Sehnsucht nach russischer Liebe und Heimat

(Vorschaubild (c) Theater Bonn)

 

Die neue Reihe FERNWEHKANAL der Regieassistenten des Theater Bonn startete am 20.Feburar mit einer Inszenierung von Frederik Werth zu den Kurzerzählungen des russischen Nobelpreisträger Iwan Bunin.

Das Foyer der Werkstattbühne wirkt wie eine Mischung aus Café und Wohnzimmer. Die kleinen Bistrotische stehen verstreut im Raum, man redet, ist entspannt. Im hinteren Teil, dort, wo sonst Polsterbänke für Besucher oder Publikumsgespräche stehen, strahlt flimmernd ein alter Fernseher sein kaltes blaues Licht in den Raum. In zwei abgewetzten Sesseln aus dem letzten Jahrhundert sitzen zwei Männer – ein jüngerer und ein älterer – die Rücken uns zugewandt voll auf den Flimmerkasten konzentriert. Beide tragen weiße Feinripphemden und wirken etwas heruntergekommen. Irgendwann fängt einer der beiden an zu sprechen. Sie scheinen sich nicht besonders zu mögen. Gerade der ältere wird dem jungen gegenüber schnell laut und ausfallend. Warum sie zusammen sitzen, weiß man nicht, aber langsam entpuppt sich das Dilemma ihrer Gemeinschaft: Der jüngere hat dem älteren die Frau ausgespannt, bevor sie auch den neuen Liebhaber verlassen hat. Dieser ist mittlerweile sterbenskrank – verbittert spricht er über das Leben und die gefühllose Gesellschaft und wundert sich dennoch, dass der Ältere so gar kein Mitleid mit ihm zu haben scheint. Ein seltsames

(c) Rebecca Telöken
(c) Rebecca Telöken

Paar – jeder für sich von dem Leben und einer Frau gezeichnet und in einer Schicksalsgemeinschaft nun vor dem Fernseher verbannt. Während ihr Gespräch langsam versiegt, bemerkt bereits der ein oder andere Zuschauer, dass sich draußen vor der Türe der Werkstatt etwas regt, oder besser jemand.

Eine junge Frau stapft nervös, in sich selbst vertieft, umher, bis sie irgendwann hereintritt. Wie eine Suchende läuft sie an unseren Tischen vorbei, setzt sich mal zu dem einen, mal zum anderen Zuschauer, bevor auch sie ihre Geschichte anfängt zu erzählen. Leise, fast wie im Traum lernen wir Ivan kennen, wohl den Mann, den sie einst liebte. Während sie mit brüchiger Stimme von früher erzählt, schmiert sie sich an der Theke ein Butterbrot; bescheiden war er – Ivan – hat einfach vor sich her gelebt. Er war nicht besonders schön, sie hält ein Gürkchen in der Hand, betrachtet es eindringlich als sei das Gürkchen Ivan. Sein Leben bekommt eine neue Wendung, als ein Fürst in ihre Stadt kommt. Was Ivan so an dem Fürsten fasziniert, kann sie sich nicht erklären, aber Ivan verändert sich und beginnt den Fürsten nachzuahmen. Während die Schauspielerin erzählt, hält sie Blickkontakt zu einem in der Ecke stehenden jungen Mann. Blass ist er, trägt ebenfalls ein Feinripphemd, aber darüber einen weißen Fellmantel, der ihn mächtig erscheinen lässt. Der Fürst? Ivan? Man ist sich nicht sicher, denn die junge Frau scheint beiden Männern etwas abzugewinnen können. Die beiden beginnen zu singen, natürlich auf Russisch und wer den Film Anna Karenina schon einmal gesehen haben sollte, erkennt möglicherweise das Volkslied „Im Feld stand eine Birke“ (The Girl and the Birch) wieder. Die Blicke, die die beiden tauschen, sind tief, doch auch diese Geschichte hat kein glückliches Ende. Sie trifft irgendwann die Entscheidung und verlässt das Städtchen, sie ist aufgeregt, voller Lebensfreude, doch wird sie ihre Freunde nie wieder sehen. Wehmut über den Verlust der Freunde (die mittlerweile längst im Grab liegen) und die Freude über ihre Freiheit geben sich die Klinke in die Hand.

