„Der Alte“ dankt ab

Anneliese und der Bundeskanzler

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Am 15.10. ging am Theater Bonn die „Kanzler-Reihe“ an den Start

„Möchte jemand etwas Pfefferminztee?“, fragt Anneliese Poppinga, Sekretärin Konrad Adenauers, in den Raum. Schweigend verteilt die große, schlanke Dame in dem grauen Kostüm und den weißen Pumps Tee an interessierte Zuschauer. Danach stellt sie sich neben ihren Schreibtisch mit der Schreibmaschine und dem Telefon und sortiert verschiedenfarbige Akten. Im Hintergrund spielt die Mondscheinsonate von Beethoven. Erwartungsvolle Stille. Und dann erscheint Konrad Adenauer. Majestätisch schreitet der Herr im schwarzen Anzug durch das Foyer der Kammerspiele, wo die Zuschauer gerade Platz gefunden haben.1876 geboren und gerade zum Bundeskanzler gewählt!

Die kleine, improvisierte Bühne verwandelt sich in das Palais Schaumburg und wir erhalten Einblick in das Leben jenes Mannes, der es sich zu seiner Aufgabe gemacht hatte, die junge Bundesrepublik durch Westbindung, Einigung Europas und Aussöhnung mit Frankreich zu stabilisieren. Bei seinem Amtsantritt ist Adenauer 73 Jahre alt. Ein gestandener Mann, der viel gesehen und viel erlebt hat. Doch wie war er, diese Legende der CDU? Der Mann, der alles für sein Land gab und das 14 Jahre lang? Genau dies will er uns hier beantworten.

Gelassen stellt er sich vors Publikum und beginnt zu erzählen. Im Wechselspiel mit Anneliese Poppinga streift er politische Zeitereignisse, darunter die Hauptstadtfrage – Bonn oder Frankfurt –, Freilassung der in russischer Haft befindlichen deutschen Kriegsgefangenen, Spiegel-Affäre, Mauerbau und das Ringen um die deutsch-französische Freundschaft. Aber das Hauptaugenmerk liegt darauf, uns die Persönlichkeit, das Denken und Handeln

Adenauers näher zu bringen. Wir erfahren, dass er ein leidenschaftlicher Gärtner war, ein Organisationstalent, ein Mensch der Ordnung, ein Mann von außergewöhnlicher Selbstbeherrschung, den „vor allem die tiefe Sorge um die Zukunft Deutschlands, die Zukunft Europas“ antreibt. Und Überraschung: Konrad Adenauer ist der Erfinder der „Friedenswurst auf Sojabasis, ganz ohne Fleisch“! Wer mutig ist, der darf kosten. Wir erhalten auch Einblick in weitere Erfindungen Adenauers, wie ein Mehrzweckgartengerät, eine elektrische Teekanne und eine elektrische Giftspritze (zur Insekten-Abtötung), die es nicht zu einer Patentanmeldung geschafft haben.

Der Abend endet mit der Abdankung Adenauers als Bundeskanzler. „Er geht fast unbemerkt und er geht ganz alleine“, denn „das Interesse der Kameras gilt nicht mehr ihm“ – so seine Sekretärin. Er ist nun mittlerweile 87 Jahre alt, er „möchte schon seit langem ein Buch über den Tod lesen“.

Konrad Adenauer geht von der politischen Bühne. Der erste in einer Reihe von vielen. Alle werden sie ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Fehler machen und sich der Geschichte stellen. Und sie werden im Laufe der Spielzeit 15/16 auch da stehen, wo Adenauer heute Abend stand. Auf der Bühne des Theaters Bonn, bereit sich uns, dem Publikum, vorzustellen.

Dargestellt wurden unsere beide historischen Persönlichkeiten von der Schauspielerin Julia Keiling (Anneliese Poppinga) und Jens Groß, stellvertretender Schauspieldirektor und leitender Dramaturg des Theaters Bonn (Konrad Adenauer). Die Textfassung stammt aus der Feder von Dramaturgie-Assistentin Elisa Hempel, eingerichtet wurde die szenische Lesung von Barbara Buterus (Regieassistenz)

Charlotte Hacker

Demnächst im Theater Bonn: Friede, Freude, Wirtschaftswunder. Am 19.11 stellt sich Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard vor (19:30Uhr im Foyer der Kammerspiele).

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