Premiere von DIE MÖWE in der Regie von Sascha Hawemann
Anton Tschechow (oder Čechov) gehört zu den Theaterautoren, die auch nach über einhundert Jahren nicht von den deutschen Bühnen wegzudenken sind. So führt das Schauspiel Köln derzeit Onkel Wanja auf und in Düsseldorf werden Die drei Schwestern gezeigt.
Auf der Bonner Werkstattbühne feierte am 30. Januar Sascha Hawemann mit einem weiteren sehr bekannten Tschechow-Stück Premiere: Die Möwe. Dieses fiel zwar bei seiner Uraufführung beim Publikum durch, dennoch hat es sich im Laufe der Zeit durchgesetzt.
Erzählt wird der Konflikt innerhalb einer Künstlerfamilie. Die Mutter ist eine berühmte Schauspielerin, ihr Sohn Konstantin, genannt Kostja, will Stücke schreiben, die das Theater vom angesetzten Staub befreien sollen.
Von der großen Bühne fasziniert ist auch Kostjas „Entdeckung“ Nina, ein aus strengem Elternhaus stammendes braves Mädchen, das davon träumt eine berühmte Schauspielerin zu werden.
Er hegt für sie Gefühle, die allerdings auf wenig Gegenliebe stoßen.
Zusammen zeigen sie auf einer Freiluftbühne am See, wo seine Mutter mit dem Schriftsteller und Geliebten Trigorin den Sommer verbringt, Kostjas Erstling mit dabei der Frauenarzt Dorn, der eine Art Freund für Kostja ist. Die Aufführung findet keinerlei Anklang bei seiner Mutter, dafür gefällt ihr Nina und so lernt diese auch Trigorin kennen, in den sie sich verliebt.
Während Kostja unter seinen Misserfolgen und dem Desinteresse seiner Mutter, die selbst dann, als er versucht sich umzubringen, kaum Empathie für ihren Sprössling entwickeln kann, leidetvergnügt diese sich mit Nina und Trigorin. Schließlich reisen sie zusammen nach Moskau. Nina will dort Ruhm erlangen, während Kostja in der Provinz bleibt, das Theater aufgibt und stattdessen Romane verfasst, die ganz gut angenommen werden. Dorn ist der einzige, der Kostjas Leid erkennt, kann es dessen Mutter aber auch nicht verständlich machen. Die Jahre vergehen, werden aber nicht besser – Nina und Kostja treffen sich ein letztes Mal…

Obwohl das alles typisch russisch düster klingt, ist Die Möwe in Tschechows Sinn eine Komödie – die den ausgesprochen schwierigen Spagat meistern muss, tragische Elemente mit witzigen Dialogen in Einklang zu bringen. Mit dem Gelingen dieses Balanceaktes – gleichsam als Zünglein an der Waage – steht und fällt die ganze Inszenierung.
Warum heißt das Stück „Die Möwe“? Das liegt an einem Satz von Nina, die ihre Leidenschaft für die Bühne mit der Sehnsucht einer Möwe nach dem Meer vergleicht. Eine arg romantisierte Sicht, wie auch Kostja ihr zeigen möchte, als er ihr eine erlegte Möwe zu Füßen legt. Eine etwas makabere Art von Humor, die dem Publikum aber immer wieder an diesem Abend begegnet.
Das Stück ist auch deshalb so beliebt, weil es viele Gedanken zur „wahren Kunst“ beinhaltet. Von diesen wollte sich Regisseur Hawemann dieses Mal (er hatte bereits Jahre zuvor Die Möwe inszeniert) nicht vereinnahmen lassen, sondern er richtet den Blick auf die Beziehungen zwischen den Figuren und scheut auch nicht vor Rollentausch oder -zusammenlegungen zurück.
Davon ist die Rolle des Kostja (Riccardo Ferreira) allerdings nicht sonderlich betroffen. Ferreira spielt den missachteten Sohn, der in seiner Qual zugleich etwas Komisches hat, hervorragend jammernd und zornig. Man leidet mit und lacht zugleich über ihn. Das ist genau das, was Tschechow wollte, als er von Komödie sprach: Empathie wecken durch die komisch-tragische Inszenierung.
Die Rolle der Mutter, die Kostja das Leben schwer bis unerträglich macht, wurde bei Hawemann durch den Vater Pawel (Alois Reinhardt), einen berühmten Schauspieler, der durch seine immer wieder aufgewärmten Bühnengeschichten den Sohn geradezu in den Wunsch nach einer Modernisierung des Theaters treibt, ersetzt. Reinhardt versteht es hervorragend das dandyhafte-selbstverliebte Gerede Pawels authentisch rüber zu bringen – und trotz seines unerträglichen Charakters mag man ihn, wegen seiner herrlich unväterlichen Art.
Aus dem Schriftsteller Alexander Trigorin wird die Schriftstellerin Alexandra Trigorin (Ursula Grossenbacher). Hawemann schreibt im Programmheft, dass die Konflikte einer weiblichen Schriftstellerin andere sind als für männliche. Sie bilden für eine junge Schauspielerin andere Bezugspunkte, die besser ins das 21. Jahrhundert passen in Hinblick auf den Kampf um Anerkennung, Akzeptanz. Ein guter Gedanke, der durch Ursula Grossenbacher Gestalt annimmt. Sie ist eine wunderbar zurückhaltende Trigorin, die durch ihre Ernsthaftigkeit und den darin aufflammenden bissigen Humor das Bild eines Künstlers mit Schreib-Zwangsneurose, der Zweifel am eigenen Tun hegt, großartig auf die Bühne bringt.
In Nina (Imke Siebert) wiederum fließen Passagen von der gestrichenen Rolle der Mascha ein, die die Tochter eines Verwalters ist und eigentlich furchtbar in Kostja verliebt ist, diese Liebe aber aufgibt, als sie sieht, dass sie keine Früchte tragen wird. Obwohl Sieberts Nina zu Beginn fast etwas extrovertiert und fast vor lauter Freiheitsdrang überdreht wirkt, weil sie hierhin rennt, dort jemanden um den Hals fällt (Regieanweisung Tschechows) und überhaupt oft nicht zu wissen scheint, wohin mit sich, zeigt Siebert ihre Stärke in der Verabschiedungsszene von Kostja, wo sie eine ganz andere, ernstere und vor allem weiterhin ihre Freiheit erhaltende Frau ist.
Am buntesten gerät der Frauenarzt Dorn (Christian Kuchenbuch), der in Hawemanns Stück zugleich Schriftsteller sein möchte (und zwar nicht irgendeiner, sondern er trägt und spricht deutlich Tschechows Züge und Sprache), der aber auch Texte anderer gestrichener Figuren auf den Leib geschrieben bekommt. Mal ermutigt er Kostja, mal hört er Nina bei ihren Träumereien zu, hier lacht er mit, dort tadelt er, auch versucht er positiv auf den egoistischen Pawel einzuwirken, am Ende scheitert er immer. Noch dazu ist er unglücklich in Nina verliebt. Kuchenbuch hatte es mit diesem „Rollen-Frankenstein“ sicher nicht leicht. Dieser so doch sehr vielseitig geratene Charakter hat allerdings auch seine Vorzüge, die Kuchenbuch sowohl im Ernsten als auch im Komischen hervorkehren kann.
Die Vermischung der verschiedenen Personenrollen gelingt in den meisten Fällen, vielleicht knarzt es aber – trotz Kuchenbuchs souveränem Spiels – bei Dorn etwas. Denn einen Arzt (auch wenn er „nur“ ein Frauenarzt ist), der tödlich erkrankt und Blut spukt, sagen zu lassen: „Er lasse sich nicht von Ärzten behandeln“, wirkt widersinnig oder wenn er plötzlich von sich als „Lehrer“ redet, dann stutzt man. Selbst wenn diese kleinen Stolperfallen gewollt sein sollten, hätte es Dorns Rolle keinen Abbruch getan, wären es hier weniger Figurenschnipsel gewesen.
Was bisher nur kurz erwähnt wurde: Tschechows Biographie durchzieht die Inszenierung wie ein roter Faden, nicht nur in Form von Dorn. Gleich in den ersten Minuten, bevor der Vorhang aufgeht, wird in einer Videoprojektion (Lars Figge) eine Fotografie der ersten Lesung von Tschechow aus seiner Möwe zum Leben erweckt. Dort sitzt der Meister im kleinen Kreise und als er seine Lesung beendet, wird er mit Applaus bedacht, woraufhin alle gehen und er allein zurückbleibt. So wird aus dem Stück ein Stück im Stück. Auch kleinere Anspielungen finden sich in den Dialogen, z. B. wird aus dem Kurort Dorns, der im Original „Genua“ist, zu „Nizza“ umgemünzt, weil Tschechow sich eben zu Kurzwecken in Nizza aufhielt. Als Dorn im Krankenhaus liegt, ist es das Krankenzimmer Nr. 6 – kein Zufall, denn so heißt eine Novelle Tschechows.
Man sieht, dass Sascha Hawemann und Jens Groß (Dramaturgie) sich eine Menge haben einfallen lassen, um ihre biographischen und literarischen Kenntnisse der Zuschauer auf die Probe zu stellen.
Wobei manches mehr Spielerei sein mag, anderes wiederum das leidige Thema der Kunst der Schriftstellerei greifbarer macht.
Stilistisch zeichnet sich die Inszenierung dadurch aus, dass man sehr textgetreu anhand den Vorlagen gearbeitet und nur sehr wenig „Gegenwartssprache“ oder Fremdtext hinzugefügt hat.
Doch was hat das Stück darüber hinaus zu bieten?
Die Bühne (Alexander Wolf) wirkt auf den ersten Blick klassisch, fast bieder. Sie erfüllt sogar Tschechows Anweisungen, wo welche Stühle, Zettelstapel etc. stehen sollen und doch emanzipiert sie sich, indem sie – als inhaltliche Hilfe – zwei Leuchtboxen, die als Podest die Mitte des Bühnenbildes bilden mit den simplen Hinweisen „Am See“ und „Kunst“ installiert. In einzelnen Szenen leuchtet das entsprechende Feld auf, wobei „Am See“ sicherlich einfacher zu verstehen ist als „Kunst“.
Kostja, der „Neue Formen“ sucht, führt sein Stück mit wummernder Technomusik über einen Apple-PC und Videoinstallation auf. Einer der wenigen modernen Elemente, die am Ende des Stückes wieder aufzufinden sind.
Auch die Kostüme (Ines Burisch) sind mehr der Epoche Tschechows entsprungen, sieht man von Nina in ihrer Zeit vor Moskau ab, als sie noch wild und nach Freiheit strebend ein Sexpistols-Shirt trägt, das sie zuletzt gegen ein geschlossenes Kleid mit Pumpärmeln eintauschen wird und dadurch genau so bieder wirkt, wie die ganze Kunstwelt, in der Pawel und Trigorin verkehren.
Hawemanns Inszenierung ist keine radikale Modernisierung des alten Bühnenstoffes wie Kostja es im Sinn hatte und woran er letztlich gescheitert ist, sie ist mehr eine Art Light-Version bzw. zeigen eben dieses Scheitern der „neuen Formen“. Modernisierungen sind wohldosiert eingefügt und der Steif des alten Theaters wird bewusst mehr in den Vordergrund gestellt.
So erhält man viel Original-Tschechow und erlebt ihn dennoch im gewissen Sinne neu, wenn auch nicht unbedingt unmittelbar, sondern erst nach der eigenen Nachlektüre. Ein sanfte Einstiegsdroge könnte man sagen, die Kunst, Komödie und Tragödie mit feinem Faden verwoben hat und doch gewisse Löcher hinterlässt, die man vielleicht noch mutiger hätte neu vernähen können.
Rebecca Telöken
Hinweis: Noch mehr Čechov!
Für ihre neue Produktion von Die drei Schwestern sucht das Ensemble dauertheatersendung noch Mitspieler*innen. Ein offenes Casting findet am 9. März 2026 um 19:30 Uhr in der Brotfabrik Bonn statt.

