(No) way out

(Vorschaubild © Thilo Beu)

„Eine Verschmelzung von Theatererlebnis, Rauminstallation und spielerischem Abenteuer“, ein „Sandbox-Game-Theatre“ – so wirbt das seit 2010 bestehende Künstlerkollektiv PRINZIP GONZO für seine neue Inszenierung (NO) WAY OUT (Sa / So, ab 14Uhr). Im Pförtnerhäuschen der Halle Beuel stellen sich unsere drei Autorinnen einer Weltuntergangssimulation, bei der sie in eins-zu-eins Konfrontationen mit Schauspielern die Rettung der Welt (scheinbar) selbst in der Hand haben. 

Wartezimmer und Empfang – Arena des Durchsetzungsvermögens – Schlund der Angst

Im Wartezimmer des fiktiven NWO-Instituts sitzend, mal ein seltsames Klopfen an der Wand hinter dir, mal Menschen an dir vorbeilaufend, die anscheinend alle wissen, was hier vor sich geht und die sich mit ihrem Schicksal offenbar schon abgefunden haben, wartest du auf den nächsten freien Termin. Alles um dich herum wirkt wie in einem Film, sei es eine Ärztin, die dir Fakten über die Überbevölkerung und den angeblich durch das Institut gefundenen Lösungsansatz erklärt, oder der freundliche Herr am Empfang, der deine Daten aufnimmt, in seinen Laptop eintippt und dir den groben Ablauf des Tests erklärt. : „Holt mich hier raus“, möchtest du schreien – heraus aus diesem Haus von verrückten, komplett idiotisch wirkenden Menschen in nicht gerade beruhigenden Arztkitteln.

Schnell zum ersten Raum und angeklopft, denn bedenke, denn du hast nur 45 Minuten für ganze sieben Prüfungen. Dir öffnet, naja, sagen wir ein „Mensch“ im Jeti- Kostüm, klitschnass geschwitzt. Das Behandlungszimmer, die sogenannte Arena des Durchsetzungsvermögens, mit Matten ausgepolstert. In dessen Mitte ein goldener Knochen, dein Hauptgewinn (dies begreifst du spätestens, wenn sich besagter „Mensch“ einen Hundekopf aufsetzt und dich auffordert, gegen ihn um den Knochen zu kämpfen). Mit der Kraft der eingespielten Rocky-Musik und Benutzung diverser Hilfsmittel, wie z.B. eines blechernen Napfes mit Wasser, siegst du gegen den Jeti- Hund, der dir zu deiner ersten Station gratuliert und du komplett verklärt weiterziehst.

Weiter zum Schlund der Angst. Empfangen von einer Ärztin, die plötzlich nur noch durch einen schwarzen Vorhang und einer Gitterschnur von dir getrennt ist, wirst du sofort im ersten Moment, dem Moment des Eintretens, mit deinen Ängsten konfrontiert. Sobald sich deine Augen halbwegs an die Dunkelheit gewöhnt haben, kannst du ein nicht weniger unheimliches, abgedunkeltes Fenster, einen Tisch mit einer ebenfalls nicht besonders vertrauenserweckenden schwarzen Kiste sowie die durchdringenden Augen besagter Frau ausmachen. Diese stellt dir diverse Fragen, die dich auf den eigentlichen Schreckensmoment vorbereiten sollen. Den Laptop – die einzige Lichtquelle – zugeknallt, stellt sie die Frage: „Wie viele Menschen sind in diesem Raum?“ Für Sekunden gefriert dir das Blut in den Adern. Plötzlich, ganz seltsam, kommt „Fräulein Doktor“ auf dich zu, schüttelt dir die Hand genauso freundlich und unschuldig wie zuvor zur Begrüßung, und verbannt dich aus ihrem Reich.

Kim Sterzel

Himmel der Potenz – Tempel der Disziplin – Altar der Opferbereitschaft

Von blauen Luftballons umgeben begrüßt mich eine heitere Ärztin. Ich bin im Himmel der Potenz. Kaum hat das Experiment begonnen, halte ich auch schon eine Karotte zwischen den Zähnen und ahme Tiergeräusche nach. Nachdem ich mit Bravour die Geräusche einer Robbe imitiert habe, darf ich vorlesen: ,,Ich war früher einmal Schülerin des Tanzlehrers von Michael Jackson, darf ich dir vortanzen?“ Kaum hat die Dame im weißen Kittel diese Worte aus meinem Mund gehört, tanze ich auch schon zu ihrem Gesang. Zwei Bitten muss ich ihr jedoch verweigern: Das Angebot, auf der Stelle mit ihr in die Kiste zu springen, lehne ich ab, da mir das dann doch ein bisschen zu schnell ginge. Auch die Frage, ob ich auf das Geschlechtsteil eines an der Wand befestigten griechischen Gottes schießen wolle, verneine ich. Auf Geschlechtsteile schießen, das macht man nicht.

Weiter geht‘s in den Tempel der Disziplin. In einem asiatisch dekorierten Raum begrüßt mich eine weitere Ärztin. Das Experiment beginnt mit einem lauten Gong und mit diesem Gong verändert sich auch sie. Nun mit asiatischem Akzent nennt sie mir Tiernamen in anderen Sprachen, mit dazugehörigen Bewegungen. Natürlich gilt es, diese zu imitieren und sich wie die Experimentleiterin zum Affen zu machen. Dann wird es kreativ: ,,Malen Sie die Quelle des Lebens,“ heißt es und ich gucke auf ein Gemälde, das den Schambereich einer Frau abbildet. Dieses male ich ab und schreie dabei vulgäre Wörter, die mir die Ärztin ins Ohr flüstert. Gong – das Experiment ist vorbei, die Ärztin wieder normal.

Auf das tiefsinnige Gespräch, das mich im Raum namens Altar der Opferbereitschaft erwartet, bin ich überhaupt nicht vorbereitet. Dort begrüßt mich ein trauriger Bär und stellt mir Fragen wie: ,,Sag mal, würdest du mir erlauben, dass ich mich umbringen darf? Wenn da ein Zug auf fünf Bahnarbeiter zurollen würde und du diese nur retten könntest, wenn du den Zug auf ein Gleis umlenkst, auf dem ich stehe, würdest du es tun?“ Ich schlage dem Bären vor, sich das mit dem Suizid doch nochmal zu überlegen und einen Spaziergang zu machen. Mehr kann ich dem depressiven Bären leider nicht helfen…

Sofia Grillo

 Pfad der Neugier – Paradies der Impulskontrolle – Pforte der Gerechtigkeit

Ich gehe in das Obergeschoss des fiktiven Instituts und werde von einem der Ärzte empfangen. Er nimmt meine Nummer, die ich am Empfang bekommen habe, in seinen Computer auf. Nachdem er mir den kommenden Test erklärt hat, betreten wir einen kleinen Raum mit einem Stuhl, den sogenannten Pfad der Neugier. Die Atmosphäre dort ist sehr surreal und verstörend. Nach einigen Fragen stellt der Arzt fest, dass ich für die Sondierung geeignet bin. Es folgt die theoretische Prüfung, in der Fragen zu meiner Umgebung gestellt werden. Ich bekomme einen Anzug, der mich unsichtbar machen soll. Mein Auftrag ist es, ein Glas mit roter Flüssigkeit aus der Arena des Durchsetzungsvermögens zu holen, jedoch solle ich vorsichtig sein. In der Arena schaue ich mich um, sehe jedoch keinerlei rote Flüssigkeit. Nach einem kurzen aber angsteinflößenden Blickwechsel mit dem Jeti-Hund verlasse ich die Arena zu meiner eigenen Sicherheit ohne Glas. Ein kurzer Bericht beim Arzt und er lässt mich ziehen.

Ich schaue mich um und klopfe beim Paradies der Impulskontrolle. Ein Mann mittleren Alters begrüßt mich und bittet mich, in einem Sessel Platz zu nehmen. Mir wird erklärt, ich würde gleich Tante Inge treffen und müsse dabei eine Aufgabe lösen. Meine Aufgabe bestehe darin, unbemerkt eine Tablette in eine der Kaffeetassen zu geben. Ich werde noch einmal darauf hingewiesen, dass es in diesem Raum um die Impulskontrolle geht – und dann treffe ich schon Tange Inge. Ich lehne alles von ihr Angebotene ab, egal ob Kaffee oder Torte. Währenddessen versuche ich immer wieder unauffällig, ihre Tablettendose an mich zu nehmen, bis sie mich plötzlich ertappt. Ich erkläre ihr, ich wolle überprüfen, ob sie auch alle Tabletten nimmt. Plötzlich klingelt ein Wecker und unsere Zeit ist vorbei. Der Mann vom Anfang bittet mich wieder hinaus.

Meine Zeit ist leider schon vorbei und ich soll mich zur Pforte zur Gerechtigkeit begeben – dem letzten Raum. Ich öffne die Tür und mir kommt ein Schwall Nebel entgegen. Die zuständige Ärztin bittet mich, auf einer Wippe Platz zu nehmen und rechnet meine erreichten Punkte zusammen. Während wir sanft wippen, ordnet sie mich als leicht überdurchschnittlich ein. Da ich somit, ihrer Ansicht nach, eine Gefahr für die Menschheit darstelle (weil ich die Überbevölkerung befördere), wird mir angeboten, ein Serum des Instituts zu trinken, das mich nach 100 Tagen sanft sterben lässt. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns darauf, dass ich in fünf bis zehn Jahren wieder zum Institut komme und das Serum abhole. So hätte ich noch genug Zeit, Einiges zu erleben, was mir wichtig ist. Erleichtert aber auch verstört verlasse ich das Gebäude wieder.

Tabea Herrmann

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