„Ein Abend, der nicht lange geht“

(Vorschaubild (c) Staatstheater Darmstadt)

Die Einschränkung der Natur im Scheinwerferlicht des Labors der Werkstattbühne

Die Inszenierung von „Ein Bericht für die Akademie“ nach Franz Kafka, feierte eigentlich schon am 2. April 2015 unter der Regie von Stephan Hintze Premiere am Staatstheater Darmstadt. Am vergangenen Samstag, dem 7. Januar 2017, gastierten die beiden Schauspieler Samuel Koch (bekannt als Menuchim aus HIOB) und Robert Lang mit ihrer Version auf der Werkstattbühne in Bonn.

Ursprünglich lässt Kafka in seinem Werk (erschienen um 1917) den Affen „Rotpeter“ die Erlebnisse seiner  Zähmung erzählen, die durch das Nachahmen menschlicher Gewohnheiten befördert wird. Die Darstellung der beiden jungen Schauspieler geht jedoch noch einen Schritt weiter. Es wird der schmale Grat zwischen Mensch und Tier untersucht, sowie die Grenzen des Mensch-Seins anhand dieses Berichtes des „Menschwerdens“, durch die Gefangenschaft in einem Labor. nDas Szenario, welches sich für die Sinne des Zuschauers öffnet, ist sowohl er- und bedrückend als auch zugleich furchtbar spannend. Die Bühne ist in kompletter Dunkelheit zunächst kaum zu erkennen, in der Mitte, auf einem hölzernen Fass, kauert lediglich das Schauspielerbündel bestehend aus Samuel Koch (der eigentliche, vordere Affe) und Robert Lang (das hintere Gewissen). Lang trägt eine schwarze Haube und ist durch Klebeband an seinen Kollegen Koch gebunden. Der angespannt wirkende Affe berichtet zunächst von den Umständen seiner Gefangenschaft, von der anschließenden Verzweiflung und der Einsamkeit, wie auch von seinen Plänen des Ausbruchs in die Freiheit der Natur, unterbrochen wird er hierbei immer wieder von seinem kritischen Gewissen und dessen Gedanken, das ihn in seinen Vorhaben zu stärken versucht.

(c) Staatstheater Darmstadt
(c) Staatstheater Darmstadt

Somit kommt es zu einer Art schizophrenem Selbstgespräch über den langsamen, obligatorischen Verzicht auf Eigensinn und Selbstbestimmung. Währenddessen entwickelt sich der eigentliche Plan zur Flucht : Die offensichtliche Anpassung bzw. „Menschwerdung“, durch die Nachahmung menschlicher Angewohnheiten als Ausweg aus der Gefangenschaft.

Fortan werden typisch menschliche Dinge wie beispielsweise der Handschlag als Zeichen der Offenheit äffisch betrachtet, erlernt und schließlich umgesetzt. Doch bei allen Bemühungen, bricht auch immer wieder die äffische Natur durch, weswegen bis zum Schluss ein abwechslungsreicher und gut durchdachter dialogischer Zwiespalt erwächst. Durch diesen ergeben sich auch die komischen Momente des Abends, in denen dem Menschen einen Spiegel vorgehalten wird. Er sorgt allerdings genauso für die traurigen und angespannten Momente der Resignation eines eigentlich freien Affen, der seine tierische Natur nach und nach verliert. Somit greift schließlich auch der Affe im Moment der totalen Ratlosigkeit zur Schnapsflasche, tobt kurz und bedroht die Zuschauer mit rumliegen Autoreifen und verkriecht sich anschließend in die schützende hinterste Ecke seines Fasses.

Die Leistung der Schauspieler überzeugt durch die täuschend echte Darstellung der Zerrissenheit eines gezähmten Wildtieres, aber vor allem durch ihre Harmonie im Spiel. Besonders durch die körperliche Nähe der beiden Darsteller, die während dieser eigentlich sehr hektischen und aufwühlenden Vorstellung, die nötige Ruhe für den Zuschauer mit einfließen lässt. Die Anstrengung ist Koch und Lang nach den 30 Minuten, der stark gekürzten Fassung von Kafkas Original, definitiv anzusehen.

Im anschließenden Publikumsgespräch wurden schließlich noch die letzten offenen Fragen freundlich und detailliert beantwortet und auch ein anderer tiefgründiger Hintergedanke offenbart. Die Thematik des schwierigen Vorgangs der Anpassung, egal ob Mensch oder Tier, ist auf jede Lebenslage anwendbar. Ebenfalls ist klar, dass der einzige Unterschied zwischen Affe und Mensch die Sprache ist. Die Entstehungsgeschichte des Abends entpuppt sich als beeindruckender Höhepunkt des Gesprächs, weswegen die eigentliche textliche Grundlage Kafkas etwas in den Hintergrund rückt, da sie lediglich den fehlenden Baustein der körperlichen Performance bildet.

Die beiden Schauspieler studierten gemeinsam in Hannover und eigentlich wollte Robert Lang während einer Mittagspause nur verstehen, wie sich sein querschnittsgelähmter Kollege Samuel Koch fühlen muss, indem er sich mit Klebeband an einer Wand fixierte, um sich so die Bewegungsfreiheit zu nehmen und sich dabei (mehr zufällig) selbst zähmte. Weiterentwickelt verhalf sie zum Gegenteil: indem sich die beiden Männer aneinander klebten, erhielt Koch einen Teil seiner Bewegungsfreiheit durch Impulse durch die Schulterblätter zurück. Dass das gemeinsame Zusammenspiel mithilfe gut abgestimmter Teamarbeit perfekt funktioniert, bewies wahrscheinlich der Kommentar und das Lob einer Zuschauerin: „Ich wusste gar nicht, dass Sie sich eigentlich nicht bewegen können.“

Kim Sterzel

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