Nathan der Weise

 

Bonner Muslime kommen zu Wort

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Am 13. Februar 2016 wurde unter großem Aufsehen die Premiere des von Volker Lösch inszenierten Stückes Nathan der Weise von Gottfried Ephraim Lessing in den Kammerspielen Bad Godesberg gefeiert.

Ist das Theater? Oder die Realität? Die Zitate, die Schauspieler Glenn Goltz zu Beginn des Abends in den Raum wirft, haben jedenfalls erschreckenden Gegenwartsbezug. „Zehn Prozent der aus Deutschland nach Syrien ausgewanderten Salafisten stammen aus Bonn“, heißt es da. Oder: „Ich traue mich kaum noch, das Haus zu verlassen, Großveranstaltungen zu besuchen. Ist es so abwegig, dass gerade hier, in diesem Theater, wo wir doch diese Themen kritisch hinterfragen, auch eine Bombe hochgehen könnte?“

Gleich zu Beginn merkt der Zuschauer, dass Volker Löschs Nathan-Inszenierung wenig mit dem Original von Lessing zu tun hat. Vielmehr beschäftigt sie sich auf sehr provokante, aber auch entwaffnend ehrliche Weise mit der aktuellen Stimmung in Deutschland, nämlich dem spürbar immer größer werdenden Misstrauen dem Islam gegenüber.

Löschs Inszenierung arbeitet mit zwei Handlungsebenen: die eine spielt in einem heutigen Unterrichtsraum, mit einem deutschen Lehrer und zwölf muslimischen Schülern – die tatsächlich auch von muslimischen jungen Schauspielern gespielt werden, die seit zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben. Mitten in einer hitzigen Diskussion zwischen Lehrer und Schülern bricht das Klassenzimmer unter lautem Getöse in zwei Hälften – und schafft Raum für die zweite Handlungsebene: Gottfried Ephraim Lessings Nathan der Weise, gespielt auf einer den gelben Reclam-Heftchen nachempfundenen, eingeschobenen Bühne.

(c) Volker Lösch
(c) Volker Lösch

Das Nathan-Stück rückt im Gegensatz zu den Schulstunden eindeutig in den Hintergrund. Beide Handlungsebenen haben jedoch einen gemeinsamen Kern, der aus Lessings Nathan übernommen wird: Beides Mal geht es, mit unterschiedlicher Akzentsetzung, um die großen Frage, welche der drei Weltreligionen die eine Wahre ist (falls sich das überhaupt beantworten lässt) und wie die Religionen neben- bzw. miteinander einander leben können.

Diese Frage inspiriert Regisseur Lösch dazu, die im mittelalterlichen Jerusalem angesiedelte Problematik des Lessingsstücks auf seine Aktualität bezüglich der mentalen Folgen des Syrien- und Afghanistankrieges in der deutschen Bevölkerung zu überprüfen. Wie reagieren Deutsche auf muslimische Mitbürger generell? Auf welche Weise verändern die Anschläge der Terrormiliz IS, die Flüchtlingskrise, Ereignisse wie die Silvesternacht in Köln, das Bild, das Deutsche über Muslime haben? Lassen sich Christentum beziehungsweise „westliche Werte“ und Islam auf lange Sicht noch vereinbaren oder nehmen Klischees und Ängste immer mehr überhand?

Lösch bietet muslimischen Deutschen ein Ventil, um sich zu diesen Themen zu äußern. Dazu dienen vor allem die gespielten Schulstunden: der deutsche Lehrer versucht, seinen Schülern mithilfe bedeutender Vertreter der Aufklärung, wie Kant, aber auch Nietzsche, die westlichen Werte nahezubringen und stößt schnell auf Widerstand. Er verteilt Lessings Nathan der Weise in Form von gelben Reclam-Heftchen, das typische Markenzeichen und Abschreckmittel des Deutschunterrichts in der Oberstufe, doch sie werden von sich missverstanden-fühlenden Schülern zurückgeschleudert.

Nachdem schließlich der gelbe Reclam-Heftchen-Keil in die Schulklasse getrieben wurde, schauen die Schüler zunächst von den Trümmern ihres Klassenraumes aus dem Bonner Schauspielensemble nur dabei zu, wie sie in originalem Kostüm texttreu Lessings Nathan nachspielen. Später jedoch äußern sie sich zu fast jeder Szene und stellen einen Bezug zum Heute her. Nach und nach verschwimmen die Grenzen zwischen den Ebenen immer mehr, und die Vorwürfe und Ansichten sowohl der Schüler als auch des Lehrers spitzen sich zu.

