Club der toten und lebenden Dichter

(Vorschaubild (c) Mari(am) Gabatashvili-Braun)

Am 9. Juni fand in den Kammerspielen ein Dead-or-Alive-Spezial der Poetry Slam-Reihe RAUS MIT DER SPRACHE des Bonner Theaters statt. Unter der gewohnten Moderation von Quichotte und Ingo Piess traten im Wechsel vier lebende Poeten gegen vier verstorbene Dichter an, die von Schauspielern des Bonner Theaterensembles verkörpert wurden.

Von den als Totengräber und Skelett maskierten Moderatoren als erste Kandidatin ausgelost lieferte Theresa Hahl aus Hamburg den ersten Auftakt zu dem lyrischen Wettkampf. Sie präsentierte eine nahezu philosophisch anmutende Auseinandersetzung mit dem Thema „Distanz“, im Zuge derer sie betonte, dass diese oftmals von den Menschen selbst erschaffen wird, während es sich bei der vermuteten Diskrepanz tatsächlich oftmals um „luftleere Löcher“ handelt. Menschen stehen sich viel näher, als sie es ahnen oder vielleicht wahrhaben wollen. Die junge Frau wurde von der siebenköpfigen Publikumsjury als Resultat der Stärke des Zuschauerapplauses mit 37 von 50 möglichen Punkten bewertet – einem soliden Startergebnis.

(c) Mari(am) Gabatashvili-Braun

Der zweite Beitrag stammte von Kurt Schwitters alias Wolfgang Rüter vom Bonner Theater. Bei ihm ging es inhaltlich zunächst um Konventionen und um die Frage, ob das Leben den Charakter verdirbt; anschließend folgten Schwitters dadaistische Ursonate, ein weiteres Gedicht und ein zweiter prosaischer Text. Die Zusammenhanglosigkeit zwischen den einzelnen Literaturfetzen, in Thema wie Gattung, sowie Rüters markante Hörspielstimme überzeugten das Publikum: Er wurde mit 42 Punkten ausgezeichnet.

Friedrich Herrmann aus Jena leitete seinen Vortrag auf lockere und humorvolle Art ein, womit er das insgesamt überwiegend jugendliche Publikum direkt merklich auf seiner Seite hatte. Seine Texte „Trennungshilfe“ und „Tagträume“ riefen mit Witz, schamloser Ehrlichkeit und Parodie allerseits bekannter Alltagssituationen schallendes Gelächter im Zuschauerraum hervor, was sich in Jubel und Applaus sowie in einer Bewertung mit 46 Punkten niederschlug.

Als letzte Teilnehmerin der ersten Slam-Runde sorgte Ilse Aichinger, gespielt von Lara Waldow, mit dem Prosatext Wo ich wohne für Irritation. Das permanente nervöse bis hysterische Auflachen und das mit Wiener Dialekt geschilderte – reale oder doch fiktive? – Erlebnis der Sprecherin, bei dem sie sich offenbar in ihrem Wohnhaus verlaufen hat und plötzlich nicht mehr wusste, in welcher Etage sie Zuhause ist, löste Verwirrung aus: Steht die Erzählerin unter Drogen? Ist sie betrunken? Oder ist sie psychisch krank? Trotz der fesselnden schauspielerischen Leistung Lara Waldows wurde diese lediglich mit 33 Punkten dotiert, dem schwächsten Ergebnis des Abends.

Den Auftakt der zweiten Startrunde lieferte Sebastian 23, der sich in seinem Text „Gesprochene Verbrechen“ humoristisch mit dem Thema Sprache auseinandersetzte. Den inhaltlichen Aufhänger für den Vortrag lieferte ein Date-Szenario. Selbstreflektiert über die eigene Kindheit scherzend und unter Einbringung von Exkursen ins Niederländische, Dänische und in den lyrischen Dadaismus erkämpfte sich Sebastian 46 Punkte.

Mareike Hein sorgte als Raumpflegerin Wilhelmine, eine fiktive Figur des Autorenduos Nolte Decar, für gute Unterhaltung. Wie die Moderatoren anfangs erklärten, handelte es sich hierbei um einen Ersatzvortrag für eine andere verhinderte Poetin, jedoch füllte Mareike Hein die Lücke nahtlos. In russischem Akzent bekam das Publikum die komische Geschichte einer Frau zu hören, die sich nichts Schöneres  vorstellen kann, als für Geld zu putzen, „leider“ aber sonderbegabt ist und – freilich ohne es zu wollen – im Schlaf Opern komponiert, Chemieformeln prägt oder einen neuen Stern entdeckt. 38 Punkte wurden an die lebensfrohe Wilhelmine vergeben.

