„Ich möchte wie das Meer sein, nicht wie der Teich, der ich bin!”

(Vorschaubild (c) Theater Bonn)

Nachbesprechung zum Weltfrauentag im Theater Bonn

Die Lesung „Wie ein Hund ohne Leine“, die anlässlich des Weltfrauentags am 8. März.2017 in der Werkstatt besucht werden konnte, kombinierte Texte bekannter Frauen in einer interessanten Inszenierung. Die Schauspielerin Mareike Hein und die Regieassistentin Silvana Mammone gaben den verschiedenen Frauen- und Männerrollen ein Gesicht.

 

Ich bin Feministin. Und ich finde, jeder sollte Feminist sein – ob man es nun so nennt oder nicht. Im Wesentlichen geht es dabei um Gleichberechtigung, um Freiheit und Abschaffung von Vorurteilen, wie die Schauspielerin Emma Watson zuletzt so schön sagte. Zu „Wie ein Hund ohne Leine“ging ich also schon als Feministin. Man musste mich nicht erst überzeugen oder provozieren.

Ich bin allerdings auch Ästhetin. Und die Texte, die dem Zuschauer bei „Wie ein Hund ohne Leine“ geboten wurden, waren meiner Meinung nach teilweise eher abstoßend und deprimierend.  Ich bin mit der Erwartung dort hingegangen, dass die Frau gefeiert wird, sei es als Künstlerin oder als Muse oder einfach ganz generell. Und ja, es wurden hauptsächlich Texte von tollen Frauen vorgetragen: Siri Hustvedt, Tracey Emin, Frida Kahlo, Colette und viele andere. Es wurde viel über sexuelle Befreiung gesprochen.  Es wurde aber vorwiegend über das fremdbestimmte Bild der Frau gesprochen, das Idealbild der Frau von einigen Männern: die Frau als dem Mann dienenden Sexroboter.  Es wurde eine 13-Jährige erwähnt, die Sex mit einem Typen hat, der viel älter als sie ist und sie nur „Bitch“ nennt. Ein Ausschnitt von Tracey Emins Buch „Strangeland“ wurde vorgelesen, in dem sich die Protagonistin selbst verschandelt. Ich konnte teilweise nicht mehr hinhören, habe eine richtige Gänsehaut bekommen. Man hat diesen Passagen so viel Zeit gewidmet, rund 10 Minuten wurde über einen Mann schwadroniert, der sich in seinem Keller Gummipuppen baut – die „perfekte“ Frau. Ich persönlich hätte mir einfach mehr Zeit und Mühe für die Darstellung der schönen Seiten des Frau-Seins gewünscht. Trotzdem muss man anmerken, dass besonders Schauspielerin Mareike Hein die Texte hervorragend vortrug. Man kaufte ihr die Darstellung der genervten Ehefrau genauso ab wie die des Künstlers Diego Rivera.

 Es steht außer Frage, dass das Erreichen echter Gleichberechtigung  ein immer noch andauernder Prozess ist, dass Sexismus und Missbrauch im Leben vieler Frauen allgegenwärtig sind und dass man das auch auf keinen Fall vergessen darf und immer weiter dafür kämpfen muss, dass es eben irgendwann nicht mehr so ist. Ein Feminismus, der sich allerdings nur in Texten ausdrückt, die abschrecken, anekeln und überfordern,  ist aber keineswegs förderlich dafür. Am Mittwochabend ging es nicht nur zu wenig um die Rechte der Frau, es ging meiner Wahrnehmung nach genauso wenig um die Frau an sich. Man sollte die Frau feiern, für ihre Schönheit, ihre Intelligenz, ihre Kreativität, ihre Güte. Es gibt so viele tolle Frauen, und gerade am Weltfrauentag hätte ich es wunderbar gefunden, als eine Art  Geschenk oder Tribut an sie alle, möglichst viele von ihnen in den Mittelpunkt des Abends zu stellen. Mit Texten, die Frauen in ihrer Differenziertheit und Vielfalt zu Wort kommen lassen und  mit Texten von Frauen, die nicht nur vom Negativen handeln. Einfach, um ein wenig Licht in diese von Donald Trump und dem IS zerrissene Welt zu bringen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der anderen Frauen (und auch Männern!) wieder Mut macht.

Phyllis Akalin

Die Frau als solche wurde in der Lesung nicht wie befürchtet idealisiert: Körperliche Behinderungen oder sogar das komplette Versagen einiger Frauen wird nicht negiert. Frau ist nicht gleich Frau – und das wurde in der Lesung besonders deutlich.

So wurde beispielsweise die Geschichte einer Frau erzählt, die durch absolute Entspannung den ultimativen Orgasmus erfährt, aber auch von einer anderen, die ihren Mann beim Vergnügen mit diversen Sexpuppen beobachtet. Eine weitere Frau kommt mit ihrem Leben absolut nicht zurecht und lebt in ihrem eigenen Abfall, während die Nächste so groß und bedeutend sein möchte wie das Meer.Die Unterschiede zwischen den Frauen wurden durch die verschiedenen Kostüme, die Hintergrundmusik und diverse Medien (Schrift an der Wand, Video, Tonaufnahme, Interview) herausgestellt. Allerdings wurden diese teilweise zu stark eingesetzt, sodass man sich als Zuschauer oft entscheiden musste, ob man nun dem Video zuschauen, dem Tonband lauschen oder doch das Schauspiel der beiden Frauen beobachten soll. Es war einfach unmöglich, die komplette Lesung zu verfolgen.

Außerdem schien mir die Lesung leicht sexistisch. Während Frauen in ihrer vollen Bandbreite dargestellt wurden, sind, laut der Lesung, alle Männer unwissend und halten Frauen für Objekte, die nur zu ihrem Vergnügen existieren. Milde Kritik an einigen männlichen Eigenarten kann nicht schaden, aber dass kein einziges positives Männerbeispiel aufgeführt wurde, fiel doch sehr auf. Des Weiteren gibt es meiner Meinung nach passendere Themen, die am Weltfrauentag aufgegriffen werden könnten als das Unwissen der Männer über die tierische Klitoris. Dieses Thema sollte sicherlich dem Publikum klar machen, dass auch Frauen ihre sexuellen Wünsche äußern dürfen, da Männer oft keine Ahnung von diesen haben; aber ob das Formen einer Klitoris aus Ton oder eine Werbung für eine Handy-App zur oralen Befriedigung von Frauen diese Botschaft vermittelt, ist doch fragwürdig.

Nichtsdestotrotz passten die Lesungsinhalte insgesamt zum Weltfrauentag. Ohne es direkt auszusprechen, wurde den Frauen nahegelegt, sich niemals auf ihr Äußeres oder ihren Besitz zu reduzieren oder reduzieren zu lassen, das unmögliche Verhalten anderer Menschen nicht auf sich sitzen zu lassen, und auch mal Entscheidungen zum eigenen Wohl zu treffen, selbst wenn sie von der Gesellschaft nicht anerkannt werden – wie zum Beispiel eine Abtreibung.

Dies sind Wegweiser, die auch in unserer vergleichsweise fortgeschrittenen Gesellschaft für viele Frauen noch von großer Bedeutung sein können.

Jael Keck

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