Merkwürdige Gestalten, Speckkäfer und der Tod

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Das Schauspiel Bonn präsentiert „Draußen rollt die Welt vorbei“

„Das Leben ist ein wilder Ritt von einem Höhepunkt zum andern“, philosophiert die Protagonistin Nelly (Laura Sundermann) des Stücks „Draußen rollt die Welt vorbei“ auf der Werkstatt-Bühne. Nelly findet ihr Leben toll. Was will man mehr als Pizza und Fernsehen? Doch als ihr Pizza-Karton mit der Stimme ihres Bruders zu sprechen beginnt, rafft sie sich auf und stattet ihrem Bruder Franz, den sie nicht besonders mag, einen Besuch ab. Es könnte schließlich sein, dass er endlich den (nicht näher definierten) Schatz ihrer Kindheit gefunden hat.

Franz wohnt in einem „Private House“ mit einigen merkwürdigen Gestalten zusammen. Da ist die alte Schriftstellerin Adele Napf-Günsterloh (Ursula Grossenbacher), die von sich behauptet, Geister von Toten zu sehen, und ihre Tochter He (Julia Keiling), die die große Liebe sucht. Außerdem wohnen dort der ehemalige Clown Herr Schreck (Bernd Braun) und der strenge Hausverwalter Max Mogul (Robert Höller). Alle Charaktere sind auf

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

ihre Weise einsam und unglücklich mit ihrem Leben, doch Franz, der selbst nie in Erscheinung tritt, hilft ihnen. Er geht mit He ins Kino, kommuniziert mit Adele, lässt sich von Max Mogul bedienen und lacht über Herrn Schrecks Witze. Schade nur, dass Franz in Wirklichkeit tot ist und seine Leiche schon ewig in seinem Zimmer verrottet.

Die Speckkäfer, die durch den Toten angelockt werden, rufen den Kammerjäger Kleinmann (Alois Reinhardt) auf den Plan. Der ist erst misstrauisch, verliebt sich dann aber so Hals über Kopf in He, dass er alles andere vergisst. Als Nelly in das Mietshaus kommt und nach Franz sucht, versuchen die Bewohner alles, um Nelly davon abzuhalten, die schreckliche Wahrheit zu erfahren. Nelly selbst stellt sich auch nicht sonderlich geschickt an, sie missversteht alle Andeutungen und bleibt so ahnungslos. Erst als Adele in Ohnmacht fällt, wird Franz‘ Leiche durch Zufall gefunden. Nelly fällt geschockt ebenfalls in Ohnmacht und kommuniziert in dieser „Zwischenwelt“ mit Adele über Wahrheit und Tod. Währenddessen tritt Franz mit den übrigen Hausbewohnern in Kontakt: Er freut sich, dass zu seinem Geburtstag alle zusammen gekommen sind. Schließlich stirbt Adele und Nelly erwacht.

Phyllis Akalin

Ernste Themen unter dem Deckmantel der Komödie

Ein Drunter und Drüber, ein Hin und Her – schlichtweg ein riesiges Chaos bietet LukasLinder dem Zuschauer auf der Bühne mit seiner Komödie. Unglückliche Charaktere philosophieren über das Leben, den Tod, Realität und die Einsamkeit. Zwischen den komischen Momenten und Dialogen, die das Stück vorantreiben, verbergen sich ernste Themen. Schnell wird klar,: die Diskurse kommen aus unserer Gesellschaft und werfen Fragen auf, über die man als aufmerksames Mitglied dieser Gesellschaft auch ein zweites Mal nachdenkt.

Die Bewohner des Privat-House präsentieren dem Zuschauer eine besondere Art des Zusammenlebens: Sie sind verantwortlich für den jeweils anderen und doch unterstehen alle den strengen Regeln des Aufsehers Max Mogul. Alles und jeder wird beobachtet, kontrolliert und bei regelwidrigem Handeln sofort zurechtgewiesen. Für jeden gilt: „Der moderne Hausbewohner ist unsichtbar, er verschwindet hinter den Ansprüchen der anderen.“

Alleine wegen der Kontrolle und der Beschwerden untereinander, stehen die Hausbewohner ständig in Kontakt und sprechen miteinander. Trotzdem leidet jeder einzelne von ihnen unter Einsamkeit. In der Gesellschaft des Privat-Houses wird zwischen all den Zankereien vergessen, Freundschaft zu schließen.

Linder überspitzt hier eine Problematik, die vielen nicht fremd sein wird: Anonymes Zusammenleben. Wohnt man in einer Stadt, so kann man meist eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus sein Zuhause nennen. Tür an Tür lebt man mit anderen Menschen und kennt diese kaum. Während die eigenen vier Wänden bestenfalls Wohlfühlort und Zuhause sind, findet auf der anderen Seite der Wand, oder unter bzw. über einem, ein anderes Leben statt. Diese Nähe zählt jedoch nicht – wahrgenommen wird allein die Wand zwischen beiden Leben. So bleibt der Nachbar das, was er ist: ein Fremder von nebenan. Es ist also kein Wunder, dass Herr Schreck oder Max Mogul über Einsamkeit klagen, obwohl sie ständig mit ihren Hausbewohnern in Kontakt treten.

Den Gedanken der Einsamkeit weiterführend, zeigt Linder in seinem Stück mehrere Methoden, mit ihr umzugehen. Nelly hat sich mit ihrer Einsamkeit nicht nur abgefunden, sondern angefreundet. Sie führt ein Leben zwischen Pizza-Schachteln und dem Fernsehprogramm und scheint damit vollkommen zufrieden zu sein. Erst das Bekenntnis ihres Zwillingsbruders Franz am Ende des Stücks, lässt ahnen, wie weit es mit Nellys

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Zufriedenheit her ist: „Ich habe die Einsamkeit geliebt, so lange sie mir nicht aufgezwungen wurde“, gibt Franz zu. Die Schriftstellerin Adele flüchtet deswegen in andere Realitäten. Sie tritt in Kontakt mit Toten und hat somit ihre unsichtbaren Gesprächspartner und Freunde, die sie über die Realität hinwegtrösten. Realitätsnah lebt stattdessen Herr Schreck. Er reflektiert ganz klar über seine Situation: Jeden Morgen backe er einen Kuchen, um dann festzustellen, dass er niemanden habe, mit dem er ihn essen könne. Seine Lösung ist der Strick. Der Freitod macht ihm jedoch Angst und so bleibt jeder Selbstmordversuch eben nur ein Versuch. Sei es die Flucht in die Medienwelt, in andere Realitäten oder in den Tod, sie wird den Zuschauern in allen Fällen nicht als Ideallösung zur Bekämpfung von Einsamkeit dargestellt.

Nachdenklich stimmt auch eine Szene am Ende des Stückes, bei der eine chinesische Weisheit präsentiert wird: „Menschen sind alle grotesk und vergessen, dass sie es sind. Sie sind geschminkt und wissen es nicht mehr.“ Ein weiterer Angriff auf den Menschen in der modernen Gesellschaft. Sind wir wirklich wir, oder nur das Abbild gesellschaftlicher Normen? Kleiden wir uns, wie es uns gefällt oder weil es Mode ist? Vertreten wir eine Meinung nur, weil diese allgemeinen Konsens erfährt? Noch viele weitere Fragen lassen sich zu diesem Thema stellen und noch viel mehr Antworten bzw. Diskussionen darauf finden. Wichtig ist jedoch, dass das Stück dem Zuschauer einen Spiegel vorhält und ihn zu solchen Grübeleien bringt.

Sofia Grillo

Kein Höhepunkt in Sicht – Ein Kommentar von Phyllis Akalin

„Das Leben ist ein wilder Ritt von einem Höhepunkt zum Andern“, philosophiert Nelly. Ich muss widersprechen. Das Stück selbst ist nicht gerade als ein Höhepunkt zu bezeichnen, weder im Leben der fiktiven Figuren noch im Leben des Zuschauers. Es versucht, zu viel auf einmal zu sein: lustig, traurig, absurd, lethargisch. Diese verschiedenen Einflüsse verursachen eine sehr merkwürdige Atmosphäre. Dem Zuschauer wird viel Freiraum für Interpretation gelassen und es gibt nur wenig Handlung. Der Autor Lukas Linder will die großen Themen ansprechen: Tod, Einsamkeit, der Sinn des Lebens. Doch aufgrund der absurden Atmosphäre sticht die Ernsthaftigkeit dieser Themen genau so wenig heraus wie Linders Botschaft. Auch das Ende bleibt unklar. Soll mit dem lieblos in den Raum geschmissenen Wort „Lokomotive“ noch einmal die Absurdität des Seins betont werden? Oder ist dem Autor einfach kein richtiger Abschluss eingefallen? Das wäre verständlich, denn die ganze Zeit über wird nicht ganz klar, worauf das Stück hinauswill, wohin die Handlung führen soll. Man kann jetzt sagen: „Das ist halt realistisch, ein kleiner Ausschnitt aus dem wirklichen Leben!“, aber das Stück an sich ist vollkommen absurd. Lassen sich diese Absurdität und die schonungslose Realität miteinander vereinbaren? Vielleicht. Aber Lukas Linder hat das – meiner Meinung nach – nicht geschafft.

Ein Abend voller Höhepunkte – Ein Kommentar von Sofia Grillo

Die Fülle an Emotionen, Eindrücken und Worten, mit denen Linder den Zuschauer in seinem Stück fast schon bombardiert, hat mich sehr fasziniert. Mit seinen Dialogen und Figuren schafft er eine skurrile Situation nach der anderen. Schnell wird klar: das Stück will übertreiben und zwar auf allen Ebenen. Die Geschichte trat für mich eher in den Hintergrund. Viel mehr beschäftigten mich die Themen, Ansichten und Phrasen, die die einzelnen Figuren behandelten. Die Fragen über den Tod, die Traurigkeit über die Einsamkeit oder die Überlegungen über den Menschen in der modernen Gesellschaft brachten tausende von Gedanken auf den Weg, die mich auch noch nach Ende des Stücks beschäftigten. Genau das macht für mich die Qualität eines guten Theaterstücks aus. Das Stück schafft es durch die Überspitzung von Problematiken, unserer Gesellschaft einen Spiegel vor die Augen zu halten. Der Zuschauer soll über sich selbst, das Leben usw. nachdenken. Genau dazu wird er mit dem Stück gezwungen, denn Entspannung ist unmöglich. Dadurch, dass Linder die Themen in einen komödiantischen Rahmen packt und viele Momente schafft, bei denen man sich das Lachen nicht verkneifen kann, bleibt das Stück leicht verdaulich und der Zuschauer kann selbst entscheiden, wie viel er Grübeln möchte.

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