Kokain – Schundliteratur wird zu Theaterclubbing

Das Leben eines Lügners und seiner Urne voll Koks

(Vorschaubild (c) Suske/Tuschy)

Das Foyer der Werkstatt Bühne ist klein.

Cocaine funktioniert auf engem Raum, manche Leute stehen an der Bar, die erste Reihe sitzt direkt an der niedrigen Bühne. Eine Musikanlage, einige Instrumente, eine Leinwand, eine Kamera und ein Tisch.

Es herrscht eine gewisse Spannung, eine Unsicherheit, wann es denn nun los geht. Schon zu Beginn des Abends sind die Grenzen zwischen Theater und Realität schwammig.

Ein gut gelaunter Hajo Tuschy begrüßt die Zuschauer, während sein Kollege der Musiker Jacob Suske auf der Bühne einen weichen Klangteppich ausbreitet.

Cocaine, nach dem gleichnamigen italienischen Roman von Pitigrilli erzählt die Geschichte des jungen Tito Arnaudi, der aus Liebeskummer seine Heimat verlässt und nach Paris geht, um als Journalist zu arbeiten. Die französische Hauptstadt in den 1920er Jahren fasziniert und betört den jungen Mann, er beginnt ein Verhältnis zu einer schönen Witwe, erfindet und lügt vorsätzlich in seinen Artikeln und gerät in die Drogenabhängigkeit. Zunächst ist er erfolgreich, doch der Fall lässt nicht lange auf sich warten. Zudem taucht seine Jugendliebe Maud plötzlich in der Stadt auf und er verliebt sich – erneut – in sie, ist hin- und hergerissen zwischen seinen zwei Liebschaften.

Doch Maud prostituiert sich und als Tito das erfährt, verlässt er sie, kehrt jedoch später zu ihr zurück.

Nachdem er festgestellt hat, dass das Leben über das er so viel nachgedacht hat nicht das ist, wonach er sich sehnt, empfindet er den Wunsch zu sterben und begeht letztlich Selbstmord.

Hajo Tuschy spielt in seiner selbst kreierten Inszenierung alle Rollen, wobei er zwischenzeitlich seinen Kollegen, der eine Frauenperücke trägt, als Anspielpartner nutzt.

Doch sein wichtigster Spielpartner ist das Publikum – ganz ohne aufdringlich zu werden.

Der kleine, spärlich beleuchtete Raum wird von ihm voll eingenommen und jede Ecke bespielt. Er scheut keinen Körperkontakt und keine Improvisation, um das Publikum mit einzubinden.

Häufiger steht die Frage im Raum, was davon nun inszeniert und was spontan gewesen ist.

Ganz offensichtlich wird dieses Spiel, als Tuschy/Arnaudi per Handy Pizza bestellt und wenig später ein Pizzabote im Foyer steht, den irgendjemand bezahlen muss.

Die Konfrontation mit der Realität mitten im Spiel.

Wer will, darf gerne auf die Bühne kommen und ein Glas Wodka trinken, doch niemand traut sich.

Der Spieler lässt seine Figur sogar beim Radio den Psychologen Domian anrufen und vertraut ihm sein Schicksal an, die traurige Geschichte von Drogensucht, Liebeskummer und Prostitution.

„Als er das weiße Pulver durch die Nase einsog, hatte er die Empfindung einer aromatischen Erfrischung. Als verflüchtigten sich ihm in der Kehle ätherische Öle aus Thymian und Zitrone…“, schallt es immer wieder durch den Zuschauerraum.

Das Ganze ist eine grandiose Selbstinszenierung, in der ein grenzenloser Hajo Tuschy sich auslebt und eine große Bandbreite an Facetten offenbart. Unter zügellosem Körpereinsatz verwandelt er den Zuschauerraum mitsamt Nebelmaschine in einen kleinen, verschwitzten Techno Club, um gleich darauf wieder auf der Bühne zu stehen und einfach nur witzig und charmant zu sein.

Dabei raucht und trinkt er, Schweißperlen laufen ihm übers Gesicht und er wechselt zwischen Rolle und Erzähler oder realem Ich hin und her, manchmal mitten im Satz.

Gerade noch ist er pathetisch und reißt den Zuschauer mit in Melancholie und Verzweiflung, dann plötzlich redet er wieder wahnsinnig schnell, verhaspelt sich, macht Witze.

Ein Schauspiel, das einfach nicht langweilig wird.

Dabei ist Jacob Suske der Gute, der Ruhepol, der schlaue Kerl an seiner Seite. Ein bisschen wie der bescheidene, aber geniale Sidekick, den jede gute Late-Night-Show braucht.

Er ist Musiker, Spielpartner, Bühnenbild. Hält sich zurück und lässt seine Musik für ihn sprechen.

Diese ist vielseitig, so kommt beispielsweise überraschend eine Klarinette zum Einsatz und fügt sich problemlos in den elektronischen Teppich mit ein.

Mit Worten sind die Klänge, die er produziert, nur schwer zu beschreiben, aber sie sorgen die ganze Zeit über für ein spannungsgeladenes, etwas bedrückendes Gefühl, werden nie zu aufdringlich.

Suske und Tuschy wagen mit Cocaine ein Experiment und es lohnt sich.

Auch wenn das Publikum zunächst eher zurückhaltend reagiert, schafft es Cocaine dennoch, die Grenzen zwischen Realität und Geschichte aufzuzeigen und gleich wieder zu verwischen. Der Zuschauer wird stark gefesselt und in das Geschehen eingesogen. Von selbst einen Schritt in das Stück hinein zu tun, traut man sich nicht sofort. Doch genau das scheint Absicht zu sein, denn das Stück soll das Miteinander und das gemeinsame Erleben eines schönen, interessanten Abends hervor bringen.

„..deshalb versuchen wir mit dem Abend sozusagen aus dem Theater raus zu gehen oder besser gesagt: Das Theater in den Club zu holen. Es soll darum gehen [..] im Club eine Geschichte erzählen zu können“, erzählt Hajo Tuschy in einem Interview.*

Theaterclubbing kann und soll dabei vor allem junge Menschen ansprechen, es löst das obsolete Konzept des „sein Gehirn an der Garderobe abgeben“ – Theaterabends ab.

Und die Geschichte, die Pitigrilli in seinem Roman Kokain erzählt, eignet sich perfekt dafür.

Denn sie handelt von Hoffnung und Hemmungslosigkeit, den Träumereien und Gelüsten eines jungen Menschen in einer großen, romantisierenden Stadt.

„Es scheint viel möglich für die Figuren und die Welt steht den Leuten offen. Ich glaube, das ist etwas, worin man sich als junger Mensch heute gerne wieder entdecken möchte, im Ausprobieren und im ‚das Leben genießen‘. Das ist eine Atmosphäre, die das Paris der 20er Jahre in dieser Geschichte auf jeden Fall gut widerspiegelt“, erklärt Tuschy weiter.*

Die Inszenierung Cocaine ist abwechslungsreich, rasant, emotional und in jeder Hinsicht überraschend. Sie erzählt eine Geschichte, sie zeigt krasse Bilder. Sie unterhält, sie ist musikalisch und zum Schluss auch ein bisschen ekelig. Ein Abend, der Spaß macht, der uns auf eine positive Art und Weise schaudern lässt und sich komisch verwirrend anfühlt.

So sollte Theater sein.

Camilla Gerstner

*Zitat: https://soundcloud.com/radio3fach/cocaine-im-sudpol

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