Kabale und Liebe

Schillers Theaterklassiker feiert Premiere in den Kammerspielen

(Vorschaubild © Thilo Beu)

Es ist dunkel, nur ein spannungsgeladener Ton erfüllt den Saal der Premiere von Kabale und Liebe am 30.10.15. Dann erscheint ein Zitat auf der Leinwand vor der Bühne: „Ein entsetzliches Schicksal hat die Sprache unserer Herzen verwirrt“. Das Licht geht an und man erblickt das minimalistische Bühnenbild: Es besteht aus einem schwarzen Klavier mit einem Stuhl davor und einer riesigen grauen, mühlradähnlichen Scheibe mit einer rechteckigen Öffnung in der Mitte. Darin steht Luise (Maike Jüttendonk) und betet laut. Sie wirkt dabei fast wie eine religiöse Fanatikerin, da sie das Gebet ständig wiederholt. Dabei spielt sich die Handlung zeitweilig auf zwei Ebenen ab: Während Luise oben in ihrem „Zimmer“ vor sich hin betet, streiten unten auf der Bühne Vater und Mutter Miller (Sören Wunderlich und Johanna Falckner) über die Liebesbeziehung zwischen ihrer Tochter und Ferdinand von Walter (Robert Höller), dem Sohn des Präsidenten (Ursula Grossenbacher).

Anfangs scheint die Inszenierung sehr klassisch gehalten zu sein: Schillers Text ist kaum abgewandelt, die drastische Ausdrucksweise des Originals wird akribisch beibehalten, nur hier und da wurde etwas gekürzt. Doch schon als Ferdinand das erste Mal die Bühne betritt, wird von der

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

ursprünglichen Version abgewichen. Er betritt die Bühne weniger, als dass er sich auf sie hinauf schwingt, zu seiner Luise, begleitet von zeitgenössischer Pop-Musik. Die Szene erinnert mit dem beinahe akrobatischen Auftritt Ferdinands an ein Musical, er wirkt wie ein liebestolles Kind. Zusätzlich trägt er ganz lässig Jeans und T-Shirt und wirkt so weniger wie der adelige Sohn des Präsidenten als vielmehr wie ein junger Rebell gegen das System – was er ja auch mit seiner Liebe zur bürgerlichen Luise verkörpert. Später wird auffallen, dass auch Lady Milford (Laura Sundermann) untypisch gekleidet ist, sie sieht nicht aus wie eine Dame bei Hofe, sondern wirkt wie eine moderne junge Frau von 2015. Vermutlich soll diese Modernität der beiden Charaktere darauf hinweisen, dass sie die beiden sind, die dem System am kritischsten gegenüber stehen und letztendlich draus ausbrechen werden. Sie sind die wahren Stürmer und Dränger.

Die immer wieder eingespielte Musik (u.a. von Linkin Park) spielt keine unwesentliche Rolle in der Inszenierung; gerade bei vielen Szenenwechseln dramatisiert sie die vorigen oder folgenden Ereignisse. Das Bühnenbild ändert sich nur, indem die graue Scheibe gedreht wird – meist von Luise. Ein Symbol für Luise als Sklavin ihrer Pflichten? Sehr modern sind die Verteilung der Schauspieler im Raum und ihre Körperhaltung. Der Intrigant Wurm (Hajo Tuschy) liegt zeitweise gekrümmt, eben wie ein Wurm, auf dem Boden und auch Luise kauert, vor allem in Szenen der Verzweiflung, oft zusammengerollt in einer Ecke. Trotzdem wird in diesen Szenen der klassische Dialog weiter geführt, als stünden sich die Figuren „ganz normal“ gegenüber. Dadurch werden die Machtverhältnisse zwischen den Figuren klar herausgestellt und auch ihre emotionale Nähe bzw. Distanz zueinander wird räumlich sichtbar – je nachdem, auf welchen Ebenen bzw. wie weit die Darsteller voneinander entfernt spielen. Diese Diskrepanz zwischen der klassischen Sprache und dem modernen Aussehen der Darsteller, zwischen ihrer expressiven Körperhaltung und ihrer räumlichen Distanz zueinander wirkt oft etwas irritierend. So sind Ferdinand und Luise selbst in Szenen der Verliebtheit einander selten körperlich nah und es bleibt unklar, ob diese Distanz bewusst eingesetzt wird, um zu zeigen, dass sie einander missverstehen, oder ob die Inszenierung ihre Liebe einfach wenig glaubhaft vermittelt.

Die Nebencharaktere, vor allem Lady Milford, werden im Ganzen etwas oberflächlich behandelt, oder (wie der Hofmarschall von Kalb) sogar vollständig weg gelassen. Der Hofmarschall gibt Schillers Drama den seltenen Aspekt einer Komödie, der in der Inszenierung von Regisseur Martin Nimz nur in den letzten Szenen in Form eines komödiantischen Geplänkels zwischen Herr Miller und Ferdinand aufgegriffen wird – und dort etwas fehl am Platz wirkt.

Der Höhepunkt des Stücks, der Tod Luises und Ferdinands, wird sehr emotional mithilfe einer in schwarz-weiß gehaltenen filmischen Rückblende dargestellt, die wirkt, als ziehe das Leben an den Sterbenden vorüber. Dann erscheint das Zitat „Eine Gesellschaft räumen, wo ich nicht wohl gelitten bin – Ist denn das Sünde?“ über der Bühne: Eine Rechtfertigung Luises für den von ihr zunächst geplanten Selbstmord. Die letzte Szene in Schillers Stück, die in Nimz‘ Inszenierung fehlt, verspricht Gerechtigkeit: Es ist kein Happy End mehr möglich, aber trotzdem bekommen Wurm und der Präsident das, was sie verdienen und die Wahrheit kommt ans Licht. Warum wurde dieser Hoffnungsfunke ausgelöscht? Weil es in der modernen Gesellschaft keine Gerechtigkeit mehr gibt? Weil der Tod von Luise und Ferdinand einfach eine dramatischere Schlussszene ist? Es gibt keine ganz klare Antwort auf diese Frage, doch es scheint, als habe in der Interpretation von Nimz die Kabale (d.h. die Intrige) gesiegt und nicht die Liebe.

Hört man als (potentieller) Zuschauer davon, dass ein Stadttheater – wie das Theater Bonn – Kabale und Liebe auf die Bühne bringt, stellen sich einem sofort mehrere Fragen: Hat das Drama überhaupt noch Aktualität in unserer modernen Gesellschaft? Warum wird ein so altes Stück immer wieder neu inszeniert und welche Funktion kann eine solche Inszenierung für Schüler und Studenten haben, die Schillers Werk im Unterricht behandeln (müssen)?

Auf den ersten Blick wirkt die Thematik von Kabale und Liebe altertümlich und unzeitgemäß. Wann hört man heute schon noch davon, dass im Bekanntenkreis eine Hochzeit wegen Standesunterschieden verboten wird? Doch gilt es hierbei, genauer hinzugucken. Es ist schnell festzustellen, dass das Stück eine Menge weiterer Diskurse behandelt, die uns auch heute noch begegnen – wie z.B. der Liebeskummer, der im Fokus der Beziehung von Luise und Ferdinand steht. Auch heute wird noch der Liebe wegen gelitten und das aus ganz verschiedenen Gründen. In Kabale und Liebe wird uns vielleicht ein extremes Beispiel präsentiert, mit Liebeskummer umzugehen (Vergiftung Luises und sich selbst durch Ferdinand). Doch auch heutige unglücklich Liebende müssen ein Ventil für ihre Leiden finden. Dies kann vielleicht eine Tafel Schokolade, ein Posting in einem sozialen Netzwerk oder ein langes Telefonat mit engen Bekannten oder Verwandten sein. Ein weiteres zentrales Thema des Stücks ist der Konflikt zwischen Eltern und Kindern. Dieser wird durch Ferdinand und seinem Vater deutlich und greift einen Diskurs auf, den die meisten von uns nur zu gut kennen. Was wäre die Jugend, wenn sie nicht auch heute noch den Anforderungen ihrer Eltern entfliehen wollte? Nur ist die Flucht heute vielleicht nicht mehr unbedingt der Freitod, wie ihn Ferdinand wählt, sondern z.B. eine lange Reise zu einem fremden Kontinent oder der Kontaktabbruch.

Lassen sich Schüler und Studenten auf solche Überlegungen ein, so kann die Inszenierung des Bonner Theaters ein echter Zugewinn für das Verständnis von Schillers Werk sein. Manche werden sicher Startschwierigkeiten beim Verstehen der in alter Sprache gehaltenen Dialoge haben und daher ggf. gleich mit den ersten Worten der Schauspieler abschalten und sich (wie erwartet) zu Tode langweilen. Hat man sich jedoch an die Sprache gewöhnt, sieht man, wie ein klassisches Stück auch noch nach hunderten von Jahren spannend und bewegend umgesetzt werden kann. Der stumpfe Text, den man in der Schule behandelt hat, wird mit Emotionen, Gestik und modernen Bühnenbildern bereichert.

Phyllis Akalin & Sofia Grillo

Die nächsten Termine von Kabale und Liebe und Eintrittskarten gibt es beim Theater Bonn.

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