„Das Ganze Leben versaut!“

Anton Tschechows „Drei Schwestern“– eine kurze Kritik

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Es fällt nicht leicht, diesen langen und vielfältigen Abend in gerechte und ausreichende Worte zu packen. Martin Nimz‘ Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am 15. April in den Godesberger Kammerspielen ihre Premiere feierte, ist mit dreieinhalb Stunden kein kurzer Abend. Die Bühne stellt einen ins Endlose gehenden Raum dar, schlicht aber imposant; die Schauspieler sind zahlreich.

Die vier Geschwister, Andrej, Olga, Mascha und Irina leben seit 11 Jahren weit weg von ihrer ursprünglichen Heimat Moskau, weil ihr Vater, der mittlerweile seit einem Jahr tot ist, mit dem Militär dorthin versetzt wurde. Nun wünschen sie sich, wieder in die Heimat zurückzukehren. Alle drei Frauen sehnen sich nach einem erfüllten Leben, einer sinnvollen Arbeit und einem Mann.

Mascha ist bereits seit einigen Jahren unglücklich mit Fjodor verheiratet, verliebt sich aber während des Stücks in einen anderen Mann, auf den auch ihre ältere Schwester Olga ein Auge geworfen hat und der obendrein selbst Familienvater ist.

Andrej möchte Professor werden, wobei er diesen Wunsch nach seiner Hochzeit mit Natalja langsam aufgibt und stattdessen in die Landverwaltung geht. Er ist spielsüchtig und nimmt – ohne die Zustimmung der Schwestern – eine Hypothek auf das Haus auf, um seine Spielschulden zu bezahlen. Natalja entpuppt sich zugleich als zickig und übernimmt bald das Regiment im Haus.

Irina arbeitet zunächst auf dem Telegrafenamt und später, wie Olga, im Schuldienst, wobei keine der beiden Tätigkeiten sie glücklich macht.

Nikolai und Wassili, zwei Offiziere, die in die jüngste Schwester Irina verliebt sind, stoßen im Duell aufeinander, welches unerwartete Folgen für das Leben der Umworbenen hat.

Der Satz „Nach Moskau!“ ist wie ein Mantra für die Mädchen, insbesondere für Irina, doch spätestens nachdem sie vergewaltigt wird, muss sie einsehen, dass ihr Wunsch, nach Moskau zurückzukehren, nicht wahr werden wird.

Das Stück wirkt wie eine kuriose Aneinanderreihung von Szenen, die alle am selben Schauplatz stattfinden. Man ist wechselhaft amüsiert, mitfühlend, verwirrt, traurig.

Alle Figuren agieren mal miteinander und haben ganz unterschiedliche Beziehungen zueinander, was die Dialoge sehr spannend und abwechslungsreich macht.

Die Einzelleistung der Darsteller in „Drei Schwestern“ ist, unbestreitbar, brillant.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Als besonders herausragend muss man die Leistung von Daniel Breitfelder hervorheben, der dem Publikum einen unheimlich liebenswürdigen und zugleich eigensinnig seltsamen Andrej präsentiert, den man einfach nur gerne in den Arm nehmen möchte. Manchmal ist er hilflos und niedlich wie ein kleines Kind, stottert und weint, dann ist er depressiv und verzweifelt ohne dabei pathetisch zu erscheinen.

Breitfelder verkörpert einen wunderbaren Eigenbrötler, der von der Welt erdrückt wird. Er stumpft langsam immer weiter ab, plötzlich emotional ausbricht und sich doch nur nach der Zuneigung seiner geliebten Schwestern sehnt.

Besonders sticht zudem Mareike Hein als Mascha heraus, die nicht nur fließend Russisch spricht sondern vor allem mit einer großen Bandbreite an Charakteristika fasziniert. Sie ist die Geheimnisvolle, die Zynische, die alles schon hinter sich hat, eiskalt und unbeeindruckt. Dann ist sie plötzlich die leidenschaftliche Frau, die sich verliebt und für eine Sekunde alles vergessen kann, zerbrechlich in den Händen eines verheirateten Mannes. Und sie ist ein Haufen verzweifeltes Elend, psychisch labil und völlig am Ende. Mareike Hein ist absolut glaubwürdig in allem, was sie tut.

Außerdem ist da noch Benjamin Berger, der als „Baron“ nicht nur unheimlich sympathisch und ehrlich rüber kommt sondern auch noch damit fasziniert und amüsiert, wie unfassbar schnell er einen gigantischen Text aufsagen kann und dem Publikum damit einen Moment zum Lachen und Applaudieren verschafft, in einer sonst teilweise schwer verdaulichen Inszenierung. Dies schafft auch Wolfgang Rüter mit einer sehr lustigen Performance als stockbetrunkener Militärarzt Iwan Romanowitsch, die ein paar Sekunden Slapstick-Humor in das Stück hinein bringt.

Wo das Stück hinführt, muss wohl jeder für sich entscheiden. Eine eindeutige Pointe scheint Nimz nicht liefern zu wollen. Wo genau der Bezug zur Flüchtlingsproblematik liegt, die vereinzelt aufgegriffen wird, ist auch nicht klar oder zumindest schwer verständlich. Der politische Bezug wirkt eher etwas erzwungen.

Ähnlich verwirrend sind auch die „Masken“, die für die Figuren eine sehr große Bedeutung zu haben scheinen, die für den Zuschauer nicht aber eher im Dunkeln bleibt. Mit Sicherheit kann man sich diese Inszenierung mehrmals ansehen und wird immer neue Kleinigkeiten entdecken, die das Puzzle zusammenfügen.

Insgesamt ist das Stück nicht leicht verständlich. Manche Elemente wirken verwirrend und sogar fehl am Platz. Es sind Kunstgriffe, die zwar beeindruckende Bilder konstruieren, aber dem Verständnis der Geschichte nicht weiterhelfen. Solche Momente wirken eher einschüchternd auf den Zuschauer.

„Drei Schwestern“ von Martin Nimz ist unglaublich vielseitig und seltsam, lustig und dramatisch, verrückt und absurd, gleichzeitig sehr emotional und nachfühlbar.

Ein langer Abend mit vielen Wendungen und Anspielungen, die man vielleicht nicht versteht, die sich jedoch alle zu einer tollen Darbietung zusammenfügen.

Für die Schauspieler sicher eine große Herausforderung, für den Zuschauer ein Stück, über das man noch ein paar Tage länger nachdenkt.

Camilla Gerstner

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