„Raus mit der Sprache!“

 

Poetry Slam in der Schauspielhalle Beuel (18.12.15)

Unter dem Motto „Raus mit der Sprache“ lud das Theater Bonn am Abend des 18. Dezember zum Poetry Slam in die Schauspielhalle Beuel ein. Unter Begleitung der Berliner Band Marcel & Herr Wiesner kämpften acht Slammer um die Gunst des Publikums.

Mit tatkräftiger Unterstützung eines glitzernden (Disko-)Prinz Eisenherz führten die Moderatoren Anke Fuchs und René Deutschmann zu Beginn in die Regeln des Poetry Slam ein: Jeder der acht Teilnehmer, die auf zwei Vorrunden aufgeteilt wurden, durfte sechs (gefühlte) Minuten vortragen. Einzige Bedingungen: es mussten selbstverfasste Texte ohne Requisiten oder Kostüm präsentiert werden. Zur Bewertung waren im Voraus unter fünf zufällig ausgesuchten Sitzplätzen Wertungstafeln mit einem bis zehn möglichen Punkten versteckt worden. Diese fünf Glücklichen bildeten die (un)freiwillige Jury für die beiden Vorrunden. Bevor es nun mit dem wichtigsten Teil des Abends los ging, stellte die Band Marcel & Herr Wiesner Stücke aus ihrem neuen Album „So viel gut“ vor und sorgten so direkt für sehr gute Stimmung im Saal.

Den (ausgelosten) Start machte Filo aus Mannheim mit einem Märchen, inspiriert von einem Ausspruch ihres Mitbewohners: „Ich wäre gern wie Tee; je länger man rumsteht desto stärker wird man.“ Die Protagonistin des Märchens, die Fee, wünscht sich, wie Tee zu sein, kann aber ihre immer stärker werdende Kraft nicht kontrollieren und beginnt aus Versehen, immer mehr Menschen umzubringen. Trotzdem gibt es ein Happy End, als die Fee sich von ihrem Wunsch befreit und realisiert, dass das, was wir uns wünschen, oft überschätzt wird. Filo bekommt für diesen gelungen Start insgesamt 41 Punkte.

Als nächstes startete Ingo Nordmann aus Bonn. Er präsentierte sich in seinem Heimspiel als Rapper und versuchte im Folgenden, Alltagsgegenständen Anerkennung zu geben – aber erst bevor (ebenfalls rappend) klar gestellt wurde, dass der Brachiosaurus die Nummer 1 der Dinosaurier ist. Zu der Ehre einer Erwähnung kamen der Wecker, der Trecker, das Prinzip der Entschleunigung („ich fahr langsam“), das Dreirad sowie die in Bonn fast schon berühmte Mensacard unter dem Motto „I’ve got money on my card“. Dieser etwas andere, aber lustige Rap brachte Ingo 44 Punkte.

Dritter Slammer war Christofer mit F aus Herne. Als Lehrer versuchte er, näher an seine Schüler ranzukommen und trat mit einem „Lateinschüler-Lateinlehrer-Disstrack“ an. Seine zu Beginn leicht an Kermit der Frosch erinnernde Perfomance brachte dem selbsternannten „Zeus der Poesie“ insgesamt 47 Punkte ein.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Bekannt aus dem Comedy-Programm „Nightwash“ und Poetry Slams in ganz Deutschland war der vierte Teilnehmer der ersten Vorrunde: Jan-Philipp Zymny aus Wuppertal. Er startete mit dem Text „Ich bin müde“: Müde vom ewigen Durchkauen des Dritten Reiches, aber gleichzeitig schlaflos, wegen des wachsenden Einflusses von Nazis, Pegida und einem allenthalben wahrzunehmenden Schwung nach rechts – was in Anbetracht des geringen muslimischen Anteils in der Bevölkerung wie eine Angst vor dem Mond erscheint. Auch wenn dieser schon etwas verdächtigt wirkt, erhält Jan-Philipp erhielt für seinen Text großen Applaus und 47 Punkte. Damit zogen Christofer und Jan-Philipp verdient in das Finale ein.

