Das El Dorado der Zukunft: Auf der Suche nach dem blauen Gold


LaClinícA feiert Premiere in der Brotfabrik Bonn

Die Vielfalt der Bonner Brotfabrik zeigt sich vor allem in ihren Theatergruppen. Neben mehreren englischsprachigen Theater-Truppen gibt es auch ein spanischsprachiges Ensemble. Eine richtige kleine Besonderheit und willkommene Abwechslung.

LaClínicA wurde 2007 an der Uni Bonn gegründet und begrüßt sowohl Menschen mit spanischer Muttersprache , als auch diejenigen, die Spanisch als neue Sprache (lieben) gelernt haben. In ihren Stücken widmen sie sich meist zeitgenössischen gesellschaftlichen Themen, ihre Texte erarbeiten und schreiben sie selbst.

In ihrer neusten Produktion mit dem ungewöhnlichen Titel „Sin Cepillo de Dientes“, was übersetzt „Ohne Zahnbürste“ bedeutet, geht es um dem Thema Wasserknappheit. Welche Rolle Zahnbürsten dabei spielen, verraten wir später.

Bevor es also um die Zahnbürsten geht, führt uns das Stück in eine Klinik in eine Stadt namens Fuente Antigua. Dort treffen einige Besucher aufeinander, u. a. eine junge Frau namens Helen (Susanne Koloska), die dort ist, um Blut zu spenden. Wobei spenden das falsche Wort ist, denn es ist ein Tauschgeschäft. Für ihr Blut erhält sie im Gegenzug BitCoins. Diese digitale Währung braucht sie, nicht für sich und auch nicht für ihre Familie, sondern um die Polizei zu bestechen.

Weiß was sie tut: Anabel. Foto: (c) Ull Galíndez

Ihr Schicksal ist nämlich eng mit den dunklen Machenschaften des Wasserkonzerns ANPA verbunden. Sie war eine hervorragende Schwimmerin mit dem Potenzial, zu den Besten zu gehören. Aber nachdem ihr Dorf an den mächtigen Wasserkonzern verkauft wurde, wurde nicht nur ihr Schwimmbad stillgelegt, sondern auch ihre Familie umgesiedelt – in die Wüste, wo sie, man kann es sich kaum vorstellen, verdursten musste.

Helen sinnt auf Rache und ihr Freund will ihr dabei helfen. Damit er nicht verhaftet wird, schmiert sie die Polizei mit dem Geld aus ihrem verkauften Blut. Während sie in der Klinik darauf wartet, an die Reihe zu kommen – derweil scannt eine Krankenschwester schon einmal den Chip in ihrem Arm mit allen wichtigen Daten – trifft sie zuerst auf den Podcaster Cristóbal (Daniel Sebastián Galvis), der auf der Suche nach dem legendären Ort El Azulado ist. Eine Art Paradies, in dem es Unmengen an Wasservorräten gebe. Diese würden die Wasserknappheit auf der Welt beenden. Er schreibt häufig an seinen toten Bruder Briefe. Dieser starb im Krankenhaus, seine Todesumstände geben Rätsel auf.

Nach der Begegnung mit Cristóbal trifft Helen auf eine weitere wichtige Figur im Stück. Grace (María Fernanda Lozano Gacha), ein Model, das für ANPA arbeitet, erscheint mit ihrer Fotografin, die die Klinik als Fotospot ausgewählt hat, zur Gestaltung einer Werbekampagne. Ihre Sympathien für das leidende Volk sind recht gering ausgeprägt. Dafür sorgt sie sich mehr um das Wohl ihres Zahnarztes Andrew (Jürgen Baltrusch), der vor allem für ihr strahlendes Lächeln zuständig ist. Dieser steht am Bühnenrand, lang, düster, seine Augen sind von einer Sonnenbrille verdeckt. Zwielichtig wirkt er, seltsame Andeutungen macht er, bleibt jedoch im Hintergrund. Beobachtet.

