Helmut Schmidt: Im Deutschem Herbst

 

Die vierte Kanzler-Lesung am Theater Bonn

(Vorschaubild (c) Thilo Beu / aus „Der Kanzler und sein Spion“)

Der zweite SPD-Kanzler löste seinen Vorgänger, Willy Brandt, 1974 ab. Auch nach seiner Amtszeit als Bundeskanzler erfreute er sich großer Beliebtheit. Selbst Generationen, die nach seiner Zeit als Kanzler geboren wurden, kennen ihn, rauchend oder mit einer Zigarette in der Hand, von den Titelbildern seiner zahlreichen Werke.

Am 11 Februar 2016 betritt er, verkörpert von Wolfgang Rüter (Ensemble Theater Bonn), Zigarette rauchend, die Bühne im Foyer der Kammerspiele. Sein Partner ist Giovanni di Lorenzo (Sören Wunderlich), seit 2004 Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit. Schmidt und di Lorenzo kennen sich durch ihre gemeinsame Arbeit bei der Zeit, deren Mitherausgeber Schmidt seit 1983 ist. Trotz Schmidts Abneigung gegenüber Journalisten, lässt er sich einmal mehr auf seinen bewährten Gesprächspartner ein.

Gemeinsam stellen sie sich einem der schwierigsten Momente in der Geschichte der jungen Bundesrepublik: dem Deutschen Herbst und seinen Auswirkungen. Angefangen bei den terroristischen Aktivitäten der RAF, über die Serie von Entführungen prominenter Persönlichkeiten, im Mittelpunkt die Entführung Martin Schleyers. Beleuchtet werden vor allem der Druck und die Schwierigkeiten, vor denen Schmidt stand, und schließlich seine Handlungsmotive und deren Folgen. Schmidt gesteht di Lorenzo: „Im Laufe des Lebens haben mich drei Ereignisse bis in die Grundfesten meiner Existenz erschüttert“. Eines davon sei, „diese monatelange Kette von mörderischen Ereignissen, die mit Hanns Martin Schleyers Namen verbunden bleibt“.

Im Rückblick werden nun die damaligen Ereignisse rekapituliert:

5 September 1977: In der ARD wird das Programm für eine Sondermeldung unterbrochen. Auf den Vorsitzenden der Arbeitgebervereinigung, Hanns Martin Schleyer, wurde ein Attentat verübt. Zwei Polizeibeamte, ein Sicherheitsbeauftragter und sein Fahrer wurden getötet; Schleyer verletzt und entführt. Das Bundeskriminalamt schaltet sich ein, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren.

Reaktion aus Bonn: „Diese Terroristen wollen den demokratischen Stadt und das Vertrauen der Bürger in unseren Staat aushöhlen. Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte reagieren“, so Schmidt noch am gleichen Tag.

6 September 1977: Das Kommando Siegfried Hausner bekennt sich zu dem Anschlag und fordert die Freilassung, sowie die Ausreise von 11 RAF-Terroristen. Danach soll Schleyer freigelassen werden.

Reaktion aus Bonn: „Wir müssen alles tun, um Schleyer zu finden, wir müssen alles tun, um ihn zu befreien. Aber dieses Mittel, also die Freilassung von Mordverdächtigen, die auch wieder morden würden, dieses Mittel müssen wir – und da müssen wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen – klar ausschließen. Ein Austausch kommt nicht in Frage! Der Staat ist nicht erpressbar.“

Die Lage spitzt sich zu. Die Zeit drängt. Ultimatum folgt Ultimatum. Nach 31 Tagen befindet sich Schleyer immer noch in den Händen der Terroristen.

13 Oktober 1977: Eine Linienmaschine der deutschen Lufthansa ist seit dem Nachmittag in der Gewalt von Entführern.

Reaktion aus Bonn: „Es soll sofort ein Spezialkommando hinterher fliegen!“

Die Entführung dient der Bekräftigung der, von der RAF, im Rahmen der Entführung Schleyers, gestellten Forderungen.

17 Oktober 1977: Die entführte Lufthansamaschine ist in Mogadischu, der Hauptstadt von Somalia, gelandet. Die Maschine wird gestürmt, die Geiseln werden befreit.

19 Oktober 1977: Die Entführung Schleyers endet mit seiner Ermordung durch die RAF.

Das Ergebnis: Der Staat ist standhaft geblieben und hat sich als nicht erpressbar herausgestellt.

Rückblickend erklärt Schmidt dazu, dass seine Handlungen von drei wesentlichen Orientierungspunkten geleitet wurden: Alle Entführten lebend zu befreien, die Täter für ihre Taten vor Gericht zu bringen und den Forderungen der Terroristen nicht nachzugeben. Schmidt gibt selbst zu, dass eine gleichermaßen erfolgreiche Erfüllung aller Orientierungspunkte vermutlich illusorisch war. Er zieht das Fazit: „In dieser unausweichlichen Gewissheit hatten wir unsere Entscheidungen zu treffen. Unausweichlich befanden wir uns damit im Bereich von Schuld und Versäumnis […]. Dieses und dieses haben wir entschieden, jenes und jenes haben wir aus diesen oder jenen Gründen unterlassen. Alles haben wir zu verantworten. “

Damit enden Schmidts Reflexionen zu einem bewegten Jahr in der Geschichte der jungen Bundesrepublik. Eine letzte Zigarette rauchend verabschiedet er sich und verlässt die Bühne.

Charlotte Hacker

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