The Life and Death of Martin Luther King

Amerikanische Geschichte in den Kammerspielen

(Vorschaubild (c) aachener-zeitung.de)

Am Montag, den 29.02.2016 hatte das Theater Bonn Besuch aus Amerika: Die American Drama Group spielten als Gastauftritt in den Kammerspielen ihr Stück The Life and Death of Martin Luther King. Dabei gaben sie die Jahre des Kampfes gegen Rassentrennung in Amerika von Friedensnobelpreisträger Martin Luther King auf ihre ganz eigene Art und Weise wieder.

Mit einer Besetzung von fünf Schauspielern begann die American Drama Group ihre Reise in die Geschichte genau dort, wo der Protest gegen die Rassendiskriminierung begann: In Montgomery, Alabama. Die Afroamerikanerin Rosa Parks, eine Bürgerrechtlerin, weigert sich, im Bus für einen weißen Fahrgast den Sitzplatz freizugeben, woraufhin es zu einer Auseinandersetzung mit dem Busfahrer und sogar der Polizei kommt. In dieser Szene zeichnet sich schnell ab, dass die Schauspieler nur wenige Utensilien benötigen, um ihre Geschichte zu erzählen. Der Bus beispielsweise wird nur provisorisch dargestellt, indem sich zwei Schauspieler in einer Reihe auf mitgebrachte Stühle setzen. Doch die reduzierte Erzählweise ist effektiv. Der Gruppe gelingt es, den Montgomery Bus Boycott, der auf Rosa Parks Aktion folgte, nur durch das Einspielen von Protestgeräuschen zu übermitteln.

(c) swp.de
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Martin Luther King, der in der nächsten Szene auftritt, wird sehr differenziert beleuchtet. Der Schauspieler stellt einen Mann im Emotionschaos dar. King ist zunächst nur Prediger in einer Kirche Montgomerys. Vom Reverent motiviert, wird er zum Anführer des Bus Boycotts. Zunächst ist er unsicher, wie er mit seiner neuen Aufgabe umgehen soll und das zu Recht. Die Gefahren, denen Martin Luther King durch seine repräsentative Rolle ausgesetzt war, finden auf der Bühne ihre Umsetzung: Gewaltszenen, in denen der Sherif (von einem Afroamerikaner in weißer Maske dargestellt) die Widerständler mit einem Baseballschläger bedroht, werden wiedergegeben.

Die Erfolge von Kings Widerstandbewegungen werden von der American Drama Group in Stimmungshochs gefeiert. Es gibt beispielsweise Umarmungen und Freudenschreie, als bekannt wird, dass die Rassentrennung in Bussen aufgehoben wird und auch andere Städte, wie Birmingham, mit der Aufhebung von Rassendiskriminierung gleichziehen.

Es wird jedoch keineswegs nur eine Erfolgsgeschichte dargestellt. Viele Male erlebt man auf der Bühne einen zutiefst nachdenklichen Martin Luther King. Er wünscht sich sein altes Leben zurück, zweifelt an der Wirksamkeit seines Tuns, erkennt, dass es noch ein langer Weg bis zur

(c) main-spitze.de
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Gleichberechtigung ist und dass er für diesen Weg viel aufgeben musste und noch muss. Eines wollte die Schauspielgruppe mit Sicherheit in Kings Geschichte hervorheben: sein Bestreben zum gewaltfreien Widerstand. So werden viele Male handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen seinen Anhängern und weißen Rassisten von King gestoppt. Auch der Glaube nimmt auf der Bühne einen großen Raum ein. Die Dialoge zwischen dem Widerstandskämpfer und anderen Figuren sind geprägt von christlichen Überzeugungen: Gott hat uns alle als Menschen geschaffen, wir sind daher alle gleich.

In der Inszenierung nimmt, neben King, eine erfundene Figur eine tragende Rolle ein. Es ist ein weißer Journalist, der zunächst nur als Nachrichtensprecher über die Ereignisse in Montgomery berichtet und damit auch den historischen Ablauf für den Zuschauer strukturiert. Der Journalist lernt Martin Luther King kennen und wird mehr und mehr in seine Geschichte verstrickt. Die beiden Bühnenfiguren schließen Freundschaft. Der Journalist ist nun auch emotionaler Begleiter Kings. Als der Berichterstatter seinen Freund jedoch in der wohl schlimmsten Zeit der Niedergeschlagenheit antrifft, kommt es zum Streit zwischen den beiden. So ist die erfundene Figur bei der Drama Group auch schuld am Attentat auf King: Im betrunkenen Zustand erzählt er den falschen Leuten, wo sich King versteckt.

Der Tod Kings wird, wie in vielen anderen Szenen, vom Gesang der Schauspieler begleitet. Alle Schauspieler beweisen über den gesamten Abend hinweg großes Singtalent. Sie untermalen mit den für die damalige Zeit typischen Songs die unterschiedlichsten Emotionen und verursachen, zumindest bei mir, damit eine Menge Gänsehaut.

Sofia Grillo

Kommentar

Es ist erst wenige Tage her, da plädierte der Komiker und Schauspieler Chris Rock zwar mit einem Augenzwinkern, aber nicht ganz unberechtigt, für mehr Chancengleichheit zwischen schwarzen und weißen Schauspielern bei den Oscar-Verleihungen. Auch wenn durchaus schon afro-amerikanische Schauspieler einen Academy Award gewonnen haben (u.a. Whoopi Goldberg, Denzle Washington, Will Smith, Halle Barry), sind es nicht viele, wie auch die FAZ festgestellt hat und so stellte sich auch uns unweigerlich die Frage, als wir die American Drama Group in den Kammerspiele sahen, wo eigentlich unsere afro-deutschen Theaterschauspieler sind. Es gibt nur wenige Ensemblemitglieder an den großen Theatern Deutschlands, die ein festes Engagement haben – viel besser sieht es auch auf den kleineren Bühnen nicht aus. Berlin bildet da die Ausnahme. Woran liegt das? Gibt es einfach zu wenig afro-deutsche Schauspieler?

Tippt man bei Google den Suchbegriff „farbige Theaterschauspieler Deutschland“ ein, erscheinen unter den ersten zehn Suchergebnissen u.a. Artikel aus Der Zeit, dem Tagesspiegel und dem Deutschlandradio aus den letzten zwei bis vier Jahren, die sich alle um das Thema Rassismus und Theater drehen. Dort heißt es: „Lebenswirklichkeit deutscher Städte sieht man selten auf der Bühne.“ Das Stadt-und Nationaltheater ist also doch nicht der Spiegel seiner Gesellschaft?

 Das ist schade, denn ist es nicht die Vielfalt, die unsere Gesellschaft auszeichnet? Bzw. ist es nicht langweilig, schwarze Schauspieler nur für schwarze Rollen zu besetzen, wie in Othello oder, um ein Beispiel aus dem Theater Bonn zu nehmen, HERZ DER FINSTERNIS (Gast: Komi Togbonou)? Natürlich sollten Leistung und Talent nicht hinter der Hautfarbe zurückstehen, aber liegt hier nicht wahrscheinlich mehr Potenzial vergraben, als bisher entdeckt wurde?

Immerhin werden öffentlich Debatten geführt und vielleicht wird sich in Zukunft auf den deutschen Bühnen etwas bewegen. Eine interessante Initiative stellt das Label Noir in Berlin dar, das sich speziell dem Thema schwarzes Theater angenommen hat. Auf ihrer Website schreiben sie über ihre Intention: „Der Zusatz ‚Black Theater aus Berlin‘ verdeutlicht zudem, dass sich die Akteure in ihrer Arbeit sowohl maßgeblich über ihre vielseitigen kulturellen Wurzeln definieren, als auch ganz klar hier in Deutschland bzw. Berlin – Hauptstadt und Hauptsitz des Ensembles – verorten. Dies unterstreicht den Anspruch, als selbstverständlicher, wichtiger und unüberhörbarer Teil der deutschen Gesellschaft und Kulturszene in Erscheinung zu treten und wahrgenommen zu werden“.

Ein guter und unterstützungswürdiger Anfang. Nun könnten wir noch nach den asiatischen Schauspielern in den deutschen Theatern fragen … nicht heute, vielleicht aber morgen …

Rebecca Telöken

Links:

http://www.deutschlandradiokultur.de/rassismus-am-theater-keine-rollen-fuer-schwarze-schauspieler.2159.de.html?dram:article_id=299371

http://www.tagesspiegel.de/kultur/theater-und-rassismus-schwarz-auf-weiss/6052652.html

http://www.zeit.de/2012/08/Theater-Mainz

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/oscar-schwarze-oscar-preistraeger-eine-seltenheit-147495.html

http://www.labelnoir.net/labelnoir.html

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