I need a dollar, a dollar is what I need

(Vorschaubild: Christoph Wolff – pulkfiktion)

„All about nothing“ wurde in diesem Jahr erneut in das Programm des Bonner Theaters aufgenommen und wird bis zum 3. März in der Spielstätte Werkstatt aufgeführt. Mit dem 65-minütigen Stück möchte das Kollektiv pulkfiktion Zuschauer ab 12 Jahren für die Frage sensibilisieren, was Armut inmitten einer Gesellschaft bedeutet, die im Überfluss lebt. Dem Stück zugrunde liegt eine intensive Recherche mit Kindern und Jugendlichen.

Bei „All about nothing“ handelt sich um eine gelungene Komposition unterschiedlicher Mittel: Sprache, Tanzperformance, Zeichnung und Musik interagieren hier auf raffinierte Art und Weise. Die vier Darsteller, Norman Grotegut, Elisabeth Hoffmann, Manuela Neudegger und Sebastian Schlemminger tragen zum einen selbst Textpassagen vor, zum anderen bewegen sie aber auch phasenweise lediglich synchron die Lippen zu Zitaten Jugendlicher, die mittels Berührens von quadratischen, in den Boden eingelassenen Klangfeldern abgespielt werden. Jene Klangfelder, ein stets von Sebastian bedientes Mini-Klavier und ein Projektor, der Normans Zeichnungen an die Lamellen-Jalousie hinter der Bühne wirft, stellen die grundlegende Ausstattung dar – eine reduzierte, aber wirkungsvolle Ausdrucksform.

Foto: Christoph Wolff
Foto: Christoph Wolff

Das Stück stützt sich weniger auf eine zusammenhängende Narration, vielmehr dient der schauspielerische Akt dazu, O-Töne von Jugendlichen einzubetten, zu visualisieren. Nichtsdestotrotz ist eine deutliche Kontinuität gegeben: Beginnend mit dem 21. Geburtstag von Manuela (die Akteure stellen sich zu Beginn des Stücks mit ihren realen Namen vor, die sie auch im weiteren Verlauf untereinander verwenden) wird Jahr für Jahr die Zeit zurückgedreht, jeweils veranschaulicht durch einen orangen Luftballon mit einer Altersangabe darauf. Nach „Ablauf“ eines Jahres lässt einer der Schauspieler den entsprechenden Luftballon platzen.

Der 21. Geburtstag wird eingeleitet durch eine A cappella-Version des Radio-Ohrwurms „I need a dollar“, was direkt auf die Armutsthematik einstimmt. Am 20. Geburtstag wird das Publikum direkt miteinbezogen: Ein Zuschauer soll sich bereit erklären, den Schauspielern einen 20 €-Schein für die Dauer der Aufführung zu leihen. Im Laufe des Abends taucht dieser immer wieder auf der Bühne auf, sowohl inhaltlich im Vortrag als auch visuell unter der Projektionskamera. Mehrfach wird der Geldschein von Manuela personifiziert und angefleht, sich doch endlich einmal wieder blicken zu lassen –die Perspektive von Jugendlichen, die schon lange nicht mehr genug Geld zur Verfügung hatten (oder es nie hatten), um ihre legitimen Bedürfnisse nach Lebensgenuss zu stillen. Jahr für Jahr werden essentielle, für Jugendliche je nach Altersstufe sehr relevante Themen bearbeitet; so etwa mit 18 Jahren der Führerschein, das Gymnasium, Urlaub, oder mit 12 Jahren der Wunsch nach Markenkleidung. Allerspätestens als bei dem mit „16“ beschrifteten Ballon Zitate von Jugendlichen eingespielt werden, die gestehen, sich Aktivitäten wie Kino, Eislaufen, Grillen oder Shopping nicht oder nur selten leisten zu können, wird dem Zuschauer ganz deutlich, wie wenig selbstverständlich

Foto: Christoph Wolff
Foto: Christoph Wolff

eigentlich die Dinge sind, denen wir als Teil einer absoluten Überfluss-Gesellschaft kaum noch besonderen Wert beimessen. Etwa in dieser Phase des Stücks sind auch im – größtenteils jungen – Publikum erste Fetzen von Diskussionen wahrnehmbar: In der dritten Reihe überlegen beispielsweise zwei etwa 13-jährige Jungen, ob ein Hemd für 20 € teuer ist oder nicht – ein Aspekt, der definitiv für die Qualität des Stücks spricht, das zu ebensolchen Fragestellungen anregen möchte.

Am Ende der Aufführung zaubern die Schauspieler plötzlich wieder den vom Publikum geliehenen 20 €-Schein hervor und unweigerlich muss man sich als Zuschauer eingestehen, dass man das Geld beinahe völlig vergessen hatte. Etwas beschämend ist es irgendwo, dass man sich, obwohl ein ganzes Stück lang auf eben jene Problematik hingewiesen wurde, wieder einmal als Teil einer Gesellschaft outen muss, in der nicht auf den Cent geachtet wird, beziehungsweise nicht einmal auf 20 €, was ja doch eine beträchtliche Summe darstellt. Zumal das Publikum im Laufe des Abends mit diversen Fakten und Beispielen gefüttert wurde, dass man 20 € durchaus sinnvoll verwenden und wie weit man im Grunde damit kommen kann.

Schließlich gibt Norman den Schein seinem Besitzer zurück mit den treffenden Worten: „Mach was draus!“ Diese Aufforderung wird wohl jeder Besucher des Stücks ernst nehmen – das Stück zeigt nicht zuletzt auf sehr eindrucksvolle Art, wie viel mehr wir es doch wertschätzen sollten, wenn wir uns eine der kleinen, aber eben allzu oft mit Kosten verbundenen Freuden des Lebens gönnen können – so auch beispielsweise eine Theaterkarte für „All about nothing“.

Antonia Schwingen

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