Im Fokus: Dramaturgie

Nathan der Weise?

Ein Interview mit der Dramaturgin Nadja Groß

(Vorschaubild(c) Thilo Beu)

 Nathan der Weise wird im Theater Bonn neu inszeniert. Das Original von Lessings bildet für diesen Abendden Rahmen, im Mittelpunkt steht die Beziehung der westlichen Welt zum Islam in seinen verschiedensten Extremen: Ein Diskurs zwischen Bonner Muslimen und ein Appell, miteinander zu reden. Ich habe die Dramaturgin Nadja Groß treffen können und mit ihr über die Entwicklung dieser ganz einzigartigen Inszenierung gesprochen.

 theatral: Wie ist die Vorrecherche-Phase in der Dramaturgie abgelaufen?

Nadja Groß:Nachdem wir uns entschieden hatten, das Stück mit einem Laienchor zu inszenieren haben wir erstmal überlegt, wo wir Spieler finden können. und vor allem auch Gesprächspartner, die uns Antworten zu unseren Fragen geben können. Nachdem wir Aushänge gemacht hatten, sind wir auf die Idee gekommen, Sozialarbeiter und Lehrer zu kontaktieren. Durch einen Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung sind wir auf einen Islamlehrer an der Freiherr von Stein Realschule aufmerksam geworden und haben ihn befragt. Dann haben wir Streetworker im Raum Tannenbusch getroffen undsind ins Jugendzentrum des Stadtteils gegangen, wo wir mit offenen Armen empfangen wurden. Das war sehr toll!

theatral: Und daher kommen jetzt auch eure Choristen?

Nadja Groß:Nein – die Idee, das Stück tatsächlich mit Schülern zu machen, haben wir wieder verworfen, da es mit den Probenzeiten nicht passte.Wir haben noch die Univerteiler und private Schauspielschulen angeschrieben, und deshalb besteht unser Chor letztendlich ausStudenten von privaten Schauspielschulen,Spielern mit Jugendclub-Erfahrung und Studenten von der Uni.

theatral: Somit auch eher Bürger mit höherem Bildungsstand?

Nadja Groß:Ja, es sind alles Muslime der dritten Generation, sie sind hier geboren oder bereits sehr früh hergekommen und hier aufgewachsen und zur Schule gegangen.

theatral: Die Vorrecherche umfasste ja nicht nur die Suche nach den Mitspielern, in wie weit habt ihr inhaltlich Stoff für das Stück finden können?

Nadja Groß:Am Anfang wollten wir gerne einen sehr breitgefächerten Querschnitt vom Islam haben, also von liberal bis streng konservativ. Dafür haben wir Texte von verschiedenen Menschen dieses Glaubens gesucht. Im Jugendzentrum waren wir drei- oder viermal und konnten viele Themen ansprechen, wie den persönlichen Glauben, die Einstellung zu Homosexualität, die Scharia und das Grundgesetz. Danach haben wir mit den Proben begonnen und uns entschieden, die Texte doch hauptsächlich aus den Erzählungen der Choristen selbst entstehen zu lassen. Mit denen können sie sich besser identifizieren und somit voll hinter dem stehen, was sie sagen.

theatral: Finden die Texte aus der Vorrecherche jetzt keine Verwendung mehr?

Nadja Groß:Doch, wir haben in dem Stück ja eine Schulklassensituation und einen Lehrer. Diese Lehrerfigur hat aus den Vorrecherchen das Meiste an Material „abbekommen“.

theatral: Nathan wird als Grenzgänger inszeniert – was ist genau damit gemeint?

Nadja Groß:Nathan verkörpert im Drama die Aufklärung. Er hat den schlimmsten Verlust erlitten, den Tod seiner Frau und seiner sieben Söhne durch Christen, und anstatt zu hassen oder sich zu rächenglaubt er uneingeschränkt an das Gute im Menschen und an die Vernunft. Er nimmt den Figuren im Stück ihre Schikanen nicht übel, sondern versucht ihnen unaufhörlich den Gedanken nahezubringen, dass alle Menschen, egal welche Religion sie vertreten, Brüder sind und nur aus dieser Erkenntnis Frieden entstehen kann.

theatral: Beleuchtet das Stück jetzt noch die verschiedenen Glaubensrichtungen oder eher nur die Variationen innerhalb des Islams?

Nadja Groß:Wir haben uns den Islam rausgepickt, da es aktuell so ein wichtiges Thema ist. Immer mehr Jugendliche gehen von den Schulen ab und fahrennach Syrien. Bonn wird in den Medien immer mehr als Salafisten-Hochburg verschrien. Doch für die Nathan-Figur haben wir die jüdische Gemeinde in Bonn besucht und lassen sie im Stück über die aktuelle Situation in Bonn erzählen. Im Ensemble haben wir Schauspieler, die katholisch oder evangelisch erzogen wurden, sodass sie auch etwas von ihrem Glauben in das Stück miteinbringen können.

theatral: Ist aus dem Stück nun eher ein Vergleich oder eine Darstellung der verschiedenen Religionen geworden?

Nadja Groß: Wie wollen hauptsächlich von den Religionen, und deren Einfluss auf das Leben des Einzelnen, erzählen. Es ist ein Zeitdokument. Und soll keine Antwort auf die Frage geben, welche jetzt die Wahrhaftigste ist.

theatral :Ein politisches Aufklärungsstück sozusagen? Ein Appell an die Gesellschaft?

Nadja Groß:Was wir versuchen mitzugeben ist, dass man über Dinge reden muss und viel Angst aus Unwissenheit entsteht. Durch die individuellen Geschichten, welche in den breiten Medien zu wenig beleuchtet werden, möchten wir über die konkrete Realität in Bonn sprechen. Wir zeigen sozusagen einen individuellen Querschnitt und das ist uns sehr wichtig mit dieser Arbeit. Dass Angst abgebaut wird, Fragen gestellt werden, ein Austausch stattfindet. Aufklärung eben, so wie Lessing das sicher gefallen hätte.

 Das Interview führte Anna E. Poth

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