Der deutsche Lehrer, gespielt von Glenn Goltz ist (zumindest anfänglich) kein Rassist, eigentlich ist er ganz nett und hat vermutlich auch nichts gegen muslimische Bürger. Er vertritt jedoch die breite Masse derjenigen, die durch jüngste Geschehnisse und öffentliche Parolen in Deutschland langsam in einen zunehmend rassistischen Strom gezogen wird.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

So ist auch die Interpretation von Nathan der Weise, dem Stück im Stück, diejenige des Lehrers: Der Muslim Saladin ist kein verständnisvoller und von der Ringparabel zu Tränen gerührter Herrscher wie in der Vorlage, sondern ein eiskalter Kapitalist.

Lösch versucht nicht, alle Muslime in Deutschland in Schutz zu nehmen oder alle Deutschen anzuklagen, dies wäre ebenso verklärend und einseitig betrachtet, wie wenn er Muslime verurteilen würde. Die Inszenierung schert niemanden über einen Kamm. Vielmehr hinterfragen bzw. parodieren vor allem die muslimischen Schauspieler auf eine Art ihre eigene Religion, wie man es von ihnen wohl nicht erwarten würde: In drastischer Überspitzung binden sie sich lange Bärte um, führen vulgäre Bauchtänze auf, köpfen bzw. erschießen ihren deutschen Lehrer, halten die Flagge des Islamischen Staates hoch, und machen antisemitische Äußerungen – kurz: sie bedienen sich jeglicher Moslem-Klischees. Viele Szenen sind äußerst provokant, laut und spannungsgeladen.

An anderen Stellen bekommen die muslimischen Schauspieler Gelegenheit, dem Publikum ihre eigenen Erfahrungen mit Anti-Islamismus und Ausländerfeindlichkeit zu übermitteln, und das tun sie in aller Deutlichkeit: sehr vorwurfsvoll und ausdrucksstark. Sie machen ihre Sache sehr gut, und ihre Chorszenen sind deshalb so stark, da sie von ihren eigenen Erlebnissen berichten: Sie äußern keine Hypothesen, sind keine Moralprediger, sondern vielmehr (nüchterne) Berichterstatter. So schildert einer der Schüler, er werde in der Bahn komisch angeguckt, wenn er mit seiner Mutter auf Arabisch telefoniert oder einen Koffer am Bahnhof abstellt. Ein anderer wurde gefragt, ob er auch zu den Tätern der Silvesternacht in Köln gehöre. Obwohl die Schüler genauso Deutsche sind, wie ihre blonden und blauäugigen Mitbürger, werden sie zu Außenseitern degradiert, verkörpern plötzlich für viele das Feindbild. Sie sind gezwungen ihre Identität zu hinterfragen: Gehöre ich jetzt zu den Einen oder zu den Anderen? Sind wir nicht eigentlich alle gleich? Bin ich plötzlich heimatlos?

Sie fühlen sich verloren und es scheint aktuell keine realistische Lösung für das Dilemma zu geben. Somit endet die Inszenierung mit einer Art Albtraumsequenz des Lehrers, in der alle Beteiligten (knallbunte!) Burkas tragen und der Lehrer am Ende in der Masse untergeht.

Passend dazu wurde auch das Happy End der Nathan-Vorlage uminterpretiert: Der Tempelherr und Recha heiraten einander, obwohl sie Geschwister sind und konvertieren zum Islam. Nathan steht unbeteiligt daneben und sagt triefend vor Ironie: „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ Somit ist das Ende doch eher pessimistisch. Die Versöhnung der drei Weltreligionen bleibt aus.

Der Abend dauert genau zwei Stunden, am Ende applaudiert das Publikum stehend. Das ist eine Seltenheit in Bonner Theatern und kann als eindeutig positives Feedback verstanden werden.

Im Publikumsgespräch nach der zweiten Vorstellung (am 19.2.) mit der Dramaturgin und den Schauspielern wird erneut betont, dass das Ziel des Abends nicht war, eine Lösung anzubieten, sondern zum Nachdenken anzuregen und Nähe zu schaffen. Der Islam soll nicht als abstraktes, allgemeines Konzept betrachtet werden, sondern die Zuschauer sollen die einzelnen Personen aus der Gruppe herausgelöst und individuell kennen lernen. Um Vorurteile aus der Welt zu schaffen, muss jeder nun mal als erstes anfangen, miteinander zu kommunizieren. Und dazu regt die Inszenierung an. Somit blickt Nathan zwar eher pessimistisch in die Zukunft, aber die Diskussion, die damit angestoßen wird, ist ein erster guter Schritt zu einem zukünftigen Miteinander.

Phyllis Akalin & Tabea Laufenberg

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