WIR THERAPEUTEN

Die Gruppe. Theater Rampös (c) Andreas Wichmann


Bei sommerlichen Temperaturen und einer ausgefallenen Lüftungsanlage fand am 24. Juni die Premiere von DIE GRUPPE des Theater Rampös in der Brotfabrik statt

Es ist warm in der Brotfabrik an diesem Tag, die vielen Fächer und Getränkeflaschen in den Händen des Publikums deuten unübersehbar darauf hin. Dennoch ist der Zuschauerraum fast bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung locker. Während man noch gespannt auf den Beginn wartet, tritt fast unbemerkt ein junger Handwerker (Lasse Behrendt) an den Bühnenrand, kümmert sich nicht um die Leute hinter sich, sondern macht sich am Heizkörper, an den sicher sonst keiner denken möchte, zu schaffen. Zufrieden widmet er sich danach dem Geländer einer Treppe auf der Bühne, die zu einem Podest heraufführt, das später noch bespielt werden soll. Sicherheit geht vor, also wackelt er daran, dreht da etwas nach. Schließlich weist er auch noch die Zuschauer*innen in den ersten beiden Reihen darauf hin, dass man dort nur Wasser trinken darf, da der unter ihren Füßen liegende Teppichboden keine Flecken bekommen soll. Ein Hausmeister wie er im Buche steht.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Wer ist der richtige Therapeut? Foto: (c) Andreas Wichmann

Das Publikum fächelt sich noch warme Luft zu, als auf der spartanisch eingerichteten Bühne, die nur aus einem paar Stühlen und einem langen weißen Vorhang besteht, zwei Männer auftauchen. Sie sehen sich verblüffend ähnlich in ihren Anzügen und mit identischen Aktentaschen; nur ist der eine etwas älter (Andreas Krieg) und der andere etwas jünger (Timon Oligschläger). Und wie es der Zufall will, stellen sich beide als „Dr. Müller-Lüdenscheid“ vor – Loriot lässt grüßen. Doch nur einer kann der richtige Doktor bzw. Therapeut sein, denn darum soll es ja an diesem Abend gehen: um eine vielleicht nicht ganz typische Therapiesitzung in einer Klinik.

Die beiden Männer mustern einander misstrauisch, stellen sich gegenseitig Fachfragen, werfen mit Zertifikaten um sich und beschuldigen den jeweils anderen, ein an Persönlichkeitswahn leidender Patient zu sein, der sich als Therapeut ausgibt. Aber wer von beiden lügt und wer sagt die Wahrheit? Als die jüngere Version des „Dr. Müller“ nach einem hitzigen verbalen Schlagabtausch seinem Alter Ego kurzerhand eins überzieht und dieser bewusstlos von Sanitätern weggetragen wird, scheint der Fall klar zu sein: der Patient hat das Ruder übernommen und macht sich auf zu seiner neuen Gruppe.

Die Gruppe übernimmt Dr. Müller von einer Kollegin, die aus unbekannten Gründen wohl die Stelle gewechselt hat. Anfangs hochmotiviert, stößt er schnell auf Widerstand. Denn die sechs Patienten haben es in sich. Das geht schon damit los, dass Patientin Conni (Jutta Büsscher), eine etwas naive ältere Dame mit einer Leidenschaft für Roland Kaiser , immerzu von einem „Dieter“ spricht und ihn auch als anwesend mit angesprochen wissen möchte, obwohl dieser schon seit ein paar Wochen die Gruppe verlassen hat. „Dieter fühlte sich nie gesehen“, sagt sie berührt.

Dr. Müller hat es nicht einfach. Theo und Julia sind etwas eigenwillig. Foto: (c) Andreas Wichmann

Die grummelige Zoe (Hanna Kaethner) hat multiple Probleme: sie kommt nicht mit ihren Eltern zurecht und ritzt sich in emotional schwierigen Situationen. Sie ist aber sonst nicht verlegen, ihren „Kollegen“ bissige Kommentare an den Kopf zu werfen und Streit anzufangen.

Durchweg leicht gereizt ist auch Julia (Andrea Bühring), eine Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist. Mit den (wirklich) schlechten Witzen und Vergleichen von ihrem Therapeuten kann sie nichts anfangen und verteidigt ihre Kollegen leidenschaftlich, teilt aber auch gegen sie aus. Sie ist der abwehrende Typ, mit Jammerlappen kann sie wenig anfangen.

Sid gibt alles zum Abschied. Foto: (c) Andreas Wichmann

Neben den Frauen sind noch zwei Männer in der Gruppe: Theo (Florian Frank), ein eher wortkarger, äußert pragmatisch denkender Mensch, der immer Probleme mit seiner Verdauung hat und dies gerne seiner Umgebung mitteilt – direkt oder in blumigen Umschreibungen. Schließlich ist da noch Punker Sid (Banni Kunz), der eigentlich Bernd heißt, aber mit den Namenswitzen wie „Bernd das Brot“ nicht klar kommt und sich daher lieber nach seinem Idol, dem ehemaligen Bassisten der Sex Pistols, benennt. Er hat immer gute Laune. Warum er genau in der Gruppe ist, weiß man nicht, aber da er dauernd futtert, könnte hier der Hase im Pfeffer liegen. Als er später die Gruppe verlässt gibt es sogar noch einen Rock-Song zum besten, der zumindest beim Publikum gut ankam.

In der Gruppe herrschen unübersehbare Spannungen und vor allem großes Misstrauen dem „Neuen“ gegenüber, der sich bewusst von seiner Vorgängerin abheben möchte, damit aber nicht auf Gegenliebe stößt. Obwohl Müller seinen Patienten mehr Freiheiten einräumt, empfinden diese das nicht als hilfreich, denn Regeln geben den Patienten Vertrauen und Sicherheit. Dass es da mehr als einmal knallt, ist absehbar und fordert vom Therapeuten einige Sitzungen bei seinem Supervisor (Ulrich Papenkort), die allerdings nicht weniger nervenaufreibend sind.

Da kann man schon mal verzweifeln. Zoe ist genervt. Foto: (c) Andreas Wichmann

Der Autor des Stücks Tim Kropp ist selbst Psychotherapeut, weiß also wovon er schreibt, wenn er von den Selbstzweifeln und den verzwickten, festgefahrenen Situationen in den Gruppen- und Einzelsitzungen berichtet.

Regisseurin Katrin Schüring, greift diesen „Teufelskreislauf“ auf und inszeniert den Abend in einem wiederkehrenden Rhythmus: Zuerst wird eine Sitzung abgehalten, danach erscheint der geheimnisvolle Hausmeister. Dieser spricht Reime aus allen möglichen Genres, die dem Publikum manches Rätsel aufgeben, dann folgt der Besuch beim Supervisor, bevor sich Dr. Müller wieder der Gruppe stellen muss.

Das ganze wiederholt sich sieben Mal. Mit jeder Sitzung und jeder Supervision sind Veränderungen zu registrieren. Mal bei den Patienten und ihren Beziehungen untereinander. Vor allem Dr. Müller und sein Supervisor scheinen eine zunehmende Bergtalfahrt zu bestreiten. Während jedoch die Therapeuten zu scheitern drohen, wächst die Gruppe enger zusammen, heißt: sie erzählen von sich und bestärken einander.

Schräges Paar: Conni und Theo haben in der Gruppe sich gefunden. Foto: (Andreas Wichmann)

So geht es im Stück letztlich weniger um die Probleme der anwesenden Gruppenmitglieder als das Problem der Person des Therapeuten. Anders ausgedrückt: es geht um das Problem der „behandlerischen Omnipotenz“, also den Anspruch eines Therapeuten jedes Problem „heilen“ zu können.

Das Ensemble des Theater Rampös hat sich hervorragend in ihre Patienten- und Therapeuten-Rollen eingefunden und bildet so einen überspitzten Querschnitt aller „Patiententypen“ wie sie in der landläufigen Meinung und ggf. auch real existieren.

Ohligschläger als Dr. Müller spielt den ratlosen und in jedes Fettnäpfchen tretenden und dennoch hartnäckig seinen Patienten helfen wollenden Therapeuten mit während des Abends gesteigerten Emotionen. Man kann ihm dabei zugucken, wie seine Selbstsicherheit und seine Prinzipien Stück für Stück bröckeln und das wirkt überzeugend.

Ob so ein Supervisor tatsächlich helfen kann? Foto: (c) Andreas Wichmann

Supervisor Papenkort leistet dabei seinen ganz eigenen Beitrag. Er sollte eigentlich Dr. Müller mit Rat zur Seite stehen, spielt sich allerdings viel lieber als allwissender Gottvater auf, in großartig-selbstverliebter und schnoddriger Weise. Dies setzt Regisseurin Schüring gut in Szene, indem sie ihn in den ersten Sitzungen ausschließlich von einer Art Balkon – wie Julia zu ihrem Romeo – sprechen lässt. Dieses von „oben herab“ führt zu hitzig-witzigen Streitgesprächen zwischen Supervisor und Doktor, die vom Publikum begeistert mit spontanem Zwischenapplaus bedacht werden. Sicherlich die stärksten Momente im Stück.

Bisher nicht erwähnt wurde Patientin Marianne (Sida Nies), die an „Traurigkeit“ leidet. Sie ist einer diese Fälle, an denen sich wohl mancher Therapeut (und auch die übrigen Patienten in einer Gruppe) die Zähne ausbeißen. Die auf jeden Vorschlag ein Gegenargument hat und alles ablehnt. Nies kann das, trotz nur eines verhältnismäßig kurzen Auftritts, fast zu gut darstellen.

Schließlich stößt noch Laurens (Michael Nann) zur Gruppe. Der sehr auf Harmonie bedachte und etwas schüchterne Mann scheint erst gar keine Probleme zu haben und wirkt zunächst völlig ausgeglichen. Doch dann kommt raus, dass er eigentlich eine unterdrückte Wut und Traurigkeit in sich trägt, da seine Freundin mit ihrem Ex geschlafen hat, was gegen ihre Absprache war. In ihrer WG wollen ihn alle davon überzeugen, dass er nicht sauer sein sollte. Die Gruppe überzeugt ihn vom Gegenteil, was in dem wunderbar bizarren Ausruf „Ich gehe jetzt nach Hause und schreie meine Freundin an“ mündet. Nann spielt den unsicheren Nerd authentisch und daher umso lustiger.

Einen kurzen Auftritt hatte auch die sonst zuletzt mehr hinter den Kulissen wirkende Ksenia Guseva. Sie spielte eine Ärztin für den richtigen Moment – mehr soll hier nicht verraten werden.

Regisseurin Katrin Schüring hat mit wenigen Mitteln einen lebhaften Theaterabend gestaltet. Mit knapp drei Stunden durchleben die Zuschauer alle Höhen und Tiefen einer Gruppentherapie bei der Gefühle verletzt, Erkenntnisse erlangt und viele leere Phrasen gedroschen werden. Gewissheiten geraten ins Wanken und Wahrheiten werden mitunter zu direkt ausgesprochen. Kurzum, ein unterhaltsamer Abend, weil er gerade dort lustig ist, wo es weh tut.

Rebecca Telöken

Verdienter Schlussapplaus nach drei Stunden intensiver Bühnenarbeit. Foto (c) Andreas Wichmann