„Faul ist der Frieden, den der Morgen bringt.“

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Am 14. 09 feierte „Romeo und Julia“ in den Kammerspielen Bonn Premiere. Das über 400 Jahre alte Stück von William Shakespeare wurde von Laura Linnenbaum inszeniert.

Die Geschichte um das wohl bekannteste Liebespaar der Theatergeschichte hat sich seit 1597 herumgesprochen. Der junge Romeo verliebt sich unsterblich in Julia. Leider gehören die beiden zwei Familien an, die bis aufs Blut verfeindet sind: Romeo den Montagues und Julia den Capulets. Woher die Feindschaft kommt, weiß niemand mehr so genau – aber dass sie verfeindet sind, dessen sind sich die beiden Familien dafür umso sicherer. Julia soll auf Wunsch ihres Vater den in der Stadt anerkannten Prinz Paris heiraten, diese will aber nicht und nachdem sie Romeo auf einem von

ROMEO UND JULIA - VON WILLIAM SHAKESPEARE - DEUTSCH VON THOMAS BRASCH REGIE: Laura Linnenbaum / BÜHNE: Valentin Baumeister / KOSTÜME: Michaela Kratzer / BEWEGUNGSCOACH: Lili Mihajlovic / LICHT: Sirko Lamprecht Premiere am 14. September 2016, KAMMERSPIELE
(c) Thilo Beu

den Capulets veranstalteten Ball trifft, ist klar, dass diese Hochzeit nie zustande kommen wird. Stattdessen lassen sich Julia und Romeo heimlich von Pater Lorenzo trauen. Doch schon am Tag der Eheschließung tötet Julias Cousin Tybalt Romeos Freund Mercutio im Kampf. Daraufhin rächt Romeo dessen Tod und wird aus der Stadt verbannt. Im Exil erzählt ihm sein Cousin Benvolio, Julia sei tot. Aus Kummer darüber nimmt Romeo sich ebenfalls das Leben. Als Benvolio herausfindet, dass er sich geirrt hat und am Tod seines Cousins Mitschuld hat, tut er es ihm gleich.

Die Handlung spielt im italienischen Verona, doch das Bühnenbild erinnert eher an eine szenische Darstellung von Eisenhüttenstadt als an das sommerliche Norditalien. Sonne hat in diesem Stück keinen Platz. Die Bühne besteht zur einen Hälfte aus einer riesigen rotierenden Röhre, zur anderen aus Metallgittern, die als Stege dienen und im Wasser stehen. Es ist finster und bedrückend. Dennoch beginnt die Aufführung überraschend komisch: Hajo Tuschy und Philipp Basener als Mercutio und Benvolio spielen mit Shakespeares Versen und der antiquierten Sprache der Vorlage. Die Reime werden parodiert und überspitzt und auch in Shakespears Schlüpfrigkeit suhlen sich die beiden genüsslich. Zwischen ihnen und Romeo (Manuel Zschunke) entstehen lustig-absurde Dialoge, die hervorragend funktionieren. Dreht es sich jedoch um den schmerzlich verliebten Romeo, steht zu oft die alte Sprache im Weg und die Sätze verkommen zu leeren Hülsen. Dagegen verleiht Wolfgang Rüter als Amme Julias dem Abend eine wohltuende Komik und spielt zugleich die tiefgreifende Sorge um Julia (Lara Waldow) mit einer Präsens und Souveränität, die der Liebe von Romeo und Julia den Raum nimmt.

Denn es sind Figuren, wie der tölpelhafte Benvolio, der kriegsbesessen Mercutio und natürlich die Amme, die nach diesem Abend in Erinnerung bleiben. Die Geschichte um die namensgebenden Teenager geht etwas unter. Zu schnell verlieben sie sich, heiraten und werden getrennt. In dieser raschen Handlungsfolge bleibt der Liebe keine Zeit sich zu entwickeln und den Zuschauer mitzunehmen, dazu wirkt das Spiel der beiden etwas zu unterkühlt. Doch vielleicht ist gerade dieser etwas verschobene Fokus der Inszenierung das Besondere, denn nicht umsonst ist Shakespeares Stück eine Tragödie und keine Romanze. Da ist einerseits das fehlende Happy End dieser großen Liebe, für die beide bereit sind zu sterben. Aber andererseits ist die viel größere Tragödie, dass ihr soziales Umfeld so starr in ihrem Hass gefangen ist, dass keiner einen Ausweg finden möchte. Ein von Hass geprägtes, unveränderliches Lebensfeld – im Bühnenbild passend grau und kalt präsentiert – das die beiden Jugendlichen und viele andere in den Tod treibt. Sehr schön zeigt die Inszenierung die Verkettung der Umstände, die schlussendlich zur Katastrophe führen. Denn auf der Bühne bleibt es auch zum Schluss grau und vor allem grausam. Spätestens in der zweiten Hälfte greift der Tod um sich: Selbst für „Game of Thrones“-Fans ist die Zahl der Figuren, die an diesem Abend die Bühne durch vorzeitiges Ableben verlassen, hoch. Pater Lorenzo (Benjamin Grüter), der als einzig Neutraler durch den Abend führt, kommt kaum damit hinterher, all die Leichen unter die Erde zu bringen und ist einer der wenigen, der am Ende noch aufrecht stehen kann. Der kriegerische, verzweifelte und überraschende Tod bestimmt die ganze Bühne und die wie die Fliegen sterbenden, in braun-, stein- und aschgrau gekleideten Figuren hinterlassen einen fahlen Nachgeschmack. Vor dem eigentlichen Beginn der Aufführung werden die Zuschauer bereits durch einen zombieartigen Tanz auf die bevorstehende Todeswelle eingestimmt; die Schauspieler nehmen diesen zum Ende hin wieder auf. Neben den humorvollen Momenten bleibt also vor allem die finstere Stimmung hängen.

ROMEO UND JULIA - VON WILLIAM SHAKESPEARE - DEUTSCH VON THOMAS BRASCH REGIE: Laura Linnenbaum / BÜHNE: Valentin Baumeister / KOSTÜME: Michaela Kratzer / BEWEGUNGSCOACH: Lili Mihajlovic / LICHT: Sirko Lamprecht Premiere am 14. September 2016, KAMMERSPIELE
(c) Thilo Beu

Lohnt sich der Besuch also? Wer Spektakel und Abwechslung und die größte Liebesgeschichte aller Zeiten erwartet, der wird wohl etwas ernüchtert werden. Doch die Schauspieler sind es, die einmal mehr dafür sorgen, dass die Tragödie auch unterhalten kann. Wolfgang Rüter als Amme ist urkomisch und tieftraurig, Benjamin Berger spielt einen gewaltlustigen, katzenartigen Tybalt und Wilhelm Eilers als Julias Vater Capulet eine Personifikation des Wortes „hassenswert“. Ursula Grossenbacher spielt eine apathische Lady Capulet, die mit ihrem (schlechten?) Gewissen zu ringen scheint. Es lässt sich darüber streiten, ob sie ihre Tochter Julia nicht retten kann, oder ob sie dem Schicksal ihrer Tochter gleichgültig gegenübersteht. Daniel Gawlowski als gehörnter Verlobter spielt den um Gerechtigkeit bemühten Prinzen souverän. Sie nehmen den Zuschauer mit in diese düstere Geschichte einer tragisch großen Liebe die – wie vieles im Leben – auch einige helle und lustige Momente hat.

Tabea Hermann & Lucas Krah

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