Zivildienst, Tinder und Paragraphen

(Vorschaubild (c) Antonia Schwingen)

Am Abend des 25. Mai ging der RAUS MIT DER SPRACHE-Poetry Slam in der Schauspielhalle Beuel in die 13. Runde. Unter der Moderation von Quichotte und Die Lange Eminenz präsentierten acht junge Poeten und Poetinnen ihre Texte und wurden – wie üblich – von einer aus dem Publikum ermittelten Zufallsjury bewertet.

Nach einer beeindruckenden Beatbox-Einlage mittels Loopstation durch den Musiker Dad´s Phonkey erklären die Moderatoren die Regeln eines Poetry Slams, den sie als „freundschaftlichen Dichterwettstreit“ definieren. Etwas zäh ist die Einführung – auch dürfte mittlerweile, nach nunmehr 12 Slams innerhalb der vergangenen Jahre, das System bekannt sein.

Bevor das Publikum unruhig wird, betritt der erste Wettstreiter die Bühne: Oscar Malinowski aus Aachen bekennt sich mit seinem Text „Kaugummiautomatenromantik“ dazu, wieder Kind sein zu wollen. Er weckt die Erinnerung der Zuhörer mit seinen Berichten von Erlebnissen, die jeder aus seiner Kindheit bzw. Jugend kennt und mit denen sich somit jeder identifizieren kann. Oscar erntet wohlwollenden Applaus und eine Bewertung von 30 Punkten.

Es folgt der Kölner Tobias Engbring, der auf einfühlsame und nachdenkliche Art über das Wesen der Sprache philosophiert. Mit seiner sehr ruhigen und bedächtigen Stimme sowie prägnanten Aussagen, liefert er ein Kontrastprogramm zu seinem auf Comedy setzenden Vorgänger. „Was hättet ihr ohne mich geschafft?“ lässt er die Sprache in seiner Rede fragen und schlussfolgert, dass Sprache uns von den Affen unterscheidet, dass Sprache uns Menschen miteinander verbindet. Die Message ist deutlich, Tobias wird mit 32 Punkten bewertet.

Nils Frenzel, ebenfalls aus Köln, bringt das Publikum zum Brüllen vor Lachen, als er aus seiner Zeit als Zivildienstleistender erzählt. Seine Methode, die Anwesenden auf seine Seite zu ziehen, gleicht der von Oscar: Angereichert mit Klischees und bestätigten Vorurteilen sorgt Nils für hohes Identifikationspotenzial – vielerorts im Publikum sind zwischendurch gemurmelte Kommentare wie: „Genau so war das bei mir damals auch!“ zu hören. Mit 31 Punkten ausgezeichnet, verlässt Nils die Bühne.

(c) Antonia Schwingen
(c) Antonia Schwingen

Mit der vierten Teilnehmerin, Henrike Klehr aus Düsseldorf, wird die Stimmung im Raum mit einem Mal bedrückend. Die junge Poetin beschreibt aus der Ich-Perspektive, wie ein junger Mensch die allmähliche Veränderung des Vaters erlebt, die von Schusseligkeit, Unzuverlässigkeit und Unzurechnungsfähigkeit geprägt ist. Erst nach und nach wird klar, dass es hier um einen Erkrankungsprozess geht, der den Sprecher bzw. die Sprecherin emotional ungemein verwirrt und frustriert. Das Publikum ist von der Erzählung und Vortragsweise einstimmig sehr berührt – Henrike erhält beachtliche 36 Punkte.

Eine zweite Gesangseinlage durch Dad´s Phonkey, nun in Opernstil aber nicht minder überzeugend, läutet die Pause ein und lockert die Atmosphäre. Den Zuschauern ist ein Moment Ruhe gewährt, um die bisherigen intensiven Eindrücke nachwirken zu lassen. Somit kann frischen Geistes in die zweite Halbzeit des Slams gestartet werden.

Den Auftakt macht Marvin Ruppert aus Marburg . Er stellt sich selbst als: „29 Jahre und 21 Monate alt“ vor und befasst sich auf humoristische Weise mit dem Thema Liebe. Hierbei schneidet er diverse Klischees an, beispielsweise die gerade unter Studierenden – von denen sich viele im Publikum befinden – benutzte Single-App „Tinder“, aber auch komplexere Sujets, wie die die monogame Beziehung im Kontrast zum Sexualkontakt zu mehreren Partnern wird thematisiert. Marvin bezeichnet sich selbst als unentschlossen hinsichtlich der Wahl einer langfristigen Partnerin, womit er offenbar vielen Menschen aus der Seele spricht. Wie bei Henrike vergibt die Jury 36 Punkte.

Der nächste Beitrag stammt von Theresa Hahl aus Bochum. Sie kündigt direkt zu Beginn an, sich regelmäßig „über die Welt auszukotzen“. Neben vielen klaren Aussagen, wie dem Einsatz für Pressefreiheit und dem Mokieren über gesellschaftliche Zurechtweisungen nach dem Motto „sowas darf man doch nicht sagen“, tritt in diesem Vortrag eine gewisse Schwammigkeit zutage, die leider die finale Message nicht deutlich werden lässt. Mit einer Bewertung von 28 Punkten bewegt sich Theresa fernab ihrer Mitstreiter.

Maximilian Humpert aus Köln gelingt es, in seinem Vortrag das Thema Trennung satirisch aufzubereiten. Auch er spielt mit Alltagsklischees und bringt das Publikum zum Johlen mit Kommentaren wie: „Ich verstehe vieles nicht. Warum tut man überhaupt Fisch zwischen die beiden frittierten Hälften bei Fischstäbchen? Knusperstäbchen wären doch viel besser! Warum gewinnt mein vierjähriger Neffe immer im Memory gegen mich? Und warum sind eigentlich Matratzengeschäfte IMMER an großen Verkehrskreuzungen?!“ Maximilian erhält für seinen Vortrag 34 Punkte.

Abgeschlossen wird die erste Slam-Runde von Samuel Kramer aus Offenbach. Samuel konstatiert direkt zu Beginn seines Auftrittes, für ihn gebe es nur zwei Arten von Menschen: Die einen lernten das BGB auswendig, die anderen das Dschungelbuch. Aus beiden zitiert der junge Poet: es geht um Regelkonformität, die Wahrheit und die ‚Verurteilung des Publikums zu ewigem Nachdenken auf Bewährung‘. Samuel hinterlässt ein perplexes, verwirrtes und zugleich tief beeindrucktes Publikum – man fühlt sich geradezu dumm angesichts der Wortgewalt und des hellen Intellekts, mit dem Samuel seinen Text präsentiert. Er erhält die bisherige Höchstzahl von 39 Punkten.

Hiermit stehen vier Finalisten fest: Tobias Enbring, Henrike Klehr, Marvin Ruppert und Samuel Kramer machen sich für die zweite Runde bereit. Nach einer dritten Einlage von Dad´s Phonkey, diesmal mit latein-amerikanischer Musik und kleinen satirischen Anklängen gespickt („Donald Trump, don´t fear the Mexicani!”), betritt Tobias zum zweiten Mal die Bühne. Sein Text „Das Monster unter dem Bett“ beginnt mit der Beschreibung des besagten Monsters aus Kindertagen. Nun ist das lyrische Ich jedoch erwachsen und betrachtet die unschuldigen, doch vom Monster unterm Bett immer bedrohten, Kinder auf den Spielplätzen. „Ich wollte mit den Kindern spielen“, mit den „blonden Zöpfen“, erklärt er. Man bekommt den unangenehmen Eindruck, es mit einem Pädophilen zu tun zu haben, und kurz darauf bestätig er diesen auch: Nach vielen Besuchen bei Ärzten und eingenommenen Pillen, die die Lüste eindämmen sollen, kommt er zu der Erkenntnis: „Ich, Monster, bin in meinem Körper gefangen. Ich bin das Monster unter dem Bett.“ Er beendet seinen Vortrag mit einer überraschenden Bitte um Verständnis – Pädophilie sei erst dann gefährlich, wenn man seine Triebe tatsächlich auslebt, bis zu diesem Zeitpunkt seien die Pädophilen selbst Opfer ihrer Krankheit. Gegen Ende betont er, dass die Inspiration für diesen Text aus einem anonymen Leserbrief stammt und nicht vom Schreiber selbst. Tobias erhält beeindruckten Applaus, jedoch mit höchst unbehaglichem Beiklang.

Es folgt Henrike mit dem Text „Laubblattbatallion“, in dem sie sich über den alttäglichen Trott des Lebens beschwert, aus dem der Mensch zu fliehen versucht, und ihm letztendlich doch erliegt. Manchmal packe sie der Drang zu verschwinden, aus einer normalen Verabredung eine unvergessliche Aktion zu machen, vielleicht illegal zu sein, nur um dann die Antwort zu bekommen: „Also, ich hatte jetzt eigentlich eher an einen gemütlichen DVD-Abend gedacht…“ Dabei seien gerade die Erinnerungen an besondere Momente die Dinge, die einen tatsächlich aus dem alltäglichen Trott kommen ließen. Henrikes Vortrag ist sehr ausdrucksstark, sie bewegt sich über die Bühne, gestikuliert mit ihren Armen, lacht, schreit, lebt ihren Drang nach Freiheit aus, um letztendlich mit hängenden Schultern vorm Mikrofon stehen zu bleiben und fatalistisch anzumerken, dass der Alltag nun mal „Alltag“ heißt, weil er jeden Tag gleich ist, und dass man ihm nicht entfliehen kann.

Die bedrückte Stimmung lockert sich, als Marvin erneut die Bühne mit einer höchst realistischen, aus dem Leben gegriffenen Anekdote betritt. Er erklärt, dass der folgende Text zu seiner Reihe „Traurige Liebesgeschichten aus meinem Leben“ gehöre. „Tanz!“ heißt sein Text und ist nach einer Aufforderung seiner Freundin benannt, der er nur äußerst ungern nachgehen will. „Tanz!“ bedeutet so viel wie „Sei doch mal spontan!“, „Leb dich doch mal richtig aus!“, „Du bist immer so passiv!“ Nun hat die Freundin zufällig bald Geburtstag, also soll sie bekommen, was sie will – einen spontanen Freund. Aber wie? Die beste Art, das herauszufinden, ist natürlich ihr Tagebuch zu lesen: Die Vorstellungen der Freundin verstören den Poeten sehr, aber für die Liebe tut man doch bekanntlich alles. Also blamiert er sich über alle Maße und bekommt als Dank: „Du liest mein Tagebuch?! Ich wusste es, das war ein Test! Ich würde doch niemals so etwas ernsthaft gut finden!“ Die humorvolle Art und Weise Kommunikations- und sämtliche andere Probleme einer Beziehung darzustellen, kommt bei dem Publikum, das während des Vortrages bereits in schallendes Gelächter ausbrach, gut an. Samuel verknüpft etwas eigentümlich verschiedene Themenkomplexe miteinander und glänzt durch sein Talent, ellenlange, höchst anspruchsvolle Sequenzen auswendig und fließend vorzutragen, sodass dem Zuschauer Hören und Sehen vergeht. Samuel spricht in verschiedenen Zusammenhängen über einen Baum, beschreibt eine Party und fragt am Ende ins Publikum: „Wo ist meine Meinung?“ Wie schon in seinem ersten Vortrag lässt Samuel perplexe Zuhörer zurück und als der Applaus beginnt, merkt man: Viele klatschen, weil sie es einfach nicht verstanden haben. Sie wissen wohl, dass das eine Glanzleistung war, alles irgendwie zusammenpasst, tiefe Aussagen und Kritiken enthalten sein müssen – nur leider auf einem so hohen Niveau und gleichzeitig so schnell vorgetragen, dass man kaum Gelegenheit hatte, nach bereits drei Stunden aufmerksamen Zuhörens, bei einem derart anspruchsvollen Thema noch mitzuhalten.

In der zweiten Runde wurden keine Punkte vergeben, damit jetzt das gesamte Publikum per Lautstärke entscheiden kann: die Poeten treten nacheinander vor und erhalten ihre Rückmeldungen. Bald wird klar, dass es ein Stechen zwischen Henrike und Samuel geben muss – und dieses Stechen gewinnt eindeutig und verdientermaßen Samuel.

Der letzte Slam vor der Sommerpause wird am 17.06.2016 in Bad Godesberg in den Kammerspielen (!) aufgeführt, da es in den kommenden Monaten Umbaumaßnahmen in der Halle Beuel geben wird. Trotzdem ist es absolut empfehlenswert, sich einmal einen unterhaltsamen und abwechslungsreichen Abend zu gönnen, es ist garantiert für jeden etwas dabei!

Antonia Schwingen & Tabea Laufenberg

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