„Ist Kunst also nur noch ein Dekorationsmittel?“

(Vorschaubild (c) Thilo Beu)

Folge 2 von Max Moor und die Kunst fand am 16.12.15 in der Halle Beuel statt

Zum zweiten Mal in dieser Spielzeit lud Fernsehmoderator Max Moor, im Rahmen der Kooperation von Bundeskunsthalle und Theater Bonn, zur Diskussionsreihe Max Moor und die Kunst. Gespräche über Kunst, Kultur und Gesellschaft, in die Halle Beuel ein. Veranstaltet wurde die zweite Folge unter der Überschrift „Die Kunst des Überlebens“, welche die Thematik rund um Kulturabbau und gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von kulturellen Institutionen umschreibt. Als Gäste geladen waren Mischa Kuball, Professor für Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien in Köln, Kulturmanagerin Ina Roß sowie die Regisseurin, Autorin und Medienkünstlerin Luise Voigt.

Eine lyrische Einleitung durch Maike Jüttendonk, Schauspielerin am Theater Bonn, liefert dem Publikum an diesem Abend erste Anstöße für die folgende Diskussionsrunde: Ist die Kunst heutzutage lediglich noch repräsentativ? Dient sie allein zur Überdeckung politischer Ineffizienz und Handlungsunfähigkeit? Ist es nicht vielmehr die Qualität einer künstlerischen Darbietung, die den Maßstab für ihre Beurteilung darstellen sollte, als die „Einschaltquote“?

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Mit diesen Aspekten im Hinterkopf wird das Publikum von Moderator Max Moor begrüßt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der geladenen Gäste geht Moor direkt zur ersten Fragestellung an seine Gesprächspartner über: „Ist der geschützte Raum einer Institution für die Vermittlung von Kunst besser als die freie Szene?“ Künstlerin Luise Voigt konstatiert zur Beantwortung zunächst ihr persönliches Verständnis der Kunstbranche: Sie sehe die Kunst und das Künstlersein als eine Art Arbeitsteilung – gemeint ist, dass sich aus dem Zusammenspiel von Menschen in verschiedensten Berufen ein Sortiment von Blickwinkeln ergibt, das die Kunst auf vielfache Weise ausleuchtet und so belebt. Der Künstler freilich liefert den ersten Anstoß, indem er etwas für ein zu beachtendes Kunstwerk erklärt. Voigt stellt einen auf eigenen Erfahrungen in beiden Bereichen basierenden Vergleich von freiem Arbeiten und dem Engagement an einem Theater auf: Für den Erfolg auf letzterem Gebiet müsse man Überzeugungsarbeit leisten, beispielsweise um eine gewisse Harmonie und kompromissvolle Kooperation zwischen allen Mitwirkenden zu kreieren, wohingegen in der freien Szene das eigene Projekt im Vordergrund stehe und alles auf dieses angepasst werden könne. Ihren Einstieg in das freie Arbeiten schildert die junge Regisseurin jedoch als „Schlag ins Gesicht“, da man sich auf einmal mit Anträgen, Abrechnungen und hohem organisatorischem Aufwand konfrontiert sehe. Dieser notwendigen Vereinigung vieler Jobs in einer Person stehe die institutionsgebundene Arbeit gegenüber, bei der man einer konkreten Aufgabe nachgehe und zudem durch Feedback in den Medien quasi automatisch eine Erfolgsbilanz erhalte, ohne ständig nachhaken zu müssen. In der freien Szene fühlt sich Luise Vogt „ästhetisch und politisch sehr zuhause“, jedoch handele es sich hier bei den Besuchern von Darbietungen langfristig um ein „Insider-Publikum“, wohingegen beispielsweise ein Stadttheaterpublikum aufgrund seiner personellen Vielfältigkeit vielmehr Diskussionsfläche biete.

„Aber braucht denn die Kunst überhaupt Institutionen, oder würde sie neue Größe erfahren, wenn man Einrichtungen wie das Staatstheater oder die Bundeskunsthalle abschaffen würde?“ Diese zweite Frage stellt Max Moor vor dem Rahmengedanken, dass Institutionen es uns erlauben, Verantwortung abzugeben. ,,Sieht man heute zum Beispiel einen Mann in seiner eigenen Kotze liegen, dann geht man doch einfach so vorbei, weil man weiß: Darum kümmert sich schon jemand.“ Dieser ,,Jemand“ sind dann Einrichtungen, die unsere Gesellschaft in ihren Aufgaben entlastet. Ist vielleicht dies der Grund für das immer weiter sinkende Interesse an Theater und Museen? Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich dafür, die Kunst zu unterstützen, das machen die entsprechenden Organisationen für uns. „Weshalb also nicht radikal sagen: Von heute auf morgen werden alle Theater, alle Museen usw. geschlossen?“ Professor Mischa Kuball sieht darin eine Gefahr: Eine solche Vorgehensweise würde seines Erachtens zu einem Erosionsprozess in der Gesellschaft führen. Die künstlerischen Institutionen würden vor allem das Erbe einer Gesellschaft pflegen und unser kollektives Gedächtnis darstellen. Schaffe man die Institutionen ab, entwurzele man die Gesellschaft. Kunst bedeute Diskurs, Entwicklung und Kommunikation, und deswegen brauche diese auch einen Raum, um sich zu entfalten. Luise Voigt widerspricht: ,,Kunst findet immer statt“. Gäbe es keine Institutionen, würde das Theater eben auf der Straße oder auf öffentlichen Plätzen ausgetragen. Die Vorstellung, die Institutionen abzuschaffen, falle uns nur deswegen so schwer, weil wir daran gewöhnt seien, dass sich alles Kulturelle in bestimmten Einrichtungen abspielt. Für diesen Ansatz liefert nun Kulturmanagerin Ina Roß ein besonderes Beispiel aus ihrer Arbeit mit dem Schauspiel in Indien: Dort gebe es keine Institutionen, die sich um das Theater kümmern. Schauspieltruppen müssten kreativ sein, um ihre Arbeit an möglichst viele Zuschauer zu vermitteln. Für sie gehe es tatsächlich um das Überleben. So entstünden nicht nur kreative Ideen, wie z.B. ein mobiles Theater, das von Ort zu Ort wandert auf, sondern es würden auch Themen behandelt, die den Zuschauern sehr nahestehen und die von jedem sofort nachvollzogen werden können. Die Probleme der „einfachen Leute“ würden behandelt, und das nehme der Kunst ihren abstrakten Charakter.

Zum Schluss geht Max Moor noch einmal auf Luise Voigts Aussage, Kunst finde immer statt, ein: „Nimmt man dies nun als gegeben, kann man dann sagen, Theater und Museen haben ihren Bezugspunkt zum Publikum verloren? Was hat sich verändert, dass beispielsweise das Theater nicht mehr frequentiert wird – die Kunst oder die Zuschauer?“ Auf diese Frage findet Luise Voigt dank eines Gesprächs mit ihrem Taxifahrer am selben Tag schnell eine Antwort: Die heutige Unterhaltungsindustrie. Sie zitiert besagten Taxifahrer, der wie aus der Pistole geschossen gesagt haben soll, solange es Kino und Fernsehen gäbe, könne das Theater einpacken. Am Erfolg einer ihrer Inszenierungen zeigt Voigt jedoch auf, dass auch bestimmte zeitgenössische Formen ein Publikum erreichen können: Ihr Stück sei außerplanmäßig, nicht im Abonnement enthalten und als eine Art Experiment aufgeführt worden, und schaffte es dank der großen Befürwortung dennoch in das nächstjährige Hauptprogramm. Dass Kunst zeitgenössisch ist, kann demzufolge kein Grund für den Kulturabbau sein, da es durchaus Gegenbeispiele gibt. Ina Roß regt für die Problemlösung zur Findung einer besseren Kommunikationsform zwischen Institutionen und Besuchern an; außerdem müssten ihr zufolge nicht nur die Besucher analysiert werden, sondern vor allem auch die „Nicht-Besucher“. Es müsse also beobachtet werden, zugunsten welcher anderer Institutionen (Kino o. ä.) die Besucherzahlen z. B. in Museen schwinden.

Sofia Grillo & Antonia Schwingen

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