Die letzte Geschichte ereignet sich außerhalb des Blickfeldes der Zuschauer. In Windeseile kleben die Spieler den kleinen Glaskasten des Eingangs zu, verbarrikadieren sich darin. Auf ein paar der Bilder sieht man Ausschnitte eines Waldes, auf anderen alte Tapete oder schlichtes Weiß. Aus den Lautsprechern tönt das Schnaufen eines Zuges und das Klackern der Schienen. Die Protagonisten sind dieses Mal ein junges Liebespaar, das sich in einem Zug kennenlernt und einen Sommer lang zusammenverbringt. Die Geschichte wird vom Mann erzählt, der einem weiteren Reisenden (?) von seinen Erlebnissen mit Maruschka, so der Name der Geliebten, berichtet. Im Zentrum steht eine romantische Bootsfahrt auf dem See, wo er sie vor einer Natter, die sich im alten Kahn versteckt hielt, rettet und sie sich das erste Mal küssen. Es scheint die erste Geschichte mit Happy End zu werden. Doch auch diese Erzählung ist zum Scheitern verurteilt. Die verrückte Mutter des Mädchens duldet die Verbindung nicht und jagt den Mann hinaus. Wie wir später erfahren, ist auch diese Sommerliebe bereits 20 Jahre her.ivan_bunin_sepia

Iwan Bunin hat viele Geschichten und Erzählungen geschrieben, auf die möglicherweise die kleinen Szenen anspielen, beispielsweise spielt der Zug in der letzten Geschichte in Bunins „Träume“ eine zentrale Rolle und auch die Sehnsucht nach der fernen Heimat Russland wird immer wieder thematisiert, beispielsweise in den Gesprächen der beiden Männer in der Erwähnung der Krim und der sich veränderten Gesellschaft oder in der Tatsache, dass in jeder Geschichte es eine Person gibt die weggeht oder nicht mehr in ihrer alten Heimat zu leben scheint.

Jede der (Kurz-)Geschichten wird von Werth etwas anders inszeniert: die beiden Männer (Daniel Gawlowski und Holger Kraft) zu Beginn, lesen z.B. ihren Text vom Blatt ab, was von hinten ein bisschen wie Zeitungslesen wirkt. Wenn die Emotionen aber hochkochen, wird der Text beiseite gelegt und frontal kommuniziert. Die in Erinnerungen schwelgende Frau (Mareike Hein) spricht ihren Text frei, wechselt zwischen Verzweiflung, Verliebtheit und purer Lebensfreude. Manuel Zschunke singt nur zwei Lieder, verteilt Wodka und Bonbons an das volljährige Publikum, ist aber sonst stummer Beobachter der Szenerie. In der letzten Geschichte sind es Mareike Hein, Holger Kraft und Daniel Gawlowski, die über Mikrofone ihren Text sprechen, wodurch das Ganze mehr ein Hör- als ein Schauspiel zu sein scheint. Weiterhin spielen alle Kurzgeschichten in einem Spanungsfeld zwischen erzählender Gegenwart und dem inhaltlichen schon lang Geschehenen. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, die schon lange nicht mehr ist und nie wieder so sein wird.

Frederik Werths zweite Produktion in der Werkstattbühne war mit einer Stunde ein kurzweiliger, aber abwechslungsreicher und intensiver Abend, der nach Meinung der Rezensentin zwar das Thema Liebe oder „vergängliche Liebe“ mehr betonte als, Zitat: „Russland als die auf ewig verlorene Geliebte, als sein [Ivan Bunin] Russland, nachdem er sich immer wieder zurücksehnte.“ Dennoch kommt man auch auf diese Verbindung, wenn man im Anschluss genauer darüber nachdachte. Auf alle Fälle weckt der Abend beim Zuschauer unweigerlich die Lust, sich mit dem Land Russland und dem Literaten Ivan Bunin noch einmal eingängiger zu beschäftigen, vielleicht die Kurzgeschichten aufzuspüren, die Werth benutzt hat und sich in das Russland Bunins, dem er in seinem Exil in Frankreich so nachhing, noch einmal entführen zu lassen.

Wer die Nachwuchsregisseure live erleben möchte, hat dazu im März wieder Gelegenheit. Am 13. März wird Anaïs Durand-Mauptit die nächste Weltreise nach Marokko unternehmen.

Rebecca Telöken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: