Der Kanzler und sein Spion

( Vorschaubild (c) Thilo Beu)

EIN WILLY BRANDT ABEND (03.12.15)

Im Foyer der Kammerspiele wird zum dritten Mal in diesem Jahr die Zeit zurückgedreht. Wir schreiben den 21. Oktober 1969: die Ära Brandt beginnt, ein linker Bundeskanzler, nach fast 40 Jahren! Sein Spion ist schon „als gewöhnlicher Parteisoldat aus dem Frankfurter Unterbezirksbüro“ zur Stelle, eigentlich nur „auf Besuch in Bonn mit einer Karte für die Besuchergalerie“ des Bundestages. Günter Guillaume, in den fünfziger Jahren vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR angeworben und systematisch zum Spion ausgebildet, tritt seinen Dienst als Referent im Palais Schaumburg an: „Kopierer und Kamera, klar. Aber vor allem: horch und guck“.

Guillaume alias Andrej Kaminsky ist es, der das Publikum im Foyer durch die Amtszeit Willy Brandts (Sören Wunderlich) führt. Er beleuchtet Persönlichkeit, Motive und Gesten des Mannes, der durch eine „Politik der kleinen Schritte“ den Kalten Krieg abmildern und die Berliner Mauer durchlässiger machen sollte.

Die neue Ostpolitik, die Aussöhnung nach Osten, die, so Brandt, „im Interesse des Friedens ebenso notwendig wie die mit dem Westen“ ist, wird zu seinem Markenzeichen: „Wir müssen einen Schlussstrich setzen unter eine böse Vergangenheit. Wir müssen uns endlich aussöhnen“. Guillaume über Brandt: „Brandts Traum: ein Leben ohne Konflikte. Das Unvereinbare versöhnt.“ „Kein Feierabend ohne Glas in der Hand. Alles vergessen. Und für ein oder zwei Stunden gibt es keine Probleme mehr“, offenbart Guillaume eine Angewohnheit Brandts.

(c) Thilo Beu
(c) Thilo Beu

Brandt, der Mensch der großen Gesten. In einem kleinen, auf der Bühne stehenden Fernseher sind Bilder des ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffens in Erfurt zu sehen: Stumm hebt Brandt die rechte Hand zum Gruß der vor seinem Hotel wartenden Menge. Die Geste zeigt ihre Wirkung: „Eine der größten Reden seiner Laufbahn. Kein Wort. Nur diese eine kleine Geste. Eine stumme Ansprache an ein Volk, das es gar nicht gibt – und jeder in der Menge fühlte sich angesprochen von Mensch zu Mensch“, so Guillaume.

Bilder einer weiteren großen Geste erscheinen im Fernseher, Brandts Kniefall von Warschau am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes. Der Moment, der in jedem Geschichtsbuch verewigt wurde. Dazu Guillaume: „Noch eine seiner nicht gehaltenen Reden, und die größte von allen. Einen Moment denk ich, Nein, nein, nein! Diesmal ist er zu weit gegangen! Aber ich irre mich, und er hat Recht, denn daran wird sich die Welt erinnern. An diesen langen Augenblick, als der Deutsche, der eigentlich gar keine Veranlassung dazu hatte, zurückkehrte an den tiefsten Punkt der deutschen Geschichte und für uns alle gekniet hat. Das eine nicht gesprochene Wort, das alles sagte, was er ausdrücken wollte“.

Brandt auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Das Misstrauensvotum der CDU/CSU in letzter Minute abgewendet, Ostverträge und Grundlagenvertrag mit der DDR unterzeichnet und Brandt gewinnt erneut die Bundestagswahl. Dazu Guillaume: „Die Sozialdemokraten erzielen 45,8 Prozent – das beste Ergebnis ihrer Geschichte. 91,1 Prozent der Wähler gingen an die Wahlurnen Rekordwahlbeteiligung“.

Kanzler und Spion sind mittlerweile per Du. Doch der Kanzler ahnt bereits, dass sein angeblich so loyaler Referent vermutlich im Sold der Staatssicherheit der DDR steht. Brandt lädt Guillaume mit Frau und Sohn zu einem gemeinsamen Familienurlaub nach Norwegen ein. Brandt angelt, sammelt Pilze und nutzt die Gelegenheit, um Einblick in seine Vergangenheit zu geben: „Willy Brandt ist nicht die einzige Person, die hier in den 30ern war. Ich war auch Willy Flamme. Ich war Karl Martin. Ich war Felix Franke. Ich bin für einen Spion gehalten worden. 1936 bin ich für ein halbes Jahr zurück nach Nazideutschland. Wer bin ich? … Mein Name ist Gunnar Gaasland, geboren und aufgewachsen in Oslo. Und immer im Hinterkopf die Angst, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Auf einmal – ein Norweger. Wie klingt dein norwegisch für einen Norweger? Kommst du damit durch oder nicht? Was, wenn er ein alter Freund von Gunnar Gaasland ist? Oder wenn du plötzlich einem alten Freund von Willy Brandt gegenüberstehst?“ , beleuchtet Brandt die Problematik des Verstellens.

Zurück in Bonn: Der bedeutendste Spionageskandal der Bundesrepublik nimmt seinen Lauf. Guillaume wird verhaftet und gesteht: Sein Auftrag sei es gewesen, „im Westen unter den ‚Klassenfeind‘ mischen und im Verborgenen Informationen aus dem Innenleben der SPD sammeln“. Guillaume bedauert: „Wir wollten nicht an Brandts Stuhl sägen, das war nie unsere Absicht!“ Dazu Willy Brandt: „Private Fotos, geheime Akten…Bloß niemandem trauen. Das ist die erbärmliche Lektion der letzten vier Jahre“. Er übernimmt die Verantwortung für den Fall Guillaume und tritt am 6. Mai 1974 als Bundeskanzler zurück.

Die Lesung endet mit dem Amtsantritt Helmut Schmidts als zweitem SPD-Bundeskanzler, der uns im neuen Jahr (am 11.2.16) von sich erzählen wird.

Charlotte Hacker

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