„Ich möchte mehr als nur eine Geste sein!“

(Vorschaubild: (c) Thilo Beu)

Am 8. Juni 2017 feierte der Jugendclub mit dem Werk EIN STÜCK VON MIR unter Leitung von Inga Waizenegger Premiere.

Ein namenloser Autor (Simon Sonntag) befindet sich auf der Suche nach  Inspiration für einen neuen Charakter. Verzweifelt versucht er einen noch leeren „Kasten“, eine noch unbekannte Idee mit Leben zu füllen und in einem Maße zu gestalten, wie er es mag und wie er es braucht. Was er nicht weiß: Es gibt zahlreiche Charaktere, die bereits für andere Geschichten erdacht wurden. Diese Figuren – Randfiguren, Nebencharaktere – sind bereits fertig gestaltet, benutzt und scheinbar ausgeschöpft. Sie stehen in der Ecke und hoffen auf ihre Chance, mehr aus sich zu machen. Sie wollen mehr sein als nur eine Geste, mehr als ein Winken oder ein strahlendes Lächeln, das einmal über die Bildfläche wandert und danach wieder verschwindet – aus den Erinnerungen der Zuschauer gestrichen, gefangen durch ihre aufgezwungene Eindimensionalität und Stumpfheit.

(c) Thilo Beu

So begehren die namenlosen Figuren allmählich auf, machen den Autor auf sich aufmerksam, bitten um eine Chance, eine Wiederaufnahme, sie sehnen sich nach Ruhm und Akzeptanz, aber viel wichtiger ist für sie die Freiheit, aus sich zu machen, was SIE wollen. Ein Autor mag sie geschaffen haben und nicht mehr in ihnen sehen, als er will – aber sie sind dennoch da, und in ihnen schlummern Fähigkeiten, die herausbrechen wollen, die ihnen Form und Charakter verleihen. Sie haben es verdient, dass über sie geschrieben wird. Sie sind bereit, dass die Welt sie endlich kennenlernt. Und so brechen die Figuren aus ihren Käfigen, manche zögernd und ängstlich, manche wild und vorpreschend.

„Ein Stück von mir“ orientiert sich an dem Motiv des Filmes Der Club der toten Dichter aus dem Jahr 1989. Die Fragen  „Wer bin ich?“ und „Was mache ich aus mir?“ stellen sich nicht nur die heranwachsenden Internatsschüler des Filmes , sondern an alle Jugendlichen, die auf ihrem Weg zum

(c) Thilo Beu

Erwachsenwerden hin und wieder gegen Mauern rennen und sich immer wieder fragen müssen, was sie eigentlich wollen. Während der Lehrer John Keating im Club der toten Dichter seine Schüler zur Mündigkeit führt, erkennen die namenlosen Nebenrollen aus EIN STÜCK VON MIR durch das verantwortungslose Handeln des Autors und sein bekennendes Desinteresses an ihnen, dass sie selbst handeln müssen. Sie stellen sich über die Norm, begehren auf und lieben sich selbst, schätzen das, was sie in sich langsam erwachen spüren. Und dabei merken sie, dass diese Freiheit nicht nur rosige Aussichten bereithält. Sie weckt auch neue Ängste, Unbekanntes, neue Hürden, denen man sich nun stellen muss.

Die Inszenierung von Inga Waizenegger erinnert zu Beginn sehr stark an Ausdrucks- und Tanztheater. Noch ehe die ersten Sätze gesprochen werden, rennt der Autor in seinem Wahn, endlich einen neuen Charakter zu schaffen auf das Lied Lillies in the Valley von Jun Miyake über die Bühne, was vor allem durch den Tributfilm an die Tänzerin Pina Bausch bekannt geworden worden ist. Man erkennt eindeutig seine Schreibblockade, unter der er sich quält und die er bis Ende des Stückes nicht loswird. Auch während des Stückes gibt es mehrere Momente, in  denen die Spieler hektisch rennen, ihre Zerrissenheit nicht nur verbal, sondern auch physisch darstellen und ihren inneren Kampf zeigen.

EIN STÜCK VON MIR ist ein Schauspiel über das Erwachsenwerden, von der Freiheit des Individuums und der Liebe zu sich selbst. Es regt an, kritisch zu hinterfragen und wünscht den Nebenrollen die Kraft, sich so zu entfalten, wie sie es verdient haben.

 

Tabea Laufenberg

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