Nathan – Work in Progress

 

Im Fokus: Der muslimische Sprechchor

( Vorschaubild (c) Antonia Schwingen)

Volker Löschs Proben zur Nathan-Inszenierung laufen auf vollen Touren. Am 22. Januar probte er eine Klassenzimmer-Szene mit seinem muslimischen Sprechchor und dem Schauspieler Glenn Glotz als Lehrer ein. Uns gewährte der Regisseur Einblick – die beste Möglichkeit, die muslimischen Schauspieler besser kennenzulernen!

(c) Daniela Driessler
(c) Daniela Driessler

Mitten in einer Szene wurden wir Zuschauer der öffentlichen Probe zu den Sitzreihen gelassen. Schnell bekamen wir einen Eindruck davon, wie die Theaterproben ablaufen: Wir sahen ein und dieselbe Szene immer und immer wieder, mit minimalen Veränderungen, bis Volker Lösch mit ihr zufrieden war. So wurde beispielsweise ausgetestet, ob die muslimischen Jugendlichen eine Textpassage dem Lehrer zugewandt oder besser zum Publikum blickend sprechen sollen. ,,Sprechen“ war für die Probe ein großes Stichwort. Hier achtete Volker Lösch auf jedes Detail. Verwirrung, Ärger, Provokation, Angst, all diese Emotionen sollten in einzelne Textpassagen gelegt werden. Beim Üben kam es dann auch mal vor, dass der Schauspieler ein einzelnes Wort oder einen Satz fünf bis sechs Mal hintereinander aufsagen musste.

Emotionen sollten vor allem gegen Ende der Szene gezeigt werden. Hier spitzt sich der Konflikt zwischen Lehrer und Schülern zum Thema Religion zu. Es war erstaunlich zu sehen, wie die Schauspieler mehrmals hintereinander, scheinbar ohne Anstrengung, einen Wutausbruch übten. Was uns dabei besonders beeindruckte, war die Präzision des muslimischen Sprechchors. Fast jede Textstelle sagten sie gemeinsam auf, mal nur die männlichen, mal nur die weiblichen und mal alle Schauspieler zusammen. Fast immer stimmte die Synchronisation zwischen Textpassagen und Pausen. Wenn Volker Lösch eine Zäsur aus einer Textpassage herausnahm oder einfügte, wurde auch dies meist sofort perfekt umgesetzt. Gab es mal kleine Fehler, in denen jemand in die Pausen sprach, so waren diese schon im nächsten Versuch behoben.

Die Vorstellung, als Zuschauer Szenen immer und immer wieder sehen zu müssen, mutet vielleicht etwas seltsam oder auch langweilig an, doch das war keineswegs der Fall. Vielmehr war es spannend zu sehen, wie sich einzelne Stellen von jetzt auf gleich veränderten, wenn ein bestimmtes Wort anders ausgesprochen wird oder ein Schauspieler seine Worte mit einer völlig neuen Emotion ausspricht. Man spürte den künstlerischen Prozess der Szene in jeder einzelnen Wiederholung und registrierte augenblicklich die Verbesserungen.

(c) Antonia Schwingen

Glücklicherweise kam direkt nach der Probe einer der muslimischen Schauspieler auf uns zu. Er erzählte, dass die Schulklasse (der muslimische Chor) aus Schauspielern oder Schauspielschülern bestehe, die aus der Umgebung von Köln und Bonn kommen. Weiterhin äußerte er sich zur Inszenierung: „Sie spielt auf zwei Handlungsebenen: Zum einen wird Lessings Originaltext aufgeführt. Ihr habt ja nur diese eine Chorszene gesehen, aber es gibt natürlich auch bei uns einen Nathan, einen Saladin usw. Die Schauspieler der fünf Hauptcharaktere sind aus dem Bonner Ensemble – wir alle (er deutet um sich) sind dagegen extern hinzugezogen worden.“

Ihre Rollen und Szenen gibt es in Lessings Originaltext nicht: Sie spielen eine moderne Schulklasse, die die Lebenslage von Muslimen heute repräsentiert.

Die vorherrschende Frage in Lessings Stück nach der richtigen Religion, die sich vor allem in der bekannten Ringparabel verdeutlicht, spielt nach Ansicht des jungen Mannes auch in der heutigen Gesellschaft eine Rolle. Dies merke man vor allem dann, wenn man als Muslim in einem christlichen Land lebt: „Folgen der Flüchtlingskrise oder IS-Anschläge gehen nicht spurlos an uns vorbei. Im Grunde ist dieses Stück eine Auseinandersetzung mit einem höchst aktuellen und politischen Thema auf literarischer Ebene.“. Und er fährt fort: „Viele der Texte, die wir hier verwenden, sind Interviews, die wir selber gegeben oder mit anderen Muslimen geführt haben. Nichts ist frei erfunden.

Die Ringparabel in Lessings Nathan der Weise fordert die Antwort auf die Frage nach der einen richtigen Religion – Nathan weicht aus, weil er keine Antwort darauf weiß. Doch es geht nicht nur um die Frage, ob es eine richtige Religion gibt, sondern vor allem darum, was es darüber aussagt, dass über diese Frage Krieg geführt werden müssen. Auch heute noch. „Das Stück spielt während eines Glaubenskrieges, und ist nicht das, was in gewisser Weise gerade passiert, etwas Ähnliches?“, fragt uns der Schauspieler.

Die geprobte Szenezeigt, dass Lessings Nathan der Weise in einer erschreckenden Aktualität erkannt und aufgegriffen worden ist, die viele unangenehme Wahrheiten ans Licht bringt. Der junge Chorist ergänzt: „Die Inszenierung ist jedoch nicht nur eine Aktualisierung des Drameninhaltes, also eine Aufforderung zur Toleranz anderer Religionen. Der Regisseur Volker Lösch nutzt das Stück auch dafür, die Muslime in Deutschland zu Wort kommen zu lassen. Es ist unsere Geschichte und wir bekommen an diesem Abend die Möglichkeit, unsere Sicht der Dinge zu veranschaulichen.“

Tabea Laufenberg & Sofia Grillo

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