(c) Mari(am) Gabatashvili-Braun

Als vorletzter Kandidat thematisierte der Frankfurter Florian Cieslik „Masken“: Er stellte die Frage an sich und an alle Menschen, wann wir endlich einmal wieder echt sind und unsere Maskerade fallen lassen, die wir uns angeeignet haben, um nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden – wann wir aufhören, „Ferkel, als coole Sau getarnt“ zu sein und unser wahres Gesicht zeigen. Mit 47 Punkten erreichte Florian die Höchstpunktzahl des Abends.

Abschließend betrat Franz Kafka alias Daniel Gawlowski die Bühne. Nach einer kleinen persönlichen Anekdote über seine eigene Kindheit in Bayern setzte der Schauspieler den „Kafka-Blick“ auf, um daraufhin dessen Erzählung Der Bau zum Besten zu geben. Die Vorstellung fand guten Anklang beim Publikum, sodass Franz Kafka schließlich neben Kurt Schwitters, Friedrich Herrmann und Florian Cieslik ins Finale gewählt wurde. Wie auch die Moderatoren feststellten, ein reines Männerfinale – und zudem eines, in das die vier verbliebenen Kandidaten überwiegend durch Comedy gelangt waren. Die Endkonstellation ergab sich letztlich auch durch die eigens für das Slam-Spezial aufgestellte Regel, dass jeweils pro Runde der beste lebende und der beste tote Poet ins Finale einziehen sollten.

Im Finale wurde allein per Publikumsapplaus über die Leistungsstärke der Teilnehmer abgestimmt. Kurt Schwitters erntete mit anderen Texten, aber demselben Konzept wie zu Beginn folgend erneut begeisterten Beifall, Friedrich konnte mit einer teils nachdenklich lebensreflektierenden, teils humorvollen Überlegung zum Thema „Das erste Mal“ punkten. Nach Florians Vortrag „Prometheus“, der eine satirische Symbiose aus griechischer Mythologie und Insidern der Moderne bildete, wirkte Franz Kafkas Herzschmerz-Ballade eher schwach. Anders als bei vorangegangenen RAUS MIT DER SPRACHE-Slams fiel die Entscheidung für einen Sieger dem Publikum anschließend leicht: Mit lautem Applaus wurde Friedrich Herrmann zum Gewinner des Dead-or-Alive-Spezials gekürt.

(c) Mari(am) Gabatashvili-Braun

Insgesamt war der Abend sehr unterhaltsam – nicht zuletzt aufgrund einer Zauberer-Einlage, die als Überraschung in der zweiten Halbzeit platziert war und in deren Mittelpunkt eine magisch zum Leben erweckte Schreibtischlampe stand. Auch die Moderatoren führten souverän durch den Abend und wenn einmal ein vermeintlicher Lacher nicht die gewünschte Wirkung erzielte, sorgte das Jazz-Quartett im Hintergrund direkt für Auflockerung. Sehr schade war es, dass die Kammerspiele gerade einmal zur Hälfte besucht waren. Die Veranstaltung hätte definitiv einen vollen Saal verdient – und vermutlich sogar gebraucht: Zwar ist es absolut zu begrüßen, dass viele Schüler und junge Erwachsene den Weg zum Slam gefunden haben, jedoch schienen auch gerade aufgrund deren deutlicher zahlenmäßiger Überlegenheit humorvollen Slam-Beiträgen bessere Chancen eingeräumt zu sein, als den seriösen und philosophischen Diskursen. Anspruchsvollere Texte ernteten an diesem Abend im Durchschnitt weniger Punkte – es stellt sich die Frage, ob ein größeres und alterstechnisch heterogeneres Publikum die Statistik anders hätte ausfallen lassen. Dann hätten womöglich auch die Vorträge der weiblichen Kandidaten mehr Erfolg gehabt, etwa jener von Theresa Hahl, der ein Thema behandelt hat, das nicht zuletzt in politischer Hinsicht höchst aktuell ist und des Gehörtwerdens und Bedenkens bedarf.

Antonia Schwingen

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