Die zweite Runde des Poetry-Slams startete mit Noah, einem ehemaligen Bonner, jetzt Berliner. Noah trug vor, wie ein Mitschüler ihm den zweiten Weltkrieg für eine Klausur erklärt hat – natürlich in feinstem Kiezdeutsch, also „wallah, bruder, ischwör!“. Hitler war demnach ein richtiger „Alpha-Kevin“, der dann Führer geworden ist („so wie Reiseführer, nur bisschen anders“). Die Bücherverbrennung war damals sehr schlimm, denn „Büchas waren wichtig, Alter, stell dir vor jemand verbrennt dein Weed!“. Und obwohl die Deutschen eigentlich keine Lust auf Krieg hatten, gab es dann „unnormal Pallaver“: den Zweiten Weltkrieg. Deutschland hatte zwar „unnormal dicke Eier“, wurde aber trotzdem besiegt, was den Selbstmord Hitlers zur Folge hatte – „Echt ohne Ehre, der Junge!“. Mittlerweile seien die Deutschen ja „richtige Lappen“, aber vor 80 Jahren: „Miese, hätt ich Angst gehabt!“. Noah erhielt 43 Punkte und einige Lacher.

Der nächste Kandidat, Max, kam ebenfalls aus Berlin. Sein Text war um einiges poetischer, aber auch humorvoll und nannte sich „Der Froschkönig –Lügen haben dicke Schenkel“. Der arme Froschkönig wartet auf eine Prinzessin, die ihn erlöst, doch als sie sich endlich an den Teich setzt und eine Zigarette raucht, ist doch nicht mehr drin als Freundschaft. Ihre „Stiefmilf“ kommt einige Zeit später, um dem Frosch zu helfen. Sie gibt ihm den Rat: „Du musst ein Arschloch sein, um eine Frau zu kriegen!“ Der Frosch zeigt der Prinzessin also die kalte Schulter. Erst ist sie wirklich verzweifelt, doch dann gibt sie sich einem anderen Mann hin. Die Moral von der Geschicht‘: In der Liebe helfen keine Tricks, „Nur mit der richtigen Frau auf Erden, kannst auch du zum Prinzen werden“. Max bekam42 Punkte.

Robin aus Hamburg trug zwei verschiedene Texte vor und warnte das Publikum bereits vorab, dass die Texte vielleicht anfänglich etwas schnell und verwirrend seien. In „Verbundenheit“ sprach Robin, wie der Titel schon vermuten lässt, von der Verbundenheit aller Lebewesen, dem Universum, der Zeit, die vorbeifliegt. „Destruktion“ hingegen war sehr nostalgisch. Robin sehnt sich hier nach dem Berlin der 80er Jahren, als es noch Dreck, Träume und die Lust zum Aufbruch gab. Er will eine Wende, eine Revolte, einfach etwas zu tun haben. Für seine sehr poetischen, aber auch ernsten Texte erhielt Robin42 Punkte.

Als die Letzte der Vorrunde betrat Özge die Bühne. Ihr Text „Wörter“ handelte von dem Wert der Worte, der heutzutage oftmals unterschätzt werde. Schließlich seien Worte auch Erinnerungen an die Kindheit, an den Stuhlkreis, das Baumhaus und den Opa, der immer das Kuckuckslied gesungen hat. Erwachsene hätten für die Kinder unverständliche, aber äußerst faszinierende Gespräche geführt. Inzwischen schauten alle nur noch auf die Kleidung, die Schminke und die Figur, wenn sie versuchen unseren Charakter zu erschließen. Dabei finde man den Charakter einer Person doch nur in ihren Worten. Worte würden sowieso zu leichtfertig gebraucht, niemand denke mehr an den Ursprung der Wörter, niemand schätze sie mehr, obwohl sie uns immer wieder auffingen. Özge bekam respektable 46 Punkte.

Somit zogen Özge und Noah ins Finale ein, wo sie auf Christofer und Jan-Philipp trafen. Diesmal werten keine Jurymitglieder mehr, sondern das ganze Publikum mit der Lautstärke des Applauses.

Christofer begann, diesmal mit einem sehr ernsten Thema. Er sprach über das „Ministerium für Angst“, 100 Meter unter Berlin, das zuständig sei für die Angst vor Fremden, die Zukunftsangst und die Angst vor Schmarotzern. Diese Angst habe Menschenhass zur Folge, der aber allzu oft als „gerechter Zorn“ getarnt sei. Am Ende wurde klar: Das Ministerium befindet sich nicht unter Berlin, nein, es befindet sich hinter unseren Augen, zwischen unseren Ohren. In unseren Köpfen.

Jan-Philipp gab sich diesmal als Schamane aus – sein „Nebenjob“. In seinem Text „Der Pfad zur Erleuchtung“ gab er Lebensweisheiten zum Besten. Zum Beispiel sei es der beste Weg mit Problemen umzugehen, indem man Lösungen findet. Außerdem stellte er die Frage nach dem Sinn des Lebens, die sich ihm zufolge jede Frau stellt, die nach 40 Jahren bemerkt, dass sie mit einem übergewichtigen Alkoholiker namens Manfred verheiratet ist. Allerdings habe bisher niemand die Antwort gefunden. Die Menschen seien eh nur ziellos umeinander torkelnde, nackte, betrunkene Affen mit Zugang zu Atomwaffen. Außerdem könnten wir nicht alles werden, was wir wollen: Kinder würden nun mal keine Bagger, egal wie sehr sie sich das wünschen. Die Moral des Textes war, dass der Pfad zur Erleuchtung leider nur ein Holzweg ist.

Noah behielt sein Thema bei: Er war nämlich angeblich schon mal selbst Diktator. Als er noch gescheiterter, gekränkter Dichter war, entwickelte sich aus seiner Trauer der Hass. Er errichtete eine Diktatur des Poetariats. Als oberster „Lyrer“ betete er zu Schiller und Goethe und verdichtete die antipoetischen Analpha-Bolschewiken, die als Strafe RTL gucken, Feuchtgebiete lesen und Talkshowgäste bei Markus Lanz sein mussten. Außerdem musste er sich um die Endlösung der Dudenfrage kümmern, doch als am Ende alles misslang, erschoss er sich mit einer Druckerpatrone. Die Moral von der Geschicht‘: Kunst und Macht vertragen sich nicht.

Özge war dann die erste Teilnehmerin, die sich traute, einen Text über die Liebe vorzutragen. Er hieß „Tomaten“ und Özge betont, dass er liebevoll gemeint sei, auch wenn es sich nicht so anhöre. Viel zu oft bedeute eine Beziehung ein eiseitiges „Nehmen ohne Geben“. Ihren Ex-Freund wollte sie nicht verändern, er kannte sich aus mit Philosophen und Kunst, doch das, was sie am meisten an ihm geliebt hat, war, wie er Tomaten aß. Doch auf solche Kleinigkeiten hat er nie geachtet. Somit hatte die Beziehung doch etwas Gutes: Er hat ihr gezeigt, dass sie fähig ist zu lieben.

Am Ende durfte das Publikum noch einmal für jeden der vier Finalisten applaudieren, der Kandidat mit dem lautesten Applaus sollte gewinnen Es war ein sehr knappes Rennen, doch am Ende gewann Jan-Philipp Zymny und bekam eine große Flasche Sekt geschenkt. Doch auch die anderen bekamen eine kleine Flasche Sekt und freuten sich mit ihm. Zymny bedankte sich und trug noch ein ironisches Mini-Gedicht über die Liebe vor.

Insgesamt war der Abend voller Überraschungen: humorvoll, ernst, laut und leise. Das Schönste daran: wie die Vortragenden durch die Worte erblühen und den Zuhörern dadurch gestatten, in ihr Innerstes zu sehen

Phyllis Akalin & Tabea Herrmann

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