Wie eng die Schicksale dieser Personen miteinander verwoben sind, werden die vier erst später erfahren. Im Hintergrund laufen nämlich Ermittlungen, weil ein Geschäftsführer von ANPA ermordet worden ist und die Motive und der Mörder erst nach und nach aufgedeckt werden.

Mangel macht gierig, aber an diesen Koffer kommt keiner so schnell dran. Foto: (c) Ull Galíndez

Bei alle dem wird deutlich: Wassermangel ist das Thema des Abends. Das Wasser als immer wertvoller werdender Rohstoff ist mittlerweile hart umkämpft und zur teuren Handelsware geworden. Viele haben nicht einmal mehr das Geld, um sich das Wasser zum Rasieren leisten zu können. Jeder Tropfen scheint mit Gold aufgewogen zu werden. Im Kampf um die knappen Ressourcen wird jede und jeder zur Konkurrenz der anderen.

Gleich zu Beginn wird dies deutlich, wenn eine Gruppe von Bauern, die Strohhüte tief ins Gesicht gezogen, zunächst gebeugt im Kreis hocken, einander unversehens anfallen, niederringen und berauben – es herrscht Mangel und da ist sich jeder selbst das nächste. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte: Die Menschen werden in ihren Interessen vereinzelt, können niemandem mehr vertrauen und agieren nicht miteinander, sondern gegeneinander. So wird deutlich, wie ein großer Konzern alle korrumpiert – von der Politik über die Wissenschaft in Form von Anabel (Olga Cruz), die Gefälligkeitsgutachten erstellt, bis zu einzelnen Bürgern.

Folgerichtig der Appell am Ende des Stückes: Jeder einzelne (von uns) ist dafür verantwortlich, muss dafür eintreten, dass solche Zustände nicht Wirklichkeit werden.

Das Regieduo Lavinia Rütten und Jürgen Baltrusch inszenierte das global auftretende Phänomen zunehmender Wasserknappheit und den im Laufe der Jahre härter werdenden Kampf um die Vormacht des Besitzes von Wasser wie einen Krimi. Erst nach und nach werden die Beziehungen der Personen deutlich, Geheimnisse aufgedeckt.

Unterstützt wird der erzählende Part von profund recherchierten Fakten, die über Südamerika weit hinausreichen. Es wird deutlich, dass das Risiko einer verheerenden anhaltenden Dürre auch Regionen von Deutschland bereits erreicht haben, wie etwa die Lüneburger Heide, die droht, ein ebenfalls unbewohnbarer Ort zu werden. Die Gefahren und Krisen, die in den heißen Südländern bereits deutlich zu spüren sind, werden auch vor Mitteleuropa nicht Halt machen. Das Stück ist eine Warnung vor naiven Vorstellungen von der unendlichen Ressource Wasser. Wer in letzter Zeit Radio gehört hat oder sich mit dem allen Internetnutzern zugänglichen Bodentrockenheitsmonitor auseinander gesetzt hat, wird feststellen, dass das Stück eine erschreckende Aktualität besitzt.

Die Zahnbürsten stehen dabei für ein zukünftiges Luxusgut, da die Herstellung einer einzigen ordinären Plastikzahnbürste ungefähr 15 bis 30 Liter Wasser verbraucht und deren Plastik etwa 1% des im Meer schwimmenden Plastikmülls ausmacht. In der Zukunft ist also selbst Zähneputzen fast nicht mehr möglich, wenn man das entsprechende Kleingeld nicht hat. Sie ist das Mahnmal einer ausgebeuteten Welt.

Als Gruppe sind sie stark. Foto (c): Ull Galíndez

Der Kampf und das Drama um die Ressource Wasser birgt ein hohes Potenzial für Emotionalität, welches auf der Bühne allerdings nicht immer vermittelt werden konnte. Hier hätten die Schauspieler*innen noch etwas mehr aus sich herauskommen können. Die Körpersprache wirkte bisweilen unsicher, es fehlte die letzte Energie der Wut und der Verzweiflung.

Ausnahmen waren hierbei María Fernanda Lozano Gacha als Grace und Olga Cruz als Anabel. Vor allem letztere ist ein wahres Energiebündel auf der Bühne. Mimik, Intonation und Körpersprache springen die Zuschauer geradezu an. Gacha hingegen konnte die Selbstverliebtheit der Grace, die in Unsicherheit und Hilflosigkeit umkippt, als sie merkt, dass sie mit ihren sonstigen Waffen Schönheit und Vermögen nicht punkten kann und erkennt, dass auch sie nur eine Marionette im System des übermächtigen Konzerns ist, voll ausspielen.

Susanne Koloska hätte die Helen als von Rache getriebene Schwester und Tochter noch etwas entschiedener spielen können. Wo es ihr an Rachegelüsten mangelte, brachte sie an anderer Stelle die Erfahrung von Verlust und Trauer im Interview mit Cristóbal aber überzeugend rüber.

Daniel Sebastián Glavis als Cristóbal und Träumer war auch eher zurückhaltend, obwohl auch ihn ein tragisches Schicksal ereilte, in Gestalt seines Bruders, dem er regelmäßig Briefe geschrieben hat, bis dieser in besagter Klinik verstarb, trifft dadurch aber gut den Ton eines Journalisten, besonders in den zwischendurch eingespielten Off-Tönen.

Für jedes Ensemblemitglied gab es eine Rolle, wenn sie auch bei einigen mit weniger Text verbunden war. Sogar Regisseurin Lavinia Rütten und Regisseur Baltrusch hatten Auftritte. Sie war die Krankenschwester, die Helen betreut, Baltrusch Graces geheimnisvoller Zahnarzt Andrew.

Adriana Cruz mimte die Fotografin von Grace. Veronika Rödel und Estera Doriana Muhaila hatten keine feste Rollenbezeichnung, erinnerten aber an Wachpersonal. Wie die Türsteher mit dunklen Sonnenbrillen und vor der Brust verschränkten Armen „begrüßten“ sie das Publikum als Türsteher, so dass man bereits beim Betreten des Zuschauerraums ein bedrückendes und überwachtes Gefühl bekam.

Die stärkste Performance des Abends ist sicherlich diejenige, die den Titel des Stücks seinen Tribut zollt: Dort stehen alle Schauspieler*innen aufgereiht am Bühnenrand und tun minutenlang nichts anderes, als sich ohne Wasser die Zähne zu putzen. Ja, sie putzen sich tatsächlich die Zähne. Und es gibt nichts großartigeres, als in der gespannt Stille des Zuschauerraumes das unregelmäßige Geräusch von Bürstenköpfen auf Zähnen zu hören und dabei zu beobachten, wie viele verschiedene Arten des Zähneputzens es doch gibt. Irgendwann wird ein Spuckeimer herumgereicht, der ausgiebig befüllt wird. So saubere Zähne hatte wahrscheinlich noch keine Theatergruppe während ihres Auftritts.

Die Ausstattung der Bühne spiegelte das Thema wieder: das Licht der Scheinwerfer reflektierend, hingen viele Plastikflaschen von der Decke, zwischen ihnen viele Zahnbürsten. Dass gegen Ende die Spieler*innen nach diesen haschten, sich streckten und wanden, war zwar schlüssig, aber vielleicht ein wenig vorhersehbar. Vollkommen überraschend hingegen waren die am Schluss gerappten Plädoyers – kein Spieler ließ es sich nehmen, noch einmal zu coolen Beats ein Statement abzugeben. Hier kamen viele dann doch aus ihrer Haut heraus.

Wer fürchtet, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse den Stücken der LaClínicA fern bleiben zu müssen, kann beruhigt aufatmen: wie zuletzt bei der BUSC laufen die Untertitel am Rande der Bühne mit, so dass man mit halben Augen der Übersetzung des mündlichen Geschehens folgen kann.

Rebecca Telöken

Die kleinen Dinge im Leben verursachen oft die größten Übel. Foto:(c) Ull Galíndez