Jetzt, da Sie´s wissen – ich weiß nicht was…

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Am 18. Mai feierte Elfriede Jelineks ABRAUMHALDE unter der Regie von Simone Blattner Premiere in den Kammerspielen. Ein eindrucksvoller und anspruchsvoller Abend, der mit viel Applaus belohnt wurde.

Aus einem knallig Reclam-gelben Hintergrund klafft ein Kathedralen-gleiches gotisches Kirchenfenster; darunter steht einsam eine Palme. Vor der ragt mittig ein verbrannter drehbarer Dachstuhl hervor. Einzig die Seiten und der Boden sind in langweiligem Blau gehalten – Himmel, Wasser oder einfach Unendlichkeit? Ein Holzsteg führt von einem schwarzen Durchgang auf das schwarze Gebälk zu (Bühne: Martin Miotk). Die Spannung steigt – auch weil Jelinek nicht eine der einfachsten modernen deutschsprachigen Literatinnen ist.

(c) Thilo Beu

Still, fast unbemerkt kommen endlich nach und nach die Figuren durch den Durchgang über das Dachgestühl bis auf den Steg herausspaziert. Der Schauspieler Sören Wunderlich trägt ein weißes, billig aussehendes Cowboy-Kostüm mit Hut und Sonnenbrille, darunter zeichnen sich mehrere große klaffende Wunden ab. Es folgt Daniel Breitfelder mit falschen Muskeln, falschen Haaren und Plastikschwert; er wirkt wie ein überdimensionaler Conan der Barbar. Anfangs nicht zu erkennen, ist Phillip Basener, der ganz in einen glitzernden grünen Strampler gekleidet ist und eine riesige Fliege sowie eine Schweinsmaske trägt, die er nach Belieben hoch- und runterzieht. Als vorletzter Mann betritt Bernd Braun die Bühne und bildet mit einer der merkwürdigsten Figuren. Sein weites barockes Kleid, am Saum etwas angekokelt, ist hinten offen. Dazu thront eine leicht mitgenommen aussehende Perücke auf seinem Haupt. Holger Kraft tritt als rebellischer Gartenzwerg mit Jogginghose und Zipfelmütze auf – vielleicht spießbürgerlich? Laura Sundermann vervollständigt das Sextett. Als einzige Frau auf der Bühne darf sie unterschiedliche Frauenrollen in verschiedenen roten Kostümen durchspielen, angefangen von der unschuldig-gläubigen Bäuerin bis hin zur taffen Businessfrau.

Zu Beginn stehen alle Figuren nur nebeneinander im abgebrannten Dachstuhl und blicken umher. Es erinnert etwas an den Beginn von Lessings Nathan der Weise: Auch da brannte ein Haus, nämlich das des Juden Nathan, aus dem seine Adoptivtochter Rahel durch einen Tempelritter, der sich später als ihr verschollener Bruder herausstellt, gerettet wird. Als Zuschauer ist die Frage naheliegend, um wen es sich denn nun bei diesen merkwürdigen, albern-bunt gekleideten Figuren handeln soll (Kostüm: Andy Besuch). Die Frage wird auch in den folgenden anderthalb Stunden nicht beantwortet.

(c) Thilo Beu

Das Stück gleicht über viele Passagen einem Monolog, der bloß auf verschiedene Figuren aufgeteilt wurde – was wohl daran liegt, dass genau das der Fall ist. Der Text steht im Mittelpunkt, es gibt keine Musik und auch sonst kaum Effekte, nur das gesprochene Wort. Ein mittlerweile fast schon seltenes Erlebnis in deutschen Theatern. Elfriede Jelineks Text, der als sogenanntes Sekundärdrama in direktem Bezug zu Nathan der Weise steht, ist voll von Anspielungen und Referenzen auf andere Texte und Ereignisse, ohne deren Kenntnis der Abend sehr verwirrend und langweilig werden könnte. Verwirrend ist er ohnehin, langweilig aber nicht. Die Themen sind zumindest erkennbar: Es geht um Religion, um Kapital, um Chauvinismus, Joseph Fritzl und den Holocaust und immer wieder wirft Bernd Braun dazwischen, dass das verdammte Haus brenne. Das Hausmotiv – durch den verkohlten Dachstuhl subtil angedeutet – ist das wiederkehrende Element des Stückes, die Religion als Haus, die Wirtschaft als Haus, unsere ganze Gesellschaft als Haus, in dessen Erdgeschoss ein Vorzeigebürger lebt, während er im Keller mit der eingesperrten Tochter für Nachwuchs sorgt. Und dann ist da noch Sören Wunderlich, der sich als Messias (die Stigmata hat er ja, aber warum unter diesem Plastik-Cowboykostüm?) fragt, ob ihm seine Jünger wohl in den dritten Stock folgen.

Komik entsteht auch zwangsweise durch die Absurdität der Szenen: Ein elfköpfiger Herrenchor dackelt durch den Hintergrund, mal mit Anzug und Zipfelmütze, ein anderes Mal nur mit Zweigen bekleidet. Den Schauspielern ist hoch anzurechnen, dass sie diesen sehr komplexen, alles andere als umgangssprachlichen Text so lebendig vortragen und all die Wortspiele, die Jelinek besonders zu lieben scheint, zur Geltung kommen lassen. Oft reden die Darsteller wie aus einem Mund, teils sogar im Chor, manchmal streiten sie auch. Ein Abend, der kurz ist, absurd scheint und dessen Aussage entsetzlich schwierig zu dechiffrieren ist zwischen Altherrenchor, äußerst wechselhaften Figuren und endlosen Schachtelsätzen. Als Sören Wunderlich zwischendurch sagt „Jetzt, da Sie`s wissen“, fügt er passenderweise gleich ein „ich weiß zwar nicht was“ hinzu. So geht es dem Zuschauer häufig auch. Mal denkt man, man hat gerade ein paar Sätze zusammenfügen können und einen Sinn dahinter erkennen können, da haut der nächste Satz alles wieder über den Haufen, aber gerade das fesselt und fordert zugleich. Es regt unweigerlich zum Nachdenken an, auch nach der Vorstellung.

(c) Thilo Beu

Recherchiert man etwas auf Jelineks Website, findet sich unter dem langen Monolog der Hinweis auf weitere Literaturbezüge, die im Text angedeutet werden: Sophokles‘ Antigone (das antike Drama spiegelt sich möglicherweise auch in dem fidelen Männerchor als Hommage an die Form des antiken Dramas wider), Herbert Marcuses‘ Essay Repressive Toleranz – ein 68er Denker, der einerseits für ein anarchistisches Staatssystem kämpfte, in der es vor allem um Harmonie und die Abschaffung von Institutionen ging, in dem dafür aber alle nicht-tolerant Denkenden, sogenannte rückständig denkenden Bewegungen, ausgeschlossen werden müssten. Dann natürlich Lessings Nathan der Weise sowie Akten aus dem Eichmannprozess und schließlich viele Kapitel aus dem Evangelium des Matthäus. Es ist also eine Art monologischer Kommentar mit unserer Gesellschaft. Weiß man dies alles, macht es fast noch mehr Spaß, die einzelnen Teile von Elfriede Jelineks Werk zu ergründen. Das Problem des Stückes ist es aber, dass wahrscheinlich kaum einem Zuschauer all diese Texte präsent sind und so vor allem ein sprachliches Feuerwerk der Verwirrung gegeben wird. Das Stück ist ausgesprochen vielschichtig und auch wenn es eigentlich nur mit Nathan der Weise zusammen aufgeführt werden und nicht als Stück für sich stehen sollte, wie Jelinek in ihrem Vorwort selbst anordnet, funktioniert das Ganze auch auf diese Weise. Ein lohnenswerter Abend, wie die Redaktion findet.

Lucas Krah & Rebecca Telöken

 

TIPP: Wer sich den Text des Stücks gerne vorher ansehen möchte, kann dies auf Jelineks Website tun: http://elfriedejelinek.com/ (Hinweis: Sämtliche der dort wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis von Jelinek bzw. dem Rohwolt Verlag in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden).

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