich über die ganze Bühne erstreckt und als Sinnbild der kapitalistischen Ordnung fungiert. Sie symbolisiert nicht nur den Weg der Auf- und Absteiger, sondern auch die vorbedachte Stellung der Figuren, sowie deren Versuche ihre Position gewaltsam zu verbessern, um selber den Markt anzuführen. Außerdem kann plakativ die bestehende, karge Anonymität im Verborgenen sowie der trostlose Fabrikalltag, genährt durch Einsamkeit und Bedrohung, ausgedrückt werden.

Laura Linnenbaum ist es gelungen, eine äußerst ausdrucksstarke Inszenierung zu schaffen. Mithilfe einiger Mittel wie z.B. dem Spiel vor dem eisernen Vorhang oder einem Überangebot an Groteske und teils vielleicht zu übertriebenen Bildern, stört sie den Zuschauer während des Genießens des Stücks, ganz im brecht‘schen Sinne. Trotzdem hat sie eine wunderbar beklemmende Illusion einer erdrückenden und einengenden Fabrik heraufbeschworen..

Daneben setzt Linnenbaum, die bereits ROMEO UND JULIA und SPIELTRIEB am Theater Bonn inszenierte, eher auf eine für den Zuschauer fast schon natürlich wirkende Symbolik und meist einfache Requisiten ein, wie z.B. Kreide oder Schmutz, und sorgt somit auch für einige ruhige Momente im Stück. So wird Johanna zu Beginn des Abends mit einem Lamm auf dem Schoß und singend gezeigt, wodurch ihre reine Natur unterstrichen wird. Zusätzliche Elemente wie Zitate oder geheime Stimmen von Fabrikarbeitern, die von ihren Arbeitsbedingungen erzählen, verleihen dem Abend außerdem einen modernen, politischen Mehrwert mit dem Wunsch auf Gehör.

(c) Thilo Beu

Noch eine Besonderheit fällt in Bezug auf die Kostüme auf.Alle Spieler, bis auf Johanna, haben  eine Glatze, wodurch ihre ihre Taten und ihre Unbarmherzigkeit, besonders vor dem Not und Elend der Arbeiterinnen und Arbeiter, noch ein wenig kälter wirken. Denn während die Drahtzieher die Arbeiterinnen und Arbeiter mit ihren Grundbedürfnissen locken und man als Zuschauer nicht zuletzt durch einige Tiermasken vermutet, dass sie somit schon längst selbst zum Tier geworden sind, brüskieren sie sich zudem mit der Aussagen, die Menschen besäßen eine unverkennbare Schlechtheit, da durch den Kampf ums Überleben eine erschreckende, animalische Seite in ihnen geweckt wurde.

Gegenüber diesen Aussagen und Vorwürfen steht Johanna mit ihrer warmen Barmherzigkeit und argumentiert bis zum Schluss mit der Reinheit der menschlichen Seele, bedingt durch die Wahrheit, ihre Armut und durch das Leid der Arbeiter, welches sie später am eigenen Leib erfahren muss. Als Außenstehender würde man die Situation wie folgt beurteilen: Jeder gegen Jeden und Johanna Dark gegen den Rest der Welt.

Wenn man von dem großen Tumult auf der Bühne absieht, bei dem sich alle um das gleiche Stück Fleisch streiten, erkennt man zwei Motive: Eine reine tugendhafte Wahrheit bei den Elenden auf der einen und auf der anderen Seite eine verlogene, gewalttätige und niedere Besinnung bei den Fabrikanten.

(c) Thilo Beu

Dazwischen versucht sich Johanna Dark als Heldin und Vermittlerin zwischen den Stühlen zu bewegen, mithilfe der Barmherzigkeit und Aufklärung. Das funktioniert solange, bis sie zum Schluss ausrutscht, aus ihren Träumen gerissen wird und auf den harten Fabrikboden der Tatsachen des kalten Kapitalismus knallt. Es endet so tragisch, dass Johanna schließlich zum Aushängeschild eines gesunden und wiederhergestellten Marktes gemacht wird. Dies wird mit viel Glitzer und dem Gesang von „Stayin Alive“ gefeiert. Wenn Johanna dann gebrochen und von Schnee bedeckt am Fuße der Treppe kauert, hat man als Zuschauer nicht nur das stille Bedürfnis, ihr eine Decke zu reichen und sie aufgrund ihrer gescheiterten Wunschvorstellungen und dem Glaube an das Gleiche und Gute im Menschen zu trösten, sondern das ganze Geschehen augenblicklich durch ein lautes „Geht‘s noch?!“ zu unterbinden.

Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Leistung der einzelnen Schauspieler. Neben Alois Reinhardt als Paulus Snyder, Daniel Gawloski in gleich vier Rollen (Lennox, Fleischfabrikat, Frau Luckerniddle, Glomm, Arbeiterführer), Phillip Basener als Stift, Lydia Stäubli als Graham, sowie Matthias Breitenbach als Cridle, beeindrucken vor allem Wilhelm Eilers als unangenehmer Zeitgenosse Maulers und Maike Jüttendonk als eine selbstbewusste aber auch zerbrechliche Amazone der Armen – eine heilige Johanna.
Abschließend also eine Empfehlung nicht nur für Brecht-Liebhaber, Vegetarier und solche die es trotz der klaren und schonenden Bilder sehr aufrüttelnden Inszenierung werden wollen, sondern für alle mit dem Wunsch nach einem unterhaltsamen und spannenden Theaterabend mit allem was dazu gehört!

 

Kim Sterzel

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