Nachgefragt

 

Das Publikum kommt zu Wort

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Nachdem nun die Premiere von Nathan über die Bühne ist und sich zahlreiche Zeitungen und Kulturnachrichten zu der Inszenierung von Volker Lösch geäußert haben, kommt Nachgefragt – eine Veranstaltung für Zuschauer, ähnlich einem Publikumsnachgespräch. Am 28.2.2016 trafen sich interessierte Theatergänger in den Kammerspielen, um über die Inszenierung zu diskutieren.

Es ist Sonntagvormittag, 11 Uhr. Die Stühle, die vor ein paar Tagen nach der Premiere Du bist meine Mutter dienten, bieten an diesem Tag dem Publikum der Nachgefragt-Besucher Platz. Es sind vorwiegend weiß-graue Köpfe in den Reihen zu sehen, dafür ist es aber auch voll.

Auf dem Podium moderiert die Vorsitzende der Theatergemeinde Bonn e.V. Elisabeth Einecke-Klövekorn die insgesamt eineinhalb Stunden Gesprächszeit. Den Dialog führen Nadja Groß und Elisa Hempel aus der Dramaturgie, sowie Bernd Braun (alias Nathan) und Daniel Breitfelder (alias Saladin und Patriarch) aus dem Ensemble. Volker Lösch, der Regisseur, wurde zwar im Leporello angekündigt, ist aber leider an diesem Tag verhindert. Ein kleiner Wermutstropfen, genauso wie das Fehlen eines Vertreters aus dem muslimischen Chor, aber verkraftbar.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Nach einer kurzen Einführung in das Stück und die Inszenierung beginnt Frau Einecke-Klövekorn mit dem Interview der Beteiligten. Einige Fragen beziehen sich vor allem auf den muslimischen Chor und die Recherche Arbeiten über den Islam in Bonn. Dabei wird unter anderem verraten, dass beispielsweise das chorische Sprechen der jungen Schauspieler einen eigenen Trainer verlangte und es zudem schwieriger ist als es zunächst aussehen mag. Daher ist es unbedingt notwendig, dass die Schauspieler sich vor jeder Vorstellung vorab treffen, um sich „einzusprechen“ – ein interessantes Faktum, das sicherlich nicht allen Zuhörern bekannt war.

Anschließend meldet sich das Publikum mit seinen Gedanken zu Wort. Darunter auch die beliebte und alte Frage: „Warum wird auf der Bühne so viel geschrien?“ Bernd Braun erklärt es mit einem sehr einleuchtenden Bezug zum Inhalt des Stücks: „Wer schreit hat unrecht“. Aber die leise Stimme der Vernunft, die seine Figur des Nathan verkörpern soll, wird nicht mehr gehört. Vor allem jedoch provoziere Geschrei dazu, zurück zu schreien, man wiegelt sich auf, bis es zum Kollaps kommen muss. Obwohl diese Lautstärke vielleicht dem ein oder anderen unangenehm ist, wird auf diese Weise jedoch der Diskurs entfacht, auch wenn das nicht immer dem Klassiker entspräche.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

„Tut es Ihnen nicht leid, dass der Text Lessings so verkürzt wird?“, fragt dann tatsächlich ein Zuhörer die Schauspieler, woraufhin Daniel Breitfelder sehr bestimmt mit „Nein“, antwortet und begründet, dass es auf das wesentliche des Textes ankomme, denn die Worte sollten ja „wohin-führen“. Daher müsse jeder Satz und jeder Gedanke stehen und am besten knackig sein. Sein Kollege Braun bestätigt ihn, auch wenn er betont, dass man sich natürlich daran erinnere, dass man ein Sprechtheater sei, aber hier würde man den Verlust der feinen Zwischentöne dem Gewinn des Diskurses vorziehen. Es sei einfach plausibel.

Des Weiteren möchte ein älterer Herr möchte wissen, welches Konzept hinter der Inszenierung Löschs steckt. Es wären sogar zwei Konzepte, erklären die beiden Dramaturginnen: einerseits ginge es um die Arbeit mit Klischees, die gerade die westliche Welt gegenüber dem Islam hegt, andererseits solle dem Publikum selbst ein Spiegel vorgehalten werden, und zwar in Form des Lehrers. Schließlich scheitere der Lehrer an seiner Vorstellung der Aufklärung, die er zuletzt durch die Nathan-Erzählung erreichen will, da Nathans Ringparabel, die in der ersten Version sogar durch einen Bombeneinschlag unterbrochen wird, für die heutigen gesellschaftlichen Verstrickungen einfach nicht mehr genügt. Lessings Utopie eines friedlichen Miteinanders aller Religionen wäre zwar immer noch gültig, reiche aber nicht mehr aus. Obwohl sie uns in aller Deutlichkeit zeige, wie weit wir immer noch, oder gerade in der heutigen Zeit, von dieser Utopie des friedlichen Miteinanders entfernt sind.

Zu einem späteren Zeitpunkt wird das Thema Utopie wieder aufgegriffen und es wird hervorgehoben, dass die Utopie Lessing, die letzten Endes in der Versöhnung liegt, sich in den Wünsche des Chores wiederspiegelt: eine junge Muslima denkt in der Inszenierung über die Zukunft ihrer Kinder nach und hofft auf eine bessere Zukunft. Dabei trifft es Goethes Zitat, wie eine Dame aus dem Publikum betont, auf dem Punkt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Zum Schluss möchte ich noch den Appell von Elisa Hempel erwähnen, die das Publikum aufforderte, nachdem sie von Tannenbusch und den sehr netten Menschen im dortigen Jugendzentrum gesprochen hatte: „Geht hin (gemeint ist Tannenbusch), seht es euch an, macht einen Laden auf“. Genau das ist der Weg, wie man möglicherweise die sich immer weiter auseinanderlebende Gesellschaft retten kann, denn die Utopie Lessings ist noch lange nicht gestorben.

Rebecca Telöken

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