Wie kann man sich erinnern wie soll man sich erinnern kann man sich erinnern?

Rechercheprojekt TREIBGUT DES ERINNERNS auf der Werkstattbühne

Schweigend sitzt in der Werkstattbühne Schauspielerin Lena Geyer mit schulterlangem Haar und halb runterhängenden Baggiehose im Schatten der Zuschauerplätze. Ob sie einen Jungen oder ein Mädchen darstellen soll, ist unklar, aber auch unwichtig. Sie verkörpert die Jugend. Sie beobachtet eine Frau, die mit ihrem roten Lackrock und den imposanten roten Stöckelschuhen, der Haartolle und Leopardenoberteil wie ein Relikt aus den 80er Jahren wirkt (Alois Reinhart) und einen Mann (Timo Kählert) mit Bart, strähniges Haar in grünem Jogginganzug, der die dreißig bereits überschritten hat (Kostüme: Melina Poppe). Vielleicht sind wir in den 90ern oder Anfang der 2000er – vielleicht sind wir auch einfach in Berlin Marzahn. Ist das eine Familie oder ist es eine Person in drei Lebensaltern?

Hinter ihnen erhebt sich, einer Mauer gleich, in die Jahre gekommene Archivboxen. Eine Plane hängt noch an einem Ende herab, als habe man diese erst vor kurzem dort weggezogen. Scheinbar wird etwas in diesen lange unbenutzten Erinnerungskästen etwas gesucht.

Nachdenken über die eigene Sterblichkeit? Alois Reinhardt als Matrone.
Foto: (c) Ana Lukenda

In ruhigem Erzählton berichten die drei von Erinnerungen, mal grausam, wenn es z. B. um frühe Kindheitserinnerungen geht, in denen das Kind bei rebellischem Verhalten gegen seinen Willen immer weiter umarmt wird – Festhaltetherapie nannte man das. Die Erinnerungen können auch lustig sein, wenn von einer WG-Party berichtet wird, in der der Erzähler Probleme beim Gebrauch einer Bierbong bekommt. Doch selbst dort schwingt ein Hauch Traurigkeit, Melancholie und Verlorenheit mit. Gibt es denn keine glücklichen Erinnerungen?

Die drei suchen und sortieren aus. Irgendwann wird klar, dass es nicht allein um das Erinnern an sich geht, sondern um einen konkreten Menschen „Martin“ – der gestorben ist. Ehemann, Vater, vielleicht auch ein Freund oder Bruder. Die Wichtigkeit des Erinnerns wird im Moment des Verlustes plötzlich zu einem unermesslichen Wert. Doch genau hier tritt die Angst hinzu: Erinnerungen sind oft verfälscht, das Hirn löscht sie – Alltäglichkeiten werden schneller gelöscht als ein Unfall. Man vergisst Stimmen und, je nach Alter, auch Gesichter.

So stellt sich für jeden Verschiedenen unweigerlich die Frage, ob das, was die Hinterbliebenen weitergeben, überhaupt wirklich seiner Person entsprochen hat. Der Tote verliert die Kontrolle darüber, wie man sich an ihn erinnert. Was bleibt, ist das kollektive Gedächtnis der Hinterbliebenen. Die Zuschauer befinden sich in der schwierigen Lage zugleich viel von diesen Erinnerungen zu erfahren und doch auch ausgeschlossen zu sein. Erinnerungen sind eben auch etwas sehr Persönliches. Ob, das was wir von den Erinnerungen mitgeteilt bekommen stimmt, kann niemand entscheiden.

Eine andere Seite bildet der Umgang mit der Trauer. In einer schönen Szene zieht Alois Reinhardt Karten aus einer über ihn offenen Archivschrank. Auf den Karten stehen Kommentare von Youtube-Nutzern. Diese meldeten sich anlässlich eines vom erzählenden Ich eingestellten Songs, der sowohl traurige als auch freudige Erinnerungen hervorrufen kann. Warum macht man seine Trauer öffentlich? Die Kommentare zeigen mitunter Mitgefühl, aber auch Phrasendrescherei und Unverständnis. Ist das öffentliche Teilen von Trauer im Socialmediabereich tröstend?

TREIBGUT DES ERINNERNS ist ein leises Stück, das nur in wenigen hingetupften Momenten die ganze Frustration um die entgleitenden Erinnerungen Luft macht – es ist vorwiegend das jüngste Ich, die Jugend, das am wenigsten mit dem Vergessen umgehen kann, was sich besonders gut in dem Satz: „Ich bin von meiner Sterblichkeit hart gestresst“ ausdrückt. Auch das geflügelte Wort „Erinnern heißt vergessen“ von Christoph Schlingensief wird mantra-artig immer wieder wiederholt, wer dessen Bedeutung nicht kennt, hat zumindest ein ungutes Gefühl denn die beiden Begriffe stehen normalerweise konträr.

Hier könnte man kritisieren: Trotz vieler wichtiger und guter Hinweise auf die Probleme der Erinnerungskultur, steigt das Stück nicht tiefer in diese ein. Sie lassen das Problem für sich stehen. Dies tut es auch zu der Frage des Umgangs mit Trauer, besser: des Zulassens von Trauer ein. Das Stück beschränkt sich vor allem auf die kommentarlose Sammlung von Erinnerungen und Stimmungslagen. Diese werden durch einfühlsame Toneinspielungen (Dimitrij Uvagin) und melancholischer Musik à la Edith Piaf (Azhar Syed) sowie Lichteffekte, die mal in warmen Wellen, mal kalt und gedämpft daherkommen, untermalt. In der Dunkelheit des Gedächtnisses oder der Trauer versuchen sie, etwas Heimat und Ruhe in den aufgewühlten Gemütern zu vermitteln (Licht: Ewa Górecki).

Alois Reinhardt, Timo Kählert und Lena Geyer (v.l.n.r.) versunken in ihren Erinnerungen im Schatten der ungeöffneten Archivschränke. Foto: (c) Ana Lukenda

Durch seine Unaufgeregtheit schafft Regisseurin Verena Regensbuger eine absorbierende Atmosphäre, die bedrückt und nachdenklich stimmt. Das Stück spiegelt die Erfahrung eines jeden Menschen, spielt mit Bewältigungsstrategien und verwirft sie zugleich. Trauer muss man zulassen, ist die Botschaft des Abends und für die Verarbeitung gibt es kein Patentrezept. Die zurückhaltende Spielart, die von allen Darsteller*innen gut durchgehalten wird, entspricht dem sensiblen Thema. Aufreger Themen wie, ob es weniger traurig ist, wenn ein alter oder sehr kranker Mensch stirbt als ein junger und gesunder werden zwar emotional vorgetragen, aber nicht ausdiskutiert. Stattdessen werden Zitate übereinander gelegt – eben wie wenn sich verschiedene Erinnerungen überlappen und eine Trennung nicht mehr möglich ist.

Regensburgers Projekt ist eine zarte Studie, der man im Stillen folgt, dem aber ggf. doch ein kleines bisschen mehr Biss an der ein oder andere Stelle gutgetan hätte. Es ist dennoch ein lohnenswerter, kurzweiliger Abend, der nach der Vorstellung noch zum Austausch anregt.

Rebecca Telöken

Die nächsten Spieltermine: 11.5. / 15.5. / 25.5. / 28.5. /5.6. / 15.6. /21.6. / 5.7. (letzte Aufführung)

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