„Keinem Fremden gefällt es!“

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Mirja Biel und Johanna Vater bauen „Das Schloss“ in den Kammerspielen auf

Mirja Biels Inszenierung „Das Schloss“ nach Franz Kafka, an dessen Fassung die Dramaturgin Johanna Vater mitwirkte, feierte am 10. Juni Premiere in den Kammerspielen Bad Godesberg und ist die letzte Premiere der Spielzeit 2015/16.

Der Name Kafkas scheint bei den meisten Leuten mit sehr hohen Erwartungen verknüpft zu sein. Man rechnet wohl mit etwas Absurden, Grotesken, mehr kann man nicht sagen.

Der Protagonist, K., ein Landvermesser, wurde angeblich von höchster Stelle – dem Grafen persönlich – in sein Schloss bestellt. Als er im Dorf ankommt, weiß niemand davon, seine Anstellung sei ein Fehler bzw. der Antrag längst veraltet und durch die undurchsichtige Bürokratie erst jetzt ausgeführt worden, heißt es später. Die Dorfbewohner begegnen ihm mit Skepsis und Misstrauen. Er bekommt eine Anstellung als Schuldiener und beginnt ein Verhältnis mit Frieda, die eigentlich die Geliebte des Schlossangestellten Klamms ist, das ihn damit im Ansehen der Dorfbewohner noch weiter sinken lässt. Er darf nicht ins Schloss, kann keinen Kontakt zu seinen „Vorgesetzten“ aufnehmen und ist nicht in der Lage, die verworrenen Wege zurückzuverfolgen, die zu seiner angeblichen Anstellung als Landvermesser geführt haben. Ein Ende hat der Roman nicht.

Biehls Stück spielt auf einer runden Drehbühne, die von Schnee bedeckt ist. Eine blaue Leuchtreklame zeigt den Namen des Schlossherren „Westwest“, sie wird scheinbar willkürlich ein und ausgeschaltet. Ein Schloss existiert nicht, die Schauspieler erblicken es nur schemenhaft im Zuschauerraum. Es stehen zwei Häuser auf der Bühne. Ein kleines Kassenhäuschen, das das Gasthaus „Herrenhof“ darstellen soll und ein nicht weiter zu identifizierendes Wohnhaus, das nach der Pause von der Bühne verschwunden ist. Anfangs werden die Schauplätze „drinnen“ und „draußen“ des Stückes noch klar von den Figuren bespielt, verschwimmen diese Grenzen im Verlauf des Abends. So stehen die Schulbänke plötzlich mitten im Schnee.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Die Atmosphäre ist am Anfang sehr einnehmend, beklemmend und wie eingefroren, allerdings trägt dieses Gefühl nicht den ganzen Abend, man erwartet vergeblich einen Stimmungswechsel, der für Kontrast sorgen würde. Geschichte und Gefühle scheinen in den ersten 20 Minuten erzählt zu sein, danach wiederholt sich alles, die Witze eingeschlossen.

Viele Elemente sind für den Zuschauer nicht greifbar und unverständlich. So beispielsweise ein Bär, der völlig aus dem Nichts auftritt und mit K. zu kuscheln scheint. Auch der Moment, in dem der Wirt des Herrenhofes plötzlich das gleiche Kostüm trägt wie die Wirtin und als ihr „Spiegelbild“ auftritt, will keinen tieferen Sinn haben.

Warum wird die Geschichte Olgas, der Tochter eines Boten namens Barabas, die an K. Von Anfang an Gefallen findet, erst ganz zum Schluss aufgegriffen? Die Erzählungen dieser Figur scheinen keinerlei Auswirkungen, keine Funktion zu haben. Das Stück läuft einfach darüber hinweg. Warum dann erzählen? Fragwürdig ist auch das Ende der Inszenierung, als zwei „Yeti“- ähnliche Gestalten auftreten und um den schlafenden K. herum tänzeln. Man erkennt keine Intention, das Gezeigte wirkt nur verwirrend.

Vielleicht ist das der Grund, warum das Ende nicht als solches erkannt wird, das Publikum ist irritiert und will nicht klatschen, dann gibt es doch vereinzelt Applaus, der wieder abnimmt. Erst, als Hajo Tuschy sich verbeugt, ist klar, dass dies das Finale war.

Ein humorvolles Licht ins Dunkle bringt Daniel Breitfelder, welcher die beiden Gehilfen K‘s, Artur und Jeremias, eine anscheinend gespaltene Persönlichkeit, hervorragend verkörpert. Eine ähnliche kindliche Verwirrtheit und absurde Persönlichkeit, wie er bereits als Andrej in „Drei Schwestern“ gezeigt hat, die das Publikum zum Lachen bringt.

Einen absoluten Hingucker und ebenfalls einen Kontrast bietet außerdem Benjamin Grüter als Momus, der K die ganze Verworrenheit seines Auftrags darlegt. Er ist unterhaltsam, witzig, ein absoluter Bürokrat und eine Parodie auf jeden Beamten der seine eigene Persönlichkeit nur noch in Aktenordnern wiederfindet.

Die Szenen dieser Figuren bringen Abwechslung und lockern auf, während der Rest des Stücks seine Längen hat.

Man fragt sich, wo es hinführt, wobei man nicht vergessen darf, dass Kafka seinem Roman keinen Schluss gab weswegen die „große Pointe“ natürlich

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

ausbleibt und das Ende dramaturgisch sicherlich eine große Herausforderung dargestellt hat.

Mirja Biehl erzählt uns die Geschichte von einem verzweifelten, verwirrten Landvermesser, einer desillusionierten Dorfgemeinschaft, die eine ferne, kaum existente Bedrohung fürchten muss. Das Stück ist düster und verwirrend, wer nicht weiß, worum es im Roman geht, kann nur schwer folgen.

Man versteht Biehls Ideen oft nicht, weiß nicht, was sie in Kafkas Romanvorlage hineindeutet. So nimmt man aus ihrem Stück lediglich die Geschichte mit, die erzählt wird, nicht mehr und nicht weniger.

Camilla Gerstner

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