Ein Geheimdienstmitarbeiter zwischen Wahn und Realität

(Vorschaubild: (c) Thilo Beu)

In „BND – Big Data is watching you“, seiner zweiten Produktion am Theater Bonn nach WOYZECK,  weiß Regisseur Simon Solberg erneut durch seine dynamische, kurzweilige (90 Minuten) und spannende Inszenierung zu überzeugen. BND – BIG DATA IS WATCHING YOU ist  nicht unbedingt ein Stück, das aufklärt – es ist ein Psychothriller. Und ein sehr guter noch dazu.

Ob er es auch schafft den vielen Themen, die er anschneidet, gerecht zu werden, darüber kann man geteilter Meinung sein. Waren wir auch…

Ausgerechnet am Tag des Anschlages auf den Berliner Weihnachtsmarkt hat der junge Informatiker Tim Francke (Benjamin Berger) seinen ersten Arbeitstag beim Bundesamt für Sicherheit (BSI) in der Informationstechnik. Bei dem Anschlag stirbt sein bester Freund und schnell wird er damit beauftragt, Gruber, den vermeintlichen Kontaktmann des Attentäters Amri, aufzuspüren. Seine

(c) Thilo Beu

Kollegen, die ihn bei der Aufklärung unterstützen sollen, sind IT-Experte Streicher (Manuel Zschunke), sein fadenscheiniger Chef Schmidt (Wilhelm Eilers) sowie Draufgänger Hammer (Glenn Goltz), der gerne zu unkonventionellen, aber effektiven Verhörmethoden greift und Francke  zu einem Spontan-Trip in den Nordirak drängt. Francke wird immer tiefer in den Strudel aus Überwachung, Fake News, Misstrauen und Terror gezogen, so dass ihm unter Verfolgungswahn der Überblick über Wahrheit und Fiktion komplett entgleitet. Genauso wie seine schwangere Freundin Nadine (Lara Waldow). Als Zuschauer kann man Francke dank dem rasanten Erzähltempo, dem häufigen Einsatz von Projektionen, absurden Tanzeinlagen und einem Überfluss an Informationen gut nachfühlen.

Das Stück beginnt mit dem Berliner Anschlag und greift Themen wie Überwachung über Smartphones, die Geschichte des BND und dessen Kooperationen mit anderen Geheimdiensten auf. Vieles wird angerissen und das allermeiste ist nicht neu, aber es ist dicht erzählt und in eine spannende Geschichte verpackt, die auch von der hervorragenden Leistung der Schauspieler getragen wird. Benjamin Berger glänzt als der hoffnungslos Überforderte, der versucht, irgendwie die Hintergründe des Terroranschlages aufzuklären, ohne dass seine Beziehung dabei zerbricht, und durch seinen neuen Job immer misstrauischer und schließlich paranoid wird. Wilhelm Eilers spielt Schmidt mit trockenem Humor, abgeklärt und auch etwas undurchsichtig, während er in einer kleinen Rolle als Hausmeister seine komische Seite zeigen darf und verdiente Lacher erntet. Auch Manuel Zschunke ist in zwei Rollen zu sehen. Sowohl als BND-Mann Streicher als auch als Franckes Freund und Journalist. Micha hat er vor allem die Aufgabe, zu informieren und muss so viele Sachtexte in die Dialoge einfließen lassen, doch der Einsatz von Projektionen  lässt auch diese Teile des Stückes unterhaltsam und kurzweilig werden.

(c) Thilo Beu

Glenn Goltz als Hammer geht ganz in seiner Rolle auf. Er  klopft Sprüche, foltert mal eben einen Zeugen und reißt den hilflos überforderten Francke mit sich in seine Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Aktionen. Er ist abgeklärt und bleibt wie alle anderen Figuren um Francke stets undurchsichtig. Lara Waldow ist Franckes erst besorgte, dann genervte Freundin, die ihn zwischendurch hintergeht (oder bildet er sich das nur ein?) und deren Beziehung zu ihm unter der Last des neuen Jobs zu scheitern droht.

Ein Thriller, der den Namen verdient. Die Themen werden nur angeschnitten und nicht vertieft, doch ein Thema bis zum Ende zu durchleuchten und einen Lösungsansatz zu liefern ist nicht der Anspruch des Stückes und würde ihm auch die Spannung nehmen. Außerdem erhält man so als Zuschauer eher den Impuls, sich über Themen wie Überwachung und die Geheimdienste zu informieren (Wussten alle vorher, dass es das Bundesamt für Sicherheit [BSI] und Informationstechnik überhaupt gibt?).

Nach dem Stück werden viele mit Sicherheit ähnlich paranoid wie Francke den Theatersaal verlassen und kurz darüber nachdenken, ob sie ihr Smartphone nicht lieber gegen so ein altes mit Tasten austauschen sollten wie die Hauptfigur . Doch wie Kurt Cobain schon sagte: „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass du nicht verfolgt wirst.“

Lucas Krah

 

Paranoia und Verwirrung abzubilden, ist der Inszenierung gut gelungen – schwieriger wird es bei einem Blick auf die Thematik. Grundlage ist der Themenkomplex Bundesnachrichtendienst: Ein mit vielen Problemen, Diskussionen und Unklarheiten beladenes Thema, dass alleine einen ganzen Abend hätte füllen können. Leider macht „BND – BIG DATA IS WATCHING YOU  daneben noch einige Fässer mehr auf: der Krieg im Irak, in Afghanistan, die (fehlende) parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste, die flächendeckende Überwachung der Bürger, die Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten, insbesondere der NSA, aber auch die Verbrechen des NSU oder die Sauerland-Gruppe. Als wäre dies noch nicht genug, wird der Zuschauer zusätzlich noch auf einige äußerst schwierige Fragen gestoßen: Wie geheim darf ein Geheimdienst sein? Kann man das Töten von Zivilisten rechtfertigen? Und wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für eine geheime Aktion?

(c) Thilo Beu

Wer jetzt denkt, der Abend wäre damit voll, hat sich leider getäuscht. Im Laufe der Geschichte wird auch das Thema der Folter durch „befreundete“ Geheimdienste angeschnitten   und eine allgemeine Kritik an unserer mit Daten um sich werfenden Gesellschaft präsentiert. Zusätzlich setzt die Inszenierung auch auf ein Verschwimmen der Grenzen von Realität und Fiktion. Das Stück beginnt mit dem realen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember letzten Jahres und wird dann mit fiktiven Figuren und Zusammenhängen weitergeführt. Während sich die Geschichte um Tim Francke weiterentwickelt, baut die Inszenierung ein neues real stattgefundenes Ereignis ein: Der Angriff durch eine Drohne im Nordirak, bei dem Teilnehmer einer Hochzeitsfeier ums Leben kamen, wurde auch in der Realität kontrovers diskutiert. Natürlich ist die durch den Wechsel zwischen real und fiktiv erzeugte Verwirrung ein stimmiges Stilmittel, um den Zuschauer weiter in Franckes Paranoia und Verwirrung hineinzuziehen, bis nicht mehr klar ist, was eigentlich real ist. Gleichzeitig trägt sie jedoch auch zur steigenden Überforderung des Zuschauers bei.

(c) Thilo Beu

Unabhängig davon, mit welcher politischen Vorbildung der Zuschauer in die Inszenierung kommt, geht er überfordert wieder hinaus. Man kommt kaum den behandelten Themen hinterher und hat kaum Zeit, sich über die angesprochenen Zusammenhänge oder Fragen Gedanken zu machen. Das ist schade, denn die Inszenierung liefert an einige Stellen sehr gute Ideen oder Konzepte, die gerne etwas intensiver hätten behandelt werden können. Als Beispiel ist hier der Teufelskreis von Terror, Terrorbekämpfung und Radikalisierung zu nennen. Es wäre wünschenswert gewesen, Zuschauern und Schauspielern weniger Themen an die Hand zu geben und sich dafür intensiver mit den Verbliebenen auseinander zu setzen. Denn die Momente der bedrückenden Wahrheit, die sich die Inszenierung erlaubt („Krieg ist immer dreckig und fickt auf kurz oder lang dein Gehirn“) bleiben hängen und regen zum Nachdenken an.

Es bleibt im Fazit ein Stück, welches den Zuschauer mitzieht in die Verwirrung und Paranoia seiner Hauptfigur. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen – ein Ergebnis, das durchaus gewollt scheint. Leider erdrücken die vielen oberflächlich angesprochenen Themen den Zuschauer, gerade da viele dieser Themen moralisch äußerst schwierig sind. Die daraus resultierende Überforderung kann den Zuschauer vom Stück entfernen, sodass man die eigentlich sehr gut umgesetzte Inszenierung viel weniger genießen kann.

„BND – BIG DATA IS WATXHING YOU ist alles in allem eine Inszenierung, die man gut anschauen kann. Die kurzweilige Inszenierung zeigt beeindruckende schauspielerische Leistungen. Die Erwartung, sich intensiv mit Themen wie der geheimdienstlichen Arbeit oder Datenschutz auseinander zu setzen, wird jedoch nicht erfüllt.

Tabea Herrmann

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