Viel Lärm um nichts – aber was ist dieses „Nichts“?

Bevor auch die freien Theatertruppen in Bonn in die Sommerpause gingen und die Freiluftbühnen ihre Pforten öffneten, stand noch eine große Produktion auf dem Spielplan der Bonner Brotfabrik. Die BUSC zeigte an fünf Tagen Shakespeares Komödie MUCH ADO ABOUT NOTHING – Viel Lärm um nichts.

Der Bühnenaufbau entführt uns – sehr charmant und mit viel Liebe zum Detail gestaltet – in die italienische Hafenstadt Messina am Ionischen Meer. Allerdings nicht in die Stadt des 16. Jahrhunderts, in der das Stück ursprünglich spielt, sondern in die der 50er Jahre.

Weiße, mit feinen blauen Linien lackierte Kacheln tragen einen geschwungenen Schriftzug und verraten den Zuschauern den Ort des Geschehens: Villa Leonato. Leonato (Lisa Geierhaas) – bei Shakespeare der Vater – ist hier die Mutter von Hero (Annika Nissen), einer lebensfrohen, bildhübschen und tugendhaften jungen Dame. Das bleibt auch dem jungen Offizier Claudio (Konstantin Rasanis), der mit seinem Herrn, Prinz Don Pedro von Arragon (Afra Morris), und seinem Freund Benedick zu dieser Zeit in der Villa verweilt, nicht verborgen und er verliebt sich auf den ersten Blick in sie.

Sein Freund Benedick (Roen Jansen), ein lustiger Geselle mit böser Zunge, hat für Heros Schönheit keinen Sinn, was nicht weiter verwunderlich ist, behauptet er doch von sich, dass er niemals heiraten werde, weil alle Männer wegen der Weiber an Männlichkeit einbüßen und seltsame Gewohnheiten an den Tag legten. Ergo sie verweichlichen. Statt Frauenröcken hinterher zu jagen, streitet er sich lieber leidenschaftlich gerne mit Beatrice (Ella von der Eltz), der Cousine der Hero, die ebenfalls von sich behauptet, fürs Heiraten gänzlich untauglich zu sein. Ihre Zunge ist sogar noch schärfer als die Benedicks; ohne Zögern nennt sie ihn den „Hoffnarr des Königs“, provoziert und reizt alles und jeden. Gerade diese beiden sich natürlich abstoßenden Pole wollen ihre Freunde – inklusive des Prinzen – verkuppeln und hecken dafür einen Plan aus.

Undercover unterwegs: Beatrice. Foto: (c) Mia Ruppert

Bis hierhin ist noch alles recht humorvoll. Das Blatt wendet sich jedoch mit dem Eintreffen des Halbbruders des Prinzen Don Juan (Michael Adeolu). Dieser ist erbost, dass Claudio im letzten Krieg mehr Ruhm als er erlangt hat und will nun voller Rachsucht die schnell beschlossene Hochzeit zwischen Claudio und Hero vereiteln, auch, um das gute Ansehen seines Bruders zu schädigen. Dabei wird er von seinem Begleiter Borachio (Hanna Certa) gegen einen guten Lohn unterstützt. Es ist Borachios Idee, sich der ahnungslosen und weniger tugendhaft lebenden Margaret (Lisa Pohlers), der Kammerfrau von Hero, zu bedienen, um die arme Hero ins Unglück zu stürzen.

Durch einen Trick getäuscht, meinen Claudio und Don Pedro, nachts Hero mit einem fremden Mann bei einer wilden Liebesszene zu beobachten, in Wahrheit sind dies aber Borchio und Margaret. Auf die Scharade hereingefallen macht Claudio Hero am Hochzeitstag vor versammelter Mannschaft, Heros Mutter eingeschlossen (die keine Zweifel an der Verfehlung ihrer Tochter hat), eine fürchterliche Szene, so dass nur noch der gewiefte Pater Francis (Nicole Masmanns) und das mittlerweile ebenfalls durch die Falschaussagen ihrer Freunde zusammengekommene Paar Beatrice und Benedick Abhilfe leisten können.

Regisseurin Mia Ruppert und ihr Team haben die Geschichte in die 50er Jahre verlegt: Bunte Kleider, aufwendig gelegte Föhnfrisuren, wehende weiße Gardinen, mehr braucht es nicht, um ein nostalgisches Gefühl zu erzeugen, dazu dekorieren quietschgelbe Zitronenbäume die Villa.

Glückliches Brautpaar? Hero und Claudio. Foto: (c) Mia Ruppert

Doch die 50er sind noch mehr: Sie sind auch die Zeit, in der Stars und Adel von der Presse verfolgt werden. Rupper lässt daher Paparazzi (Emma Bilsdorfer, Anna Kämper, Clara-Sophie Bibow) immer wieder über, hinter und vor der Bühne herumschleichen, was schon zum Schmunzeln verführt. Sie sind die Schatten, die jeden Skandal dokumentieren, selbst aber keinen Kontakt mit dem Protagonisten pflegen. Die von ihnen aufgeschnappten Klatsch-News landen dann auch im Radio, hier einem pastellfarbenen, runden Modell. Gleich drei Radio Hosts (Lisa-Christine Altendorf, Elen Carbonari, Lineke Bösing) versorgen die Welt mit den neusten Neuigkeiten. Sogar ein Live-Interview mit Claudio am Telefon bekommen sie, sind aber so indiskret und aufdringlich, dass dieser irgendwann einfach auflegt.

Bei allen das Tragische knapp verfehlenden Verwicklungen bleibt dies eine Komödie mit den entsprechenden Lachmomenten, von denen sich in dieser Inszenierung viele fanden. Hervorzuheben ist sicherlich Benedicks Hafenbeckensprung. Um sich vor den Damen, die ihn längst entdeckt hatten, zu verstecken, springt er in das Hafenwasser und imitiert auf einem Rollbrett herrlich komisch seine hilflosen Schwimmzüge.

Ella von der Eltz als Beatrice beherrscht dagegen den überrascht-abgestoßenen Gesichtsausdruck wie keine zweite, spielerisch ausgestochen wird sie vielleicht nur noch von Afra Morris, die als Don Pedro eine ungemein professionelle Bühnen- und Körperpräsenz hat. Doch auch Lisa Geierhaas als Mutter Leonato findet eine präzis-kühle Spielweise, um eine reifere Frau mit Stolz Leben einzuhauchen. Das geschickt aufeinander abgestimmte Ensemble von Kostüm, Make-up und Körpergestik unterstützt dabei sehr gut und lässt an Filmvorbilder denken. Roen Jansen ist textsicher, hat auch starke Dialoge mit Beatrice, dennoch fehlt es ihm manchmal etwas an Überzeugungskraft in der Art seines Vortrags, z.B. wirkt am Ende des Stückes sein Treueschwur nicht wirklich überzeugend.

Die Rolle der Hero erfährt in dieser Inszenierung eine gewisse Aufwertung. Ist sie im Original sehr zurückhaltend und brav, darf Annika Nissen sie etwas vorwitziger und selbstbewusster spielen. Eine durchaus gute Idee, denn auch die Hero bei Shakespeare hat Textpassagen, die auf ein durchaus nicht nur braves und folgsames Wesen schließen lassen kann. Eine kleine Delle erfährt dieser Punkt bei der letzten großen Maskerade, in der Hero für tot erklärt wird und als „neue Hero“ Claudio letztlich doch als Braut zugeführt wird. Hätte eine selbstbewusste Frau diese Maskerade mitgemacht und hätte sie den in seiner Liebe und seinem Vertrauen so leicht zu verunsichernden Claudio wirklich noch heiraten wollen? Leise Zweifel stellten sich bei der Rezensentin ein.

Die Shakespeare-Forscherin Elisabeth Bronfen bezeichnet Shakespeares Stück als „Dark Comedy“. Denn trotz des auf den ersten Blick versöhnlichen Endes, das sogar mit einem gemeinsamen Tanz beschlossen wird, was einmalig bei Shakespeare ist, scheint dieser Friede genau so trügerischer zu sein wie in Aristophanes „Frauen“ – ein Scheinfriede, der möglicherweise bald wieder sein Ende finden wird. In dieser Komödie ist von Anfang an alles auf Lüge und Täuschung aufgebaut. Alle Liebespaare kommen letztlich nur durch Tricks zusammen, man fragt sich nicht zu unrecht, wo sich eigentlich diese Liebe versteckt, von der jeder redet. So könnte man auch fragen: Worum wird denn (zu viel?) Lärm gemacht? Um die Liebe? Und kann ein plumper Rufmord aus dieser Liebe, wenn man sie denn so nennen möchte, tatsächlich „nichts“ machen?

Es wäre interessant gewesen, wenn man dieses Verhältnis zwischen Hero und Claudio etwas tiefer ausgearbeitet hätte. Stattdessen kämpft Konstantin Rasanis als Claudio mit den zwei Seiten einer Medaille, die sich schwer zusammenfügen wollen: da ist der selbstbewusste Soldat und Held, der großspurig seine Liebe kundtut, und doch an dem Punkt, wo seine Schattenseite auftaucht, die nämlich, dass er jedem seine Lügen abnimmt, bereitwilllig seiner Braut kein Wort glaubt. Hier wirkt er schwach und sein Misstrauen, das wütend klingen könnte, weicht einer klagenden Verzweiflung, die schon depressive Züge annimmt. Fast bekommt man Mitleid mit Rasanis Claudio. Die Versöhnung mag dadurch am Ende sogar glaubhafter erscheinen, aber dann drängt sich doch die „romantische Komödie“ wieder in den Vordergrund, der kritische Aspekt dieser „Doppelhochzeit“ verschwindet in der allgemeinen Freude.

Das Schöne an Shakespeare-Stücken ist ja, dass man ihnen unterschiedliche Schwerpunkte verleihen kann. Als romantische Komödie hat Ruppert einen unterhaltsam-witzigen Abend geschaffen, bei dem sicherlich jeder seine Lieblingsszene gefunden hat.

Rebecca Telöken

Kreativität ist der BUSC nicht fremd, wenn Benedick mit Rollbrett durch den „Hafen“ paddelt. Foto: (c) Nin